"Denken heißt Überschreiten"

Bobby Fischers Schacherfindung wird bei den Chess Classic Mainz 2002 erstmals von vielen Weltklassespielern getestet

Von Harald Fietz

2001 war der erste Schachsommer im neuen Jahrhundert nicht nur durch das Auftreten der beiden neuen Weltmeister geprägt, sondern durch den ersten bedeutenden Praxistext im Fischer Random Chess. Neben dem damaligen "Duell der Weltmeister" zwischen Viswanthan Anand und Wladimir Kramnik hatte es sich Hans-Walter Schmitt als Organisator der Chess Classic Mainz auf die Fahne geschrieben, diese Variante des Schachs auf Top-Niveau zu präsentieren. Das Acht-Partien-Match zwischen Peter Leko und Michael Adams sorgte dafür, dass die breite Schachöffentlichkeit von einer Innovation des amerikanischen Schachgenies Kenntnis nahm, die bislang eher dem Hörensagen nach bekannt war.

2002 wird der erste Schachsommer für einen breiten Praxistest im Chess960. Marketing-Experte Hans-Walter Schmitt ließ sich diesen neuen Namen einfallen, um für die von ihm bevorzugte Variation des königlichen Spiels einen einprägsameren Namen zu haben. Die Journalisten werden es ihm danken, müssen sie doch nun nur ein statt drei Wörter in ihren Artikeln tippen. Aber vorrangig müssen bei den CCM 2002 die Schachspieler von Groß- bis zum Kleinmeister überzeugt werden. Während der vier Tage vom 15. bis 18. August kann der aufgeschlossene Schachjünger beide Spielformen testen - erst zwei Tage Chess960, dann zwei Tage übliches Schach. Alles im Schnellschachformat mit 25-Minuten-Partien. Ein auf mehr als 30.000 Euro erhöhter Preistopf mit vielen Sonder- und Ratingwertungen bietet jedem Anreiz. Eine Kombinationswertung beider Wettbewerbe verleitet zum Großeinsatz mit insgesamt 22 Runden von Donnerstag bis Sonntag.

Bereits zwei Wochen vor Meldeschluss zeigt sich, dass gerade die Top-Spieler den Einsatz auf unbekanntem Terrain nicht scheuen. 30 Großmeister und Großmeisterinnen schmücken bereits die Teilnehmerliste. Insbesondere Spieler, die in der ehemaligen Sowjetunion ihre Schachausbildung erhielten, scheinen wenig Vorurteile zu haben. Peter Swidler, Alexej Drejew, Rafael Waganjan, Sergei Rublewski, Michail Krasenkow, Wladimir Epischin, Viktor Bologan, Jewgeni Pisgusow, Artur Jussupow, Rustem Dautow, Vadim Milov, Pavel Tregubow, Jewgeni Agrest, Igor Glek, Konstantin Asejew, Wladimir Chuchelow, Felix Levin, Alexei Barsow, Nino Khurtsidse, Natalia Kiseleva stellen sich ebenso wie Lajos Portisch, Bogdan Lalic, Joe Gallagher. Neben Jussupow und Dautow ist die heimische Spitze durch Vlastimil Hort, Raj Tischbierek und Eric Lobron noch eher spärlich vertreten. Mit dabei sind aber unbekümmerte Jungstars wie der Inder Krishnan Sasikiran und der Ukrainer Andrei Volokitin.

Alle erwartet ein Wettbewerb, bei dem traditionelle Herangehensweise wenig anzutreffen sein werden. Zunächst wird beim Chess960 "die Mannschaft auf der Grundlinie" ausgelost. Dann gilt es, sich von Beginn im Labyrinth ungewöhnlicher Bauern- und Figurenkonstellationen zurechtzufinden. Der versierte Eröffnungskenner befindet sich auf absolutem Neuland, und ein einziger Fehlzug kann bereits fatale Folgen zeitigen. Dies erfordert das Abstreifen von Denkschablonen, aber ist es wirklich diese Qualität, die dem Chess960 künftig einen respektablen Platz neben dem Normalschach eröffnen kann? Selbst Koryphäen sind noch zögerlich. Ex-Fide-Weltmeister Viswanathan Anand wäre bereit, an hochkarätigen Chess960-Wettbewerben teilzunehmen, ist sich aber des Stellenwerts noch unsicher: "Lasst uns zuerst sehen, wie die Öffentlichkeit, die Presse und die Spieler es akzeptieren." Wer allerdings akzeptieren will, muss kennen - insbesondere die etwas andere Dynamik des Spiels. Daher sollen hier - zusätzlich zu den Vorberichten über Austragungsmodalitäten - einige Betrachtungen zum gegenwärtigen Diskussionsstand des neuen Schachtyps gegeben werden.

Viswanathan Anand
© Harald Fietz

Ausgereiztes Schach?

Als sich der meistgefeiertste Schachjubilar des Jahres 2001, der 70-jährige Viktor Kortschnoi, 1952 auf sein erstes Finale der UdSSR-Meisterschaft vorbereitete, beschloss er, die Grünfeld-Indische Eröffnung in sein Repertoire aufzunehmen. Zu diesem Zweck trug der staatlich finanzierte Schach-Profi aus unterschiedlichen Quellen zirka 100 Partien handschriftlich zusammen, die nach intensiver Durchsicht den Grundstock für ein erfolgreiches Debüt im neben den Weltmeisterschaften stärksten Wettbewerb jener Tage bildeten. Der sechste Platz unter 20 Teilnehmern ließ aufhorchen.
Ein knappes halbes Jahrhundert später wählte der WM-Herausforderer Wladimir Kramnik die gleiche Vorgehensweise. Die Berliner Verteidigung in der Spanischen Partie wurde neu ins Arsenal aufgenommen, um das Fundament für die Erringung der höchsten Schachkrone zu legen. Doch die Vorbereitung gestaltete sich grundverschieden. Nicht nur die Datenbasis auch die Datenbearbeitung hat sich gewandelt. Ende 2000 wies die Datenbank des marktführenden Unternehmens einen Bestand von etwa 1,4 Millionen Partien auf (davon rund 2.500 Partien zu C67); mit den drei Großmeister-Sekundanten Jewgeni Barejew, Miguel Illescas und Joel Lautier arbeitete die menschliche Analysemaschinerie rund um die Uhr. Das Ergebnis war im gewünschten Sinne, denn viermal prallten Garri Kasparows Angriffsbemühungen wirkungslos ab.

Diese Folgen moderner Eröffnungskunde sind charakteristisch für den Trend im gegenwärtigen Spitzenschach: Eine Variante wird in allen Nuancen durchforstet, um in erster Linie das Spiel des Gegners zu neutralisieren. Frustrieren des Großmeister-Kollegen wird zum Motto turniertaktischer Ränkespiele. Der Terminus "Auspräparieren" scheint seit der Weltmeisterschaft 2000 salonfähig. Die analytische Arbeit an Eröffnungssystemen, wie z. B. der Grünfeld-Indischen oder der Russischen Verteidigung, mündet in den Zustand, dass Abspiele ad acta gelegt werden oder die Remisbreite selten verlassen. Ein Abweichen vom "Mainstream" der Eröffnungstheorie stellt bereits eine erwähnenswerte Ausnahme dar, wie Peter Swidler in seiner 25-zügigen Tiefenanalyse der Grünfeld-Indischen Verteidigung en passant bemerkt: "Höchste Anerkennung zolle ich Pawel Tregubow, der hier mit 15.Ld3!? trotz aller Kramnik'schen Vorbilder einfach einen ‚eigenen' Zug spielte - ein höchst seltenes Vorkommnis in unserer Zeit!" (in: Schach, 2001 Nr.8, S.59) Querdenken gilt als fast genial. Züge aufgrund von selbständigen Überlegungen zu spielen versetzt in Erstaunen, denn das theoretische Bollwerk hat die Plage der Kurzremisen in den 70er und 80er Jahren abgelöst.

Gerade diesem Trend will Chess960 den Kampf ansagen. Befragt zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal zwischen dem klassischen Schach und Chess960 äußert sich der in der Schweiz beheimatete und aus der Sowjetunion stammende GM Vadim Milov in gutem Deutsch - allerdings mit einer sinnfälligen Verwechslung der Begriffe "Wirtschaft" und "Wissenschaft". Seiner Meinung nach "ist Schach unter anderem eine Wirtschaft, und beim Chess960 wird man auf großen Teil der Schachwirtschaft - auf die Theorie - verzichten müssen." Eine Symbiose aus ökonomisch rationellem Ressourceneinsatz und systematischem Forscheraktivitäten betreiben Profis heutzutage. Die Top-Könner umgeben sich mit Strukturen wie kleine Unternehmen mit einem ständigen Stab von Sekundanten, Konditionstrainern, Managern und Berichterstattern im Umfeld. Sie wandeln auf dem Pfad der teamgestützten Suche nach Neuerungen und der stetigen Sichtung und Verwaltung wachsender Datenmengen. Peter Lekos Statement unterstreicht dies nachdrücklich: "Das klassische Schach begünstigt in der Regel den ‚Schachsportler' unter den Großmeistern. Derjenige, dessen Vorbereitung - vornehmlich im Eröffnungsbereich - am besten zum Tragen kommt, hat einen großen Vorteil. Dafür muss man hart und effektiv arbeiten. Viel Zeit und Energie ist erforderlich, um überhaupt wettbewerbsfähig zu sein."


Peter Leko
© Harald Fietz

Der "Naturspieler", wie Emanuel Lasker ihn titulierte, ist also kaum mehr präsent. In seinen Betrachtungen zum Schachspiel aus den Jahre 1931 pries er diesen Spielertypus zwar, hob aber auch sein Manko hervor: "Er wagt mehr als der Buchspieler und unterliegt ihm für gewöhnlich, aber er ist dennoch auf dem rechten Wege, denn der Buchspieler hat vielmehr Mühe und ist viel einseitiger als der Naturspieler. Insbesondere bei großen Meistern zeigt sich dieser Gegensatz in hellem Lichte. Der Buchspieler kann nur höchstens der Mittelmäßige werden, im Naturspieler aber fließt der Born des schöpferischen Geistes" (zitiert in Lembecke 2001, S.138) Kann eine Hinwendung zum Chess960 den Weg zu bahnen, die Theorieüberfrachtung einzudämmen und mehr Genuss am "natürlichen" Spiel bringen?

Chess960

Für viele Schachspieler - Profis wie Amateure - wird, selbst nach dem Match Leko - Adams, gelten, was der deutsche Spitzenspieler Robert Hübner beim Nachfassen gewohnt logisch resümiert: "Die Fragen setzen nämlich voraus, dass man die Sache kennt und sich schon ein wenig mit ihr befasst hat. Dies ist bei mir nicht der Fall; ich muss die Bekanntschaft mit dieser Form des Schachs erst noch schließen - obwohl mir schon die bekannte klassische Form des Schachs viel zu schwer ist."

Chess960 stellt den Spieler vor eine grundlegend ungewohnte Ausgangssituation. Kann das für den Normalschachspieler reizvoll sein? Drei zum klassischen Schach wesentliche Unterschiede sollen anhand der Partien von den CCM 2001 eine vorläufige Bilanz bringen:

  1. Die Eröffnung fußt nicht mehr auf erworbenen Wissen; dies soll größere Chancengleichheit ermöglichen.
  2. Das Denken in Mustern unterbleibt weitgehendst, weil ungewöhnliche Figuren- und Bauernstrukturen seltener strategisches Planen mit aufeinander abgestimmten Zwischenzielen erlauben.
  3. Die Rochade wird zu einem dynamischen Bestandteil des Spiels, da abrupte Änderungen der Stellung eintreten können.

Michael Adams
© Harald Fietz

Die geringe Praxisbasis zeigt bereits, dass aufgrund dieser Faktoren in fast jeder Stellung absolute Aufmerksamkeit erforderlich ist. Jeder Zug birgt neue Rätsel, verlangt das exakte Hinschauen, ob nicht doch ein Fallstrick ausliegt oder eine überraschende Wendung eintreten kann. Niemand wird ausgerechnet jene der 960 Ausgangspositionen studiert haben, die gerade heute gespielt wird. Doch selbst in diesem Fall ist da immer noch der Spieler auf der anderen Seite, der die Situation nicht kennt und unkonventionell reagiert. Vor dem Zufall sind alle gleich. Doch sollten nicht gerade die Spielerfahrung der Profis ausreichen, auch in Partien mit mehr konkreten Entscheidungsfindungen erfolgreicher zu sein? Denn schließlich bewegen sich noch alle auf dem gleichen glatten Terrain.

Die Eröffnung und die neue Chancengleichheit

Unzweifelhaft strebt Chess960 danach, die unmittelbare Kreativleistung am Brett stärker zur Geltung zu bringen. "Derjenige, der besser Theorie kannte, hat keinen solchen Vorteil mehr. Ab jetzt spielen nur Improvisation und Phantasie eine Rolle", unterstreicht Vadim Milov. Schachmoderator Helmut Pfleger stößt ins gleiche Horn: "Vergesst Eröffnungen zu studieren." Auch aus Sicht des Vereinsspielers kann man der neuen "Waffengleichheit" etwas Positives abgewinnen, wie es Hans D. Post, der Webmaster des Hessischen Schachverbandes, martialisch auf den Punkt bringt: "Zeig, was du kannst!" Einer der Berufensten, Michael Adams, scheint, nach dem Mainz-Match zu einem passenden Slogan befragt, seinen Humor nicht verloren zu haben: "Spiel Chess960 - niemand wird merken, dass du keine Eröffnungen kannst!"

Tatsächlich haben Eröffnungen beim Chess960 kaum mit Erlernten zu tun. Einige Charakteristika sind zu beachten: Chess960 leistet nicht selten Abtauschorgien Vorschub. Das Fehlen eines richtigen Mittelspiels fördert eher die Tendenz Endspiel zu erreichen, in denen Gleichgewicht herrscht. Chess960 kann allerdings auch in bekannten Schemata analog dem klassischen Schach verlaufen. In der sechsten Partie - zu einem Zeitpunkt als der Engländer 0-2 im Hintertreffen lag - loste das Programm "Schweinehund" eine Ausgangsposition aus, die es Weiß ermöglichte, nach nur acht Zügen vier wichtige Figuren auf "üblichen" Feldern zu platzieren (Dd2, Lh4, Sc3, Sf3). Schwarz konnte rechtzeitig "normal" gegenhalten und die Springer auf c6 und g6 bzw. die Dame auf d7 positionieren. Nach 14 Zügen befand man sich in einem üblichen Stellungstyp.

 

Adams,M (2730) - Leko,P (2750)
Chess Classic Mainz 2001 (6)

1.e4 g6 2.f4 d6 3.Sf3 Sc6 4.d3 f5 Der Aufzug des f-Bauern ist beim Chess960 ein Standardmanöver; man greift das Bauernzentrum an, dahinter stehen die Schwerfiguren bereit. 5.exf5 gxf5 Nach 5...Dxf5 6.g3 Sf6 7.Se3 Dd7 8.Lc3 Lf7 9.Sg5 Lg8 zeigt sich das häufige Dilemma im Chess960: die Koordination der Figuren. 6.Lh4 e6 7.Dd2 Sge7 8.Sc3 Sg6 9.Lf2 Dd7 10.d4 d5 11.g3 0-0-0 12.0-0-0 Kb8 13.Tde1 Lf7 14.b3 Sge7 15.Sa4 b6 16.Sb2 Sc8 17.Se5 De8 18.Dc3 Kb7 19.De3 Lg8 20.Sxc6 Dxc6 21.Sc4 Sd6 22.Sxd6+ Dxd6 23.Kb1 Lf6 24.c4 c6 25.Tc1 Lf7 Sieht aus wie eine normale Schachstellung, doch die Läufer auf f2 und f7 haben keine "richtigen" Plätze gefunden. 26.Tfe1 h5 27.h4 Tc8 28.c5 Dd7 29.a4 Tb8 30.Te2 Kc7 31.cxb6+ Txb6 32.Ka2 Tfb8 33.Tc3 Tb4 34.Dc1 T8b6 35.Tec2 Dd6 36.Dd1 Kd7 37.Lf3 Db8 38.Td2 Dh8 39.Tdd3 a5 40.Tc5 Ta6 41.Le2 Le7 42.Tc1 Lf6 43.Le1 Tb7 44.Lc3 Le8 45.Lb2 Ta8 46.De1 Ke7 47.Ld1 Dg8 48.Tc5 Tba7 49.Lc3 Dh8 50.Lb2 Kf7 51.De2 Ke7 52.Te3 Dg8 53.Dc2 Kd8 54.De2 Kd7 55.Txc6 Kxc6 56.Txe6+ Kd7 57.Txf6 Tc8 58.De5 Einfacher ist 58.Db5+ Ke7 (58...Kc7 59.Db6+ Kd7 60.Dd6#) 59.Db6 und Schwarz ist hilflos. Allerdings musste der Engländer in dieser Phase schnell ziehen, um jeweils ein 10-Sekunden-Zeitposter zu gewinnen. So läuft es letztlich auf eine Treibjagd mit dem Läuferpaar hinaus. 58...Tc6 59.Dxf5+ Kc7 60.De5+ Kb7 61.Txc6 Lxc6 62.f5 Dh7 63.f6 Ta8 64.Lxh5 Th8 65.Lf3 Te8 66.Dg5 Dc2 67.f7 1-0

Üblicherweise ist der Anzugsvorteil kaum mehr ein Faktor; es herrscht das Zufalls- (andere sagen Glück-) Prinzip. Sicher wird manchem Profi bange, wenn er weiß, dass es am nächsten Tag um ein gutes Preisgeld geht, man aber erst unmittelbar von Spielbeginn erfährt, unter welchen Konditionen der finale Countdown über die Bühne geht. Ohne mehr praktische Beispiele - auch mit Spielern unterschiedlicher Spielstärke - kann allerdings nicht belegt werden, ob Zufall mit der postulierten Chancengleichheit einhergeht.

Das Ende der Muster

Neben der Eröffnungstheorie erfährt die Schachstrategie beim Chess960 ebenfalls eine komplette Umdeutung. Fast alle typischen Muster, die zur Ausbildung des Positionsgefühls beitragen, greifen nicht mehr. Guter gegen schlechter Läufer, Figuren wie der Springer auf dem Idealfeld e5, typische Umgruppierungen von Figuren, Turmmanöver auf der dritten Reihe, offene Linien usw. können zwar analog stattfinden, aber im Umfeld völlig anderer Figurenkonstellation verlieren erprobte Pläne ihre Wirkung. Ohne von Erlerntem abgeleitete Einschätzung des Zusammenspiels wird - statt strategischem Planen - häufig spontan mit ad hoc Lösungen zunächst das Überleben gesichert, immer mit der Hoffnung, dass alsbald eine Normalstellung entstehen möge. Anand hat einen trefflichen Vergleich parat: "Chess960 ist wie eine Stadt ohne Stadtplan und Orientierung zu durchstreifen, aber es ist auch erfrischend, denn man beginnt frühzeitig das Denken." In der zweiten Matchpartie war bereits nach sechs Zügen der Weg zu frühen Figurenabtäuschen gebahnt. Just als die Stellung ausgeglichen war, patzte Adams eine Figur ein. Dies geschah als Folge eines typischen Chess960-Phänomens; nämlich des potenziellen Hängens von Türmen in der gleichen Linie. Dies unterstreicht, wie bedeutsam beim Chess960 das ständige in Betracht ziehen von unangenehmen Abzügen ist.

Adams,M (2750) - Leko,P (2730)
Chess Classic Mainz 2001 (2)

1.c4 g6 2.d3 f5 3.Lc3 e5 4.f4 d6 5.fxe5 dxe5 6.g4 Nach nur sechs Zügen standen sich bereits zwei Figurenpaare in ungewöhnlichen Fesselungen gegenüber! Der mexikanische GM Gilberto Hernandez betont, dass er die Läufer gerne in den Ecken hätte, um sie wie im Damen- und Königsindisch als Fianchetto zu gebrauchen. Doch Chess960 bietet dafür keine Garantie. 6...Lc6 7.Lxc6 Sxc6 8.gxf5 gxf5 9.Se3 Sge7 10.De1 De6 11.Sc2 O-O-O 12. O-O-O Sg6 13.b3 Lf6 14.e3 f4 15.exf4 Sxf4 16.De4 Lg5 17.Kb1 Dg6 18.Dxg6 hxg6 19.d4 exd4 20.Sxd4 Sxd4 21.Txd4? Übersieht eine "hässliche" Taktik. Richtig war 21.Lxd4 a6 22.Sf3 Lf6 23.Lxf6 Txd1+ 24.Txd1 Txf6 mit gleichem Spiel. 21...Sd5! 22.Txf8 Sxc3+ 23.Kc2 Txf8 24.Tg4 Lf6 Preisfrage: Wann hatte Michael Adams nach 24 Zügen jemals eine Figur weniger? 25.a3 Le5 26.Txg6 Se4 27.h4 Tf2+ 28.Kd3 Sc5+ 29.Ke3 Ta2 30.Sf3 La1 31.h5 Txa3 32.h6 Txb3+ 33.Kf4 Tb6 34.Tg1 Tf6+ 35.Ke3 Te6+ 36.Kf4 Tf6+ 37.Ke3 Lb2 38.Th1 a5 39.h7 Tf8 40.Th2 Lf6 41.Th6 Sd7 42.Kd2 Kd8 43.Kc2 Ke7 44.Sh4 Kf7 45.Sf5 Se5 46.c5 a4 47.Se3 a3 48.Kb3 Ta8 49.Ka2 Sd3 50.Th1 Sb4+ 51.Kb3 a2 0-1

Wie Michael Adams anmerkte, sieht sich der Chess960-Neuling im ständigen Spannungsfeld: Einerseits will er stellungsgerecht handeln, andererseits möchte er vertraute Elemente der Angriffsführung anwenden. Eine Übertragung bereits analysierter Muster unterstützt die Bewertung der aktuellen Position. Der Maler Paul Klee beschrieb in seiner Universitätsvorlesung "Beiträge zur bildnerischen Formenlehre" im November 1921 für sein Metier ein vergleichbares Prinzip: "Wir untersuchen die Wege, die ein anderer beim Schaffen seines Werkes ging, um durch die Bekanntschaft mit den Wegen selber in Gang zu kommen." (1995, S.91)

Für Chess960 ist der Rückgriff auf bewährte Angriffsmotive selten ein Mittel. Vielmehr "pendelten" in Mainz die Top-Spieler bei den ungewohnten Figurenarrangements noch unsicher zwischen Aktivierung von erworbenem Wissen und dem Abgleich mit der unmittelbaren Spielsituation. So griff Adams in Partie vier mit beiden Randbauern an, um einerseits einen Springer auf g3 zu vertreiben und andererseits seine a-Line zu öffnen, wurde dann jedoch im vernachlässigten Zentrum aufgerieben oder es gelang Leko in Partie fünf nicht, - nachdem der Königsflügel exakt wie beim klassischen Schach ausgelost wurde - den Hebel mental von "Experiment Chess960" auf "normal" umzulegen, obwohl die Stellung mit einem "fetten" Freibauer gewinnreif war. Chess960 bereitet Kopfzerbrechen, da strategische Elemente seltener aufeinander abstimmbar sind. Die Spieler haben zunächst eine möglichst breite Ausschöpfung vorhandener Kenntnisse versucht, wie Peter Leko zu bilanzieren weiß: "Im Unterbewusstsein haben wir sicher versucht, mehr in die klassische Richtung zu gehen. Das kann sich aber schnell ändern, wenn man einmal 100 oder 200 Partien unter Wettkampfbedingungen gespielt hat." Dann wird auch der Erfahrungsschatz mit der Rochade, dem ungewöhnlichsten Zug im Chess960, angewachsen sein.

Die Dynamik der Rochade

Anders als beim Shuffle Chess muss beim Chess960 der König zwischen den Türmen platziert sein, um die Rochade zu ermöglichen. Man unterscheidet die a-Rochade und die h-Rochade, aber beiden ist gemein, dass in eine Position rochiert wird, die man vom klassischen Schach gewöhnt ist. Dies bringt es mit sich, dass ein König schon mal einzügig von b1 nach g1 "flüchtet". Für jede Farbe ergeben sich 42 Möglichkeiten, die Majestät in Sicherheit zu bringen.

Bisweilen "springt" der König also zum entgegengesetzten Flügel weg und wirft dadurch ganze Angriffpläne schlagartig über den Haufen. Diese Dynamik verleiht dem Spiel mehr Vielfalt, fordert aber die Spieler in noch größerem Maß. Der israelische Fide-Meister und Psychologe Amatzia Avni nennt dieses Prinzip "die Überraschung des Ortes" (1998, S.30ff.), denn Schach ist oftmals ein Spiel der lokalen Kräftebündelung. Wird der Angriffsmasse das Objekt entzogen - in diesem Fall durch einen Flügelwechsel ("outflanking") - dann kann die ganze Partie kippen.

In der dritten Matchpartie wurde der weite Satz erstmals praktiziert, allerdings diesmal ohne Überraschungselement, da man sich in frühem Partiestadium befand und noch keine Ausrichtung auf einen Flügel stattgefunden hatte.

Adams,M (2730) - Leko,P (2750)
Chess Classic Mainz 2001 (3)

1.d4 d5 2.h3 c6 3.Sf3 e6 4.Lh2 Ld6 Auch daran muss man sich im Chess960 gewöhnen: Auf Diagonalen können schon im Eröffnungsstadium Mattgefahren oder Angriffe auf "eingekeilte" Schwerfiguren drohen. Daher kommt man nicht umhin, Leichtfiguren abzutauschen. 5.Lxd6 Sxd6 6.e3 Sg6 7.Ld3 Dc7 8.Sg3 f5 9.0-0 Die Rochade im Chess960 ist der Katapult, der zu vertrauten Positionsmustern führen kann. Schade für den Spieler, dessen König auf ungewohntem Terrain hängen bleibt. Schwarz könnte es hier dem Anziehende gleichtun: nur noch den Läufer auf g8 raus und dann die Majestät auf dem Königsflügel in Sicherheit bringen. 9...Se4 10.Se2 e5 11.b4 Eine beachtenswerte Alternative war Le6 nebst Rochade zum Königsflügel. Dann herrschte Schachalltag. 11...exd4 12.Sexd4 Tf8 13.Tc1 Se5 14.Sxe5 Dxe5 15.Sf3 Df6 16.c4 dxc4 17.Lxc4 0-0-0 18.Ld3 Ld5 19.Dc2 Kb8 20.a4 Sg5 21.Sxg5 Dxg5 22.Lf1 Le4 23.Dc5 h6 24.De5+ Ka8 25.Td1 Tde8 26.Dc7 Tc8 27.De5 Tce8 28.Dc7 Tc8 29.Dd6 f4 30.exf4 Txf4 31.Td4 Tf6 32.De7 Ld5 33.Te1 Df5 34.De3 Te6 ½-½

Im Match der Großmeister passierten keine einseitigen Wendungen, wie sie 2001 im Prominenten- und Journalistenturnier vorkam. Dann kann es langweilig werden, wie in der vorletzten Begegnung, als Adams und Leko die Könige aus der c-Linie mit der kurzen Rochade in die Königsecke bugsierten. Allerdings zeigte sich erneut der Trend, dass gesicherte Königstellungen zwar eine feine Sache sind, aber Figurenabtäusche kurz vor der Rochade oder unmittelbar nach den Verlassen der Grundlinie damit einhergehen. Unter diesen Bedingungen verflacht das Spiel nicht selten ereignislos.

Gegenwärtig muss festgehalten werden, dass es noch einer großen Anzahl von Praxisbeispielen bedarf, um die Mechanismen der dynamischen Rochade exakter zu erfassen - angesichts von insgesamt 84 Optionen zu rochieren und der Notwendigkeit, Figuren zu entwickeln und umzugruppieren, während die Grundlinie für die "extraordinären" Königszüge freigeräumt wird.

Ein Ausblick

Chess960 hat Konjunktur, weil seit einigen Jahren ein "Unbehagen am Schach" grassiert, wie es der ehemalige Zweitbundesligaspieler Silvo Lahtela skizziert hat. Der Berliner Autor, der 1999 unter anderem einen Thriller mit Schachkontext und dem Titel "Update" beim Ullstein-Verlag veröffentlichte, kritisiert die Computerisierung der Entwicklung des königlichen Spiels: "Wie ein Krebsgeschwür durchziehen endlose Eröffnungsvarianten aus riesigen Datenbanken die Gehirne der Spieler und töten erbarmungslos ab, was zumindest mich vor vielen Jahren zum Schach trieb: simple Spielfreude." (2001, S.46) Es herrscht allgemeines Einverständnis, dass die Lage im Spitzenschach bisweilen eintönig ist, aber Änderungen werden vorsichtig bewertet. Hat man die Hemmschwelle erst einmal überwunden, ist es eine Sache positiver Erfahrungen, wie der dreifache russische Landesmeister Peter Swidler glaubt: "Ich finde, dass es mich anregt, nach ungewöhnlichen Ideen und Manövern Ausschau zu halten, und letztendlich erreicht man doch mehr oder wenige normale Stellungen." Auch CCM-Schiedsrichter Sven Noppes weiß von seinem Lernprozess zu berichten: "Ich habe zuerst sehr offen gespielt, aber schnell gemerkt, dass beide Parteien am Anfang sehr unterschiedliche Pläne haben, da sie die Stellung völlig verschieden lesen und interpretieren. Die Partien waren mir zu schnell entschieden, deshalb spiele ich jetzt sehr geschlossene Eröffnungsbilder."

So unterschiedlich wie die 960 Ausgangsstellungen werden in den kommenden Jahren auch die Einschätzungen sein. "Unsere Gesellschaft lebt von der Vielfalt," meint unbekümmert IM Fabian Dötting und GM Gilberto Hernandez betont, "dass es wichtig war, dass zwei Top-Großmeister sich an Fischers Idee gewagt haben". Allerdings gibt Peter Leko zu bedenken, dass nicht alle Spitzenspieler begeistert sein werden, denn "für den ein oder anderen Top-Großmeister oder Weltmeister könnte ein schlechtes Abschneiden beim Chess960 mit erheblichen Prestigeverlusten verbunden sein". Andere Supergroßmeister, etwa der Ukrainer Wassili Iwantschuk, lehnen die neue Spielform ebenso ab wie die Teilnahme von Schachcomputern. Ein großes Fragezeichen steht hinter der Akzeptanz des Zufallsprinzips. "Auf Klub-Ebene kann es immer gespielt werden. Populär wird es aber dort nur, wenn es sich bei den Topspielern durchsetzt. Da Schachspieler oft kühle Rechner sind, bezweifle ich, dass sie auf Dauer Chess960 dem ‚normalen' Schach vorziehen werden. Der Faktor der Unsicherheit ist ihnen vielleicht zu groß", lautet die Einschätzung von Sven Noppes, der als Organisator des Deizisau-Open Erfahrungen mit Spielern aller Wertungsklassen besitzt. Peter Leko konstatiert eine gewisse Neugier und verweist auf Nebeneffekte: "Nach meinem Wettkampf mit Adams habe ich jedoch festgestellt, dass sich die Szene sehr interessiert, aber auch verunsichert ist. Ich bin aber überzeugt, dass diese Spielform viele Menschen zum Schach bringen oder zurückbringen kann, die wir sonst nicht mehr erreichen. Außerdem könnte es in der Jugendarbeit gut eingesetzt werden." Pessimistischer äußert sich Hans Post: "Ich glaube leider nicht, dass sich Chess960 auf breiter Front durchsetzen wird, ich sehe es eher als eine Art ‚Freestyle' (oder ‚Extreme Chessing') analog zu anderen Trendsportarten." Das würde möglicherweise den Geschmack manch junger Schachfans treffen, die im Alter der 14-jährigen WFM Arianne Caoili sind. Die Filipina schätzt zwar, dass Chess960 "Kreativität erzwingt", doch billigt sie dieser Form des Spiels nur einen Fun-Status zu: "Wer jahrelang (oder sogar ein Leben lang) das ‚richtige Schach' studiert und gespielt hat, wird es nicht akzeptieren."

Diese Schlussfolgerung trifft bei den Amateuren vielleicht noch mehr den Punkt als bei den Spitzenspielern. Letztere könnten in internationalen Chess960-Turnieren eine lukrative Einkommensquelle sehen, was für Profispieler nur zu verständlich wäre. Doch auch die pure Lust am Spielen kann ihren Reiz haben, wie sie Vlastimil Hort nach einem geheimen Treffen und vielen Partien mit Bobby Fischer in Budapest verspürt hat. Vor den Einsatz bei den CCM 2002 gibt er zu Bedenken: "Bei Kasparow und anderen läuft doch der ganze Tag der Computer. Sicher, wir hatten diese Probleme vor 25 Jahren noch nicht. Und wir wären bestimmt auch drangegangen, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten. Aber ohne diese Eröffnungsvorbereitung bietet Schach doch viel mehr Spaß! Die spielen heute doch nicht mehr Schach, sondern erinnern sich nur. Der Mensch soll sich aber ans Brett setzen, ohne Angst haben zu müssen, in eine vorbereitete Theoriefalle zu tappen!" Reichlich Argumente für eine andere Ausgangsposition auf der Grundreihe. Sollte Chess960 diesmal zudem - neben der bereits garantierten beachtlichen finanziellen Ausstattung - gut organisiert sein, so werden sich wohl nicht wenige Top-Spielern eine Woche in Jahr für den Zufall freihalten. Mainz könnte - ähnlich wie Monaco in Schnell- und Blindschach - der jährliche Wallfahrtsort für Chess960 werden. Wladimir Kramnik, obwohl diesmal nicht dabei, hat schon mindestens eine Trainingsnacht hinter sich. Zwischen den Turnieren von Mainz und Dortmund logierte der Weltmeister Anfang Juli 2001 in der Gästewohnung des Bad Sodener Chess-Classic-Organisators und hielt in einem 40 Partien-Schnellschachmatch seinen Sekundanten Miguel Illescas nur knapp mit 21-19 auf Distanz. Vielleicht springt durch hochkarätige Veranstaltungen auch ein Funke auf die große Masse der Schachenthusiasten über und diese mischen ihre Figuren durch. Dazu reicht es einfach, ein wenig über den Horizont hinauszuschauen. Artur Jussupow gibt dafür ein einfaches Motto aus: "Probiere es mal!" Ein Denksport bleibt es auf jeden Fall und "Denken heißt überschreiten", wie es der Philosoph Ernst Bloch im Vorwort seines Hauptwerkes "Prinzip Hoffnung" postuliert. Wenn jeder neue Impulse oder einfach nur Spiellaune aus einer unvoreingenommen Übung mit den 32 Figuren erhält, dann würde letztlich auch das klassische Schach profitieren!
Artur Jussupow
© Harald Fietz

Quellen

Avani, Amazia 1998: Surprise in Chess, London: Cadogan.
Lahtela, Silvo 2001: Unbehagen am Schach - Gedanken und Hoffnungsschimmer eines irritierten Amateurs, in: Schach, Nr. 8, S. 46-48.
Klee, Paul 1995: Kunst-Lehre, 3. Aufl., Leipzig: Reclam.
Kortschnoi, Viktor 1977: Chess is my life, London: Batsford.
Lembecke, Oliver 2001: Homo ludens oder homo oeconomicus? Die Bedeutung des Spiels im Denken Laskers, in: Michael Dreyer / Ulrich Sieg, (Hg.), Emanuel Lasker - Schach, Philosophie, Wissenschaft, Berlin / Wien: Philo Verlag, S. 129-151.