Die Marathonfrau

Vize-Weltmeisterin Alexandra Kostenjuk hält Männer fünfeinhalb Stunden in Schach

Von Harald Fietz

Mangelnde Ausdauer kann man der Grazie aus Moskau nicht unterstellen. Obwohl Vizeweltmeisterin Alexandra Kostenjuk im Gegensatz zu den männlichen Topstars nur 25 statt 40 Bretter in ihrem Simultan zu bewältigen hatte, stellte sie einen absoluten Rekord im Zeitverbrauch auf. Nach exakt fünfeinhalb Stunden reichte der letzte Mann die Hand zum Zeichen der Aufgabe. Keiner hatte jemals so viel Stehvermögen zeigen müssen. Kramnik benötigte vor sechs Jahren einmal fünf Stunden und fünf Minuten für seine 40 Gegenüber.

Mit Respekt, aber auch einem gehörigen Maß an Neugier erwartete man den zweiten Deutschland-Auftritt der medienpräsenten 18-Jährigen nach Dresden 1999. Erst am frühen Nachmittag traf sie mit ihren Manager Diego F. Garces aus London ein. Am Vortag hatte sie dort das britische Talent David Howell mit 3,5:0:5 im Schnellschach auf einem Großfigurenbrett in die Schranken verwiesen. In Mainz formierte sich aber härterer Widerstand. Neun der 25 Teilnehmer wiesen eine stattliche Wertungszahl von über 2000 DWZ auf - ein Kasparow verbietet sich mehr als fünf solcher Teilnehmer!

 

Neben den Vereinsspielern suchten auch einige Prominente die Herausforderung mit der ganz in schwarz gekleideten Globetrotterin. Bauchfrei - im sommerlichen Top - wandelte die dunkelhaarige Alexandra gemäßigten Schrittes von Brett zu Brett. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel und WDR-Kommentator Claus Spahn gaben sich redlich Mühe, davon nicht abgelenkt zu werden. Der Fernsehmann erhielt jedoch auf sein unbotmäßiges Remisangebot nach zehn Zügen ein trockenes "Njet" entgegengeschleudert. Hier kamen fortan die Züge blitzschnell auf das Brett - Majestätsbeleidigung ist eben nicht erlaubt. Schon nach 20 Zügen lag die Stellung als erste in Trümmern; noch schnell ein Autogramm und dann brachte auch das Kiebitzen am Nachbarbrett keine Ablenkung mehr.

Hier erregte das Spiel des schachbegeisterten Stadtoberhaupts die meiste Aufmerksamkeit und die Fotografen vollbrachten etliche Verrenkungen, um einen pfiffigen Schnappschuss für die Nachwelt auf Film zu bannen. Anders als der Gelegenheitsspieler Spahn vertreibt sich Beutel öfter im Kreise der lokalen Schachgrößen die Zeit. Gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, widmet er seine letzte freie Woche ganz dem königlichen Spiel. Neben dem Simultanauftritt hat er seinen Einsatz im Handicap-Wettbewerb mit Computerunterstützung gegen Viswanathan Anand zugesagt. Heuer galt es, aus einer gedrückten Stellung Gegenspiel zu suchen. Mit einem kombinatorischen Figurentausch im 26. Zug rückte das Dauerschach in Reichweite. Fünf Züge später war die Punkteteilung unter Dach und Fach.

Sechs Männer wollten mehr. Sie errangen den vollen Punkt. Der jüngste Sieger, der 12-jährige Daniel Körnlein, war besonders stolz auf seinen Erfolg: "Das ist ein ziemlich schönes Gefühl. Zuvor habe ich bereits 1997 gegen Wesselin Topalow ein Remis erreicht. Aber gegen Judit Polgar, Garri Kasparow und Wladimir Kramnik verlor ich." Seine Spielfreude will er auch beim Chess960 austoben: "Diese Spielart finde ich gut, Eröffnung ist ohnehin nicht meine Stärke."

Erst fünf Partien waren nach vier Stunden vorüber. Nach und nach reihten sich die Ergebnisse in die Tabelle ein, als beim Eröffnungsempfang bereits der Nachtisch verspeist wurde. Auf die Siegerlisten gelangten noch Bernhard Nagel vom SV Wiesbaden (Elo 2233), Paul Oberweis vom SK Schweich (DWZ 1999), Ahmed Siar Wahedi vom SC Steinbach (Elo 2142), Joachim Diaz vom SV Griesheim (Elo 2165) und Frank Müßig vom SF Heimersheim (DWZ 1908). Den halben Punkte erkämpften außerdem Werner Diehl vom SC Weiterstadt (Elo 2176) und Wolfgang Hettler (DWZ 1945).

Die Erschöpfung stand danach allen Schachfans ins Gesicht geschrieben. Die Marathonfrau wollte nur noch ins Bett - ein Nachtmenü mit reichlich Fleisch ließ sie sich zur Stärkung auf das Zimmer bringen. Am nächsten Tag hieß es erst mal ausschlafen.