Grazien packen die Keulen aus

Alexandra Kostenjuk und Elisabeth Pähtz haben keine friedlichen Absichten

Von Harald Fietz

Schlägt man im Duden das Wort "grazil" nach, stehen dort drei Definitionen: schlank, geschmeidig und zierlich. Auf die äußeren Erscheinungen der beiden Kontrahentinnen im "Duell der Grazien" bei den Chess Classic Mainz trifft dies sicher zu. Reichlich Presserummel im Vorfeld kaprizierte sich dann vorrangig auf Kleidung, Frisuren und Make-up der jungen Damen. Doch welcher Frauensport braucht heute keine Glamourgirls? Kahl geschoren wurde die in Dresden beheimatete Erfurterin beim morgendlichen Friseurtermin nicht, aber beim abendlichen Bretteinsatz musste anfangs gefürchtet werden, dass eine ziemliche "Rasur" stattfindet. Letztlich stand es nach drei Partien nur 2:1 für die russische Favoritin.

Nach einem kurzen, weichen Handschlag schien sowohl die jüngste deutsche Frauen-Großmeisterin als auch die russische Vizeweltmeisterin gewillt, mit harten Bandagen den Kampf zu suchen. Die Drachenvariante der Moskauerin deutete sogleich an, dass kompromissloses Spiel angesagt war. Einen ersten Knackpunkt in der Auftaktpartie stellte aus schwarzer Sicht der 15. Zug dar; fünf Minuten tüftelte die im rosa Top gekleidete Studentin der Moskauer Sportakademie. Artur Jussupow stellte klar: "Die schwarze Stellung ist leicht zu spielen." Entsprechend gequält windete sich die 17-jährige Deutsche ganz ungraziös im Schneidersitz in ihrem Bürosessel. Drei Züge später tauschten sie die Damen; mit 21.Ld2 vollendete Weiß auf den letzten Drücker die Entwicklung der Figuren. Schwarz konnte die Türme und Leichtfiguren nach Belieben postieren - für Weiß hieß die Parole "Vorsicht"! Die Uhr spielte diesmal keine Rolle, denn einträchtig tickten die Sekunden weg. 9:40 Minuten für Weiß zu 9:06 für Schwarz war die Restzeit bei Zug 22. 5:27 zu 5:59 zeigte das Display bei Zug 25. Just hier ereignete sich der Fauxpas. "Elisabeth versuchte sofort zu viel. Warum so kompliziert? Sie stand doch gut. Sie hätte statt Le3 einfach Le1 spielen sollen. Das war der entscheidende Moment der Partie. Mit Le3 hat sie eine falsche Kombination vorbereitet. Durch einfaches Schlagen mit Se3 wurde dies widerlegt", fasste Jussupow das Geschehen zusammen. Vater Thomas Pähtz sieht es ähnlich: "Alexandra hat uns mit einer Variante überrascht, die sie noch nie zuvor gespielt hat. Um einer Vorbereitung aus dem Weg zu gehen, spielte Elisabeth eine etwas "staubige" Nebenvariante im Drachensystem. Dies sollte der Partie ein positionelles Gepräge geben. Die Variante kannte sie von gemeinsamen Analysen mit ihrem Ex-Freund, dem Franzosen Robert Fontaine, mit dem sie weiterhin beim Erfurter SK in der Bundesliga zusammenspielt. Das Konzept ging auf, denn die Marschroute hieß ohnehin, damenloses Mittel- und Endspiel anzustreben, um der Russin ihre gefährlichste Waffe, die Dame, als taktisch starke Figur zu nehmen. Allerdings spürten wir als Betreuer im Zuschauerraum die große nervliche Anspannung der beiden Kontrahentinnen. In einer scheinbar ruhigen Stellung zeigte sich die mentale Schwäche meiner Tochter. Hier können wir künftig noch nach Verbesserung suchen. Diesmal setzte sich die Nervenstärke der Vizemeisterin durch. Schade, um die verpasste Chance, denn ich glaube, dass Elisabeth die Partie bestimmt gewonnen hätte, wenn sie mit 25.Le1 die richtige Aufstellung gefunden hätte. Aus meiner Sicht war diese Partie die dramatischste Begegnung an diesem Abend." Plötzlich stand es damit 0:1 - und der Schock schien richtig tief zu sitzen.

Und das Drama ging weiter. Obwohl die Führende eigentlich zu soliden Mitteln hätte greifen können, wählte Kostenjuk eine anrüchige Variante mit dem Opfer des e4-Sizilianisch-Bauern. Im 13. Zug beging die im rot-weißen Kostüm gekleidete Schülerin aus dem hochwassergeplagten Sachsen einen positionellen Schnitzer. 13...Sb4 tadelten Artur Jussupow und Matthias Wahls sofort. Weiß hatte nun das entscheidende Tempo, um den Läufereinschlag auf h7 zu exekutieren. Die kritische Situation erforderte sofort genaues Hinschauen, denn überall lauerten mit der weißen Dame auf h5 und dem Turm auf h3 die Mattgefahren. Nach 17 Zügen war auch das Gleichgewicht auf der Uhr verschoben: Weiß blieben 12:45 Minuten, Schwarz verfügte bloß über 7:12. "Für einen geringen Preis hat Weiß sehr viel Spaß", befand Wahls. Sein Partner in der Kommentatorenbox wählte drastischere Worte: "Der Angriff ist brutal!" Auch die Russin befiel die Aufgeregtheit, sie setzte sich auf ein angezogenes Bein und wippte im Stuhl herum. Dann wanderte der durchbohrende Blick über die gelockerte Stellung am Königsfügel. Für stilvolle Haltung bliebt beim losgelösten Brüten kein Platz. Die "farbenfrohe Kampfpartie" (Wahls) fand ein logisches Ende, denn der gebündelten Schwerfiguren-Power stand nur ein Turm entgegen, derweil der Damenflügel völlig paralysiert blieb. Objektiv konstatierte man im unterlegenen Lager: "Die zweite Partie hat Alexandra völlig verdient gewonnen. Sie bekam die taktische Stellung, die ihr behagte. Wir haben uns den Stellungstyp zwar angeschaut. Da diese Variante aber nicht als vollwertig gilt, haben wir ihr diesmal nicht besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auch Trainer sind nur Menschen."

Um die totale "Packung" zu vermeiden, musste die Pause genutzt werden. Der Vatertrainer blickt zurück: "Mit einem 0:2-Defizit waren natürlich erst einmal "Streicheleinheiten" angesagt. In der knappen Zeit zwischen den Partien entschlossen wir uns, die Herangehensweise der ersten Partie aufzugreifen, das heißt positionelle Orientierung, denn Beruhigung war genau das Richtige. Leider bevorzugten die Damen an diesem Abend zweischneidige Eröffnungen, die meinem Naturell als Herren-Großmeister nicht entsprechen. Für mich sind das ,Müllvarianten', aber jedem das seine. Elisabeths Konzept für den Wettkampf sieht - eben um vorbereiteten Abspielen zu entgehen - ein Agieren auf diesem Terrain vor. Nach 12...e6 überlegte sie ausgiebig. Ich merkte, dass sie mit dem Stellungstyp noch nicht allzu vertraut ist. Im Mädchen- und Damenschach ereignen sich dann häufig oberflächliche Stellungseinschätzungen." Doch sie fand eine Aufstellung, die lobende Worte der beiden Experten in ihrem Live-Bewertungen erhielt: "17.Lf4 ist sehr gut. Dieser Zug zeigt das Potenzial von Elisabeth", meinte der erfahrene Jugendtrainer Artur Jussupow . Mit 18.e5 wandelte sich jedoch sogleich ein sizilianischer Stellungstyp in eine französische Struktur. Drei Minuten hatte die Deutsche investiert, aber die Zuschauer wurden informiert, dass hiermit langfristige Schwächen verbunden sind. Doch keine der Grazien spielte auf Normallevel; Kostenjuk zog fast a tempo 21...Sd4 und saß nach 22.De3 in der Fesselung. Forciert sah sich ihre Dame einem Turm und zwei Läufern als geringstem Übel gegenüber. Jetzt hatte Weiß leichtes Spiel: Die Stellung öffnete sich und einer der ehemaligen Doppelbauern auf der b-Linie wurde zum mächtigen Freibauern. Das Ende kam logisch und auch die Zuschauer wussten das zu schätzen - schließlich will jeder weiterhin einen spannenden Zweikampf sehen.

Elisabeth Pähtz genoss danach verständlicherweise den Trubel. Zu später Stunde präsentierte sie sich gewohnt locker-launig der versammelten Journalistenrunde. Nach dem Sieg in der dritten Partie schöpfe sie wieder Hoffnung: "Als ich die ersten zwei verloren hatte, dachte ich mir: Jetzt ist eh' alles egal. So konnte ich befreit aufspielen." Die Niederlage in der ersten Partie habe sie so "geärgert, dass ich in der zweiten Begegnung 15.Lxh7+ übersah. Als ich gezogen hatte, bemerkte ich den Fehler", gestand sie das Malheur. Trotzig erklärte Pähtz nach dem versöhnlichen Abschluss: "Positionell bin ich besser, taktisch sie vielleicht ein bisschen mehr. Der große Unterschied besteht in den Nerven, die bei den Frauen ganz wichtig sind", befand die Spitzenspielerin des deutschen Damen-Mannschaftsmeisters Dresdner SC. Froh gelaunt stichelte die 17-Jährige auch gleich wieder in Richtung ihrer Erzrivalin. "Dieses rosa Top war doch schrecklich!" Sie kaufte indes am Vortag noch bei H+M den passenden roten Rock zu ihrem Jackett - ein rotes Jackett erhält übrigens auch die Gewinnerin in Mainz ... Solche "Extrazüge" liefern auch der breiten Öffentlichkeit eine prickelnde Aura: "Duell der Zicken - und der OB Beutel strahlt" titelte die Bild-Zeitung am Tag darauf nicht ganz unberechtigt. Schach muss sich daran gewöhnen, ein wenig Show zu vertragen - und die Grazien sind ideal geeignet, das Blut der Zuschauer noch einige Male zum Kochen bringen.