Grazien zeigen Nerven

Elisabeth Pähtz verpasst die Führung gegen Vizeweltmeisterin Alexandra Kostenjuk

Von Harald Fietz

Die Augen der jüngsten deutschen Großmeisterin waren noch feucht während der abendlichen Pressekonferenz. Zehn Minuten dauerte der "Rückzug", um die drei ereignisreichen Partien von Tag zwei des "Duells der Grazien" mental zu verarbeiten. Am ersten Tag verhinderte die Dresdner Schülerin eines Sportgymnasiums mit ihrem Sieg in der dritten Runde ein Desaster. Wie die vierte Partie deutlich machte, tankte sie dadurch - nach dem schnellen 0:2-Rückstand - viel Selbstvertrauen. Im Sizilianer mit Rochaden auf verschiedenen Flügeln marschierte die Russin am Königflügel auf. Die mit einer schwarzen Ledertarnkappe bekleidete Erfurterin verdiente sich mit 23...0-0 den Respekt der kommentierenden Großmeister: "Ein wirklich männlicher Zug!", rief Eric Lobron in die lauschende Menge. Obwohl Kostenjuk die f- und g-Linie öffnen konnte, lag nicht Konkretes in der Luft. Ihre Figuren gelangten einfach nicht zum Königsflügel und trotz heraufziehender Zeitnot (bei Zug 30 besaß Weiß noch 6:51 Minuten und Schwarz nur 3:30) drehte sich das Blatt. Zuvor noch schnell den "professionellen Zug" Kg8 (O-Ton Lobron) eingeschoben, dann lugten alle Figuren auf das verwundbare Feld b2. Insbesondere der Läufer auf der Diagonalen a1-h8 und der Springer am Damenflügel erforderten höchste Aufmerksamkeit. Das Zeitposter der Vizeweltmeisterin schmolz, und die Stellung drohte überall auseinander zu fallen. Den Damentausch im 36. Zug verschmähte sie unter Zeitdruck, doch hätte dies das Überleben erleichtert. Nun setzte Blitztempo ein. Mit großem Jubel quittierten die über 500 Zuschauer, dass Pähtz mit dem vorstürmenden a-Bauern den Bauernschutz vor dem weißen König beseitigte.

Dieser Adrenalinkick reichte noch für die nächste Partie. Hier gerieten Artur Jussupow und Eric Lobron ins Schwelgen: "Will Elisabeth einen Weltrekord in Fesselungen aufstellen?", meinte der gebürtige Moskauer. "Sicher, das ist ein Spiel auf ein Tor", konterte der Wiesbadener. Der neuralgische Punkt befand sich auf c6. Nach Damentausch zoomten die verbliebenen Türme und der Springer hierauf ein. Mit der Eroberung des Bauern wartete in der b-Linie Doppelbauern auf den Abmarsch. Kostenjuk spürte die Anspannung. Hyperaktiv wippte sie mit den Beinen, während sich die Ellbogen krampfhaft am Tischrand abstützten. Eric Lobron wäre diese Motorik zu viel gewesen: "Ich bewundere, wie cool Elisabeth bleibt. So wie Kostenjuk wippt, muss der Tisch ganz schön schwingen. Ich wäre längst beim Schiedsrichter. Warum sollen ihre Probleme meine Probleme sein?" Artur Jussupow, mit dem "Elli" seit dem zwölften Lebensjahr zweimal jährlich Trainingstage absolviert, lobte seine Schülerin: "Sie macht einen souveränen Eindruck. Das wird eine Partie als ‚Kunst der Fesselung'." Doch leicht gewonnen muss in Zeitnot erst einmal realisiert werden. Beim 43. Zug blieben ihr noch 1:17 Minuten, während Kostenjuk noch 3:59 in petto hatte. Statt 42.Tc7 ging es einfach, denn die Idee Sc6, Kd3 und b4-b5-b6-b7 sprang sofort ins Auge. Doch die Nerven sind noch das Problem der Sächsin. Der deutsche Spitzenspieler glaubte dennoch an den Sieg, weil es Weiß gelang, sein Zeitkontingent aufzustocken. "Sie kann jetzt die Partie lesen. Sie weiß, was Kostenjuk noch übrig bleibt." Zehn Züge wurde der Ton garstiger: "Sie hat die Kontrolle verloren!" Mit 69.e5 verpasste sie den sofortigen Siegeszug. Mit 77.Te8 statt richtigerweise 77.Td8 war der Zug abgefahren. Die Philidor-Endspielstellung gilt als Allgemeingut. Nach 16 weiteren Zügen wurde frustriert ins Remis eingewilligt.

Damit war in Partie sechs die Aufmerksamkeit futsch. Abgeklärt fertigte der momentane Medienstar der Schachszene die angeschlagene Gegnerin ab. Im Kalaschnikow-Tempo rasselte es Eröffnungszüge - der schwarze König blieb in der Mitte hängen und wurde am Brettrand erledigt. Besser ein Ende mit Schrecken, statt ein Schrecken ohne Ende. "Das passiert nun mal", meinte die Unterlegene lakonisch. Mit 3,5:2,5 liegt der Matchball zwar auf der anderen Seite, aber vielleicht schwingt das Glückspendel noch zurück.