Topfeld nicht nur im Ordix Open

Prall gefüllter Preisfonds bei den Chess Classic Mainz / Portisch spielt nicht nur gegen Bobby Fischer "Chess960"

Von Hartmut Metz

Das stärkste und größte Schnellschach-Open der Welt setzt auch 2002 neue Maßstäbe. Die Open-Turniere bei den Chess Classic Mainz (CCM) sind diesmal mit insgesamt 30.000 Euro dotiert. Im Vorjahr gab es "nur" 45.000 Mark beim Ordix Open zu verdienen. Die 10.000 Mark für den Sieger heimste der Weltranglistenfünfte Michael Adams ein. Mit 9,5/11 lag der Engländer einen halben Punkt vor dem Schweizer Vadim Milov. Weltklassespieler wie die russischen Asse Sergej Rublewski (ebenfalls 9 Punkte/4.), Alexej Drejew (7.), Peter Swidler (beide 8,5) und der damalige Weltranglistenvierte Alexander Morosewitsch, der mit acht Zählern nur Rang 20 belegte, landeten hinter den Medaillenplätzen. Der deutsche Nationalspieler Rustem Dautov musste sich gar mit dem 21. Platz bescheiden. Allerdings auch nicht unbedingt eine Sensation bei über 100 Titelträgern im 487 Teilnehmer zählenden Feld.

Mit so vielen Anmeldungen rechnet CCM-Organisator Hans-Walter Schmitt heuer nicht. "Dass wir Spieler auf Wartelisten setzen mussten, war ein Novum. Mit fast 500 Teilnehmern rechne ich nicht. Wenn wir diesmal 300 bis 400 anlocken, sind wir zufrieden", erklärt der Bad Sodener. Dass der 50-Jährige Präsident der Frankfurt Chess Tigers aber alles unternimmt, um noch mehr Stars in die Rheingoldhalle ans Brett zu bringen, sieht man am Preisfonds: "Mancher Veranstalter wirbt damit, dass alle Startgelder als Preise ausgezahlt werden. Wir legen auf diese Summe nochmals 15.000 Euro drauf!", verspricht Schmitt. Das Startgeld im Ordix Open, das am 17. (Anmeldeschluss 12 Uhr) und 18. August im Congress Centrum Mainz ausgetragen wird, beträgt bei Voranmeldung - weitere Informationen dazu finden sich am Ende des Textes - 40 Euro. Jugendliche und FIDE-Meister zahlen 15 Euro weniger. In diesen Preisen ist zudem der Eintritt für die allabendlichen Top-Veranstaltungen (6 bzw. ermäßigt 4 Euro) enthalten. CCM-Titelverteidiger Viswanathan Anand wird von seinem Nachfolger als FIDE-Weltmeister, Ruslan Ponomarjow, gefordert. Zeitgleich ab 18.30 Uhr tragen überdies die 17-jährige Elisabeth Pähtz und die 18-jährige Vizeweltmeisterin Alexandra Kostenjuk das "Duell der Grazien" über acht Schnellschach-Partien aus.

Neben den Sachpreisen in Höhe von 2.200 Euro werden sich 51 Geldpreise über die Besten des Ordix Opens ergießen. Darunter zahlreiche Ratingpreise von unter 1750 DWZ bis hoch auf 2400 Elo (600 Euro), Damen und Senioren (je 250 Euro). Auf den ersten Blick kann der Gewinner des Turniers 7.000 Euro kassieren. Diese Rekordsumme bei den Chess Classic ist aber nicht leicht zu ergattern. Wieder einmal ließ sich Schmitt etwas Besonderes einfallen: Nach dem hoffnungsvollen Beginn im Fischer Random Chess will der 50-Jährige diese Schach-Variante bei den CCM weiter fördern. Deshalb schaltet der Macher am 15. (Anmeldeschluss 12 Uhr/der Donnerstag, Mariä Himmelfahrt, ist in einigen Bundesländern ein Feiertag) und 16. August ein Turnier im Fischer Random Chess vor. Nur heißt es nicht Fischer Random Chess, sondern soll einprägsamer Chess960 genannt werden. Die Zahl 960 gibt hierbei die unterschiedlichen Möglichkeiten, die bei der Auslosung der Startaufstellung aufs Brett gelangen können, an. Um ein Tohuwabohu zu vermeiden, müssen die Akteure die Figurenstellung vor dem ersten Zug nicht selbst ermitteln. Die Auslosung übernimmt die Turnierleitung, die den Spielern vor jeder Runde die Startvariante auf einer Großbild-Leinwand zeigt. "Da wir unter der Woche spielen, rechne ich nur mit 100 bis 120 Teilnehmern", schätzt Hans-Walter Schmitt eher vorsichtig. An der Klasse der Chess960-Spieler gibt es aber bereits jetzt keinen Zweifel: Mit dem Weltranglisten-16. Swidler und dem Weltranglisten-19. Drejew lassen zwei Topleute wenig Berührungsängste mit der neuen Variante erkennen. Die Resonanz anderer Topspieler fiel bereits im Vorjahr positiv aus, als Peter Leko Adams im ersten "WM-Match" im Fischer Random Chess in Mainz mit 4,5:3,5 schlug. Leko hob einen Vorteil des "Freistil-Schachs" besonders hervor: "Endlich muss man sich nicht mehr die ganze Nacht hindurch mit den Eröffnungszügen des nächsten Gegners plagen. Die beste Vorbereitung für den nächsten Tag besteht darin, gut zu schlafen!" Wladimir Kramnik beschäftigte sich nach dem "Duell der Weltmeister" im Congress Center Mainz mit der neuen Variante - und war begeistert. Der Russe konnte sich nicht mehr davon lösen und bestritt mit seinem spanischen Sekundanten Miguel Illescas rund 40 Blitzpartien im Fischer Random Chess! Gegenüber Schmitt ulkte der Weltmeister, dass Garri Kasparow sicher auch sehr davon angetan sei. "Schließlich kann er bei den 960 Startpositionen einen Haufen neue Varianten aushecken!" Besonders angetan zeigte sich im Vorjahr auch Moderator Eric Lobron von Chess960. Der Lokalmatador aus Wiesbaden ist ebenso wie Lajos Portisch einer der weiteren Großmeister, die das Experiment nicht scheuen. Am meisten Erfahrung hat dabei gewiss der Ungar: "Ich habe mit Bobby Fischer selbst viele Partien im Fischer Random Chess gespielt", berichtet der vielfache WM-Kandidat Portisch.

Um möglichst viele Anhänger für "sein" Chess960 zu gewinnen, ermäßigt Schmitt nicht nur das Startgeld für Spieler, die an beiden Open teilnehmen um zehn Euro. Anstatt jeweils 40 Euro pro Wettbewerb müssen nur insgesamt 70 Euro (FIDE-Meister und Jugendliche 45 Euro) überwiesen werden. "Ich will, dass das Spielen gefördert wird. Deshalb ist die Kombinations-Anmeldung billiger", äußert der CCM-Organisator und verweist auf die weiteren freien Eintrittskarten, die es am 15. und 16. August für Turnierteilnehmer gibt. Anand und Peter Swidler messen sich am Donnerstag mit Oberbürgermeister Jens Beutel und einem Prominenten im Advanced Chess. Während die Weltklasse-Cracks schwache Rechner für ihre Programme erhalten, sollen der Mainzer OB und der Prominente im "Handicap-Duell" eher eine Chance durch schnelle PCs haben. Am Freitag finden die ersten drei Partien der Vergleiche zwischen Anand und Ponomarjow sowie Pähtz und Kostenjuk (alle ab 18.30 Uhr) statt. In den wie im Ordix Open ausgetragenen elf Runden geht es auch um ein ansehnliches Preisgeld. Von den 30.000 Euro fließt gemäß den Meldezahlen ein prozentualer Anteil in das Chess960 Open. Nehmen beispielsweise 100 Spieler das Chess960 in Angriff und 400 das Ordix Open, wandert ein Fünftel des Preisfonds (6.000 Euro) ins Chess960 Open, 80 Prozent (24.000 Euro) blieben den Besten im anschließenden Turnier. Außerdem gibt es eine Kombinationswertung, bei der der erfolgreichste Punktesammler in beiden Wettbewerben 1.000 Euro einstreicht. 700, 400, 200 und 100 Euro (sowie fünf Sachpreise) runden die Sonderausschüttung ab. Nicht nur Schmitt ist gespannt, wie die Schachspieler den ambitionierten Versuch, Chess960 zu etablieren, annehmen.