Gegen den Weltmeister oder die schöne Vizeweltmeisterin?

Simultanspieler haben bei den Chess Classic die Qual der Wahl zwischen Ponomarjow und Kostenjuk

Von Hartmut Metz

Zu den Höhepunkten bei den Chess Classic zählen alljährlich auch die Simultans. Finden andernorts Spiele von Großmeistern gegen Amateure kaum noch eine zahlende Klientel, dümpeln in Mainz die Simultan-Duelle alles andere als dahin. Einfacher Grund: Organisator Hans-Walter Schmitt lädt nur die Besten ein und gönnt sich selbst Jahr für Jahr das Kräftemessen gegen die Weltmeister und jene, die es noch werden wollen. Die illustre Liste der Großmeister liest sich wie das "Who is who" des internationalen Schachs: Wladimir Kramnik, Viswanathan Anand, Wassili Iwantschuk, Judit Polgar, Peter Leko, Wesselin Topalow und Garri Kasparow hielten sich an die "Chess-Classic-Norm", wie sie Schmitt nennt. Norm bedeutet 40 Bretter - selbst Kasparow, der bevorzugt 25 leichte Gegner mit nicht allzu hoher Wertungszahl abschlachtet, konnte sich nicht widersetzen und erfüllte sie. Der Run auf das Simultan mit ihm 2000 war dann auch größer als jemals zuvor und danach. Bis zu 1.000 Mark wurden für einen Platz bei der Internet-Versteigerung geboten!

Dieser Rekord ist schwerlich zu steigern. Aber vielleicht gibt ein Fan der beiden Protagonisten bei den Chess Classic Mainz (CCM) noch mehr aus? Zum einen gibt Ruslan Ponomarjow als FIDE-Weltmeister am 14. August sein Deutschland-Debüt in der Rheingoldhalle. Um 15 Uhr bittet der jüngste Champion aller Zeiten zur Pressekonferenz, eine Stunde später misst sich der Ukrainer mit 40 Amateuren, für die die Teilnahme sicher ein Leben lang unvergesslich bleiben wird. Bei der Versteigerung von 20 Plätzen auf der Webseite www.chesstigers.de wird das Mindestgebot von 75 Euro gewiss deutlich übertroffen. Am 29. Juni beginnt die erste Runde. Am 6., 13., 20. und 27. Juli sowie 3. August werden die ersten Simultan-Plätze vergeben. Bei der Schlussvergabe am 10. August erhalten die weiteren zehn höchsten Gebote ebenfalls den Zuschlag.

Wer nun glaubt, die Offerten für eine Partie gegen den jungen Weltmeister könnten durch keinen anderen Spieler übertroffen werden, der kann rasch eines Besseren belehrt werden. Am 14. August um 17 Uhr gibt nämlich überdies Alexandra Kostenjuk ein Simultan an 25 Brettern. Die "Anna Kurnikowa des Schachs" machte durch hübsch in Szene gesetzte Fotos auf sich aufmerksam. Im Gegensatz zu der Tennis-Diva ließ die 18-jährige Russin aber auch sportliche Taten folgen. Bei der FIDE-WM im Dezember 2001 unterlag sie erst im Finale denkbar knapp der neuen chinesischen Weltmeisterin Zhu Chen. Ihr Erfolg gepaart mit einer gelungenen Vermarktung als Schach-Lolita sorgte dafür, dass die junge Großmeisterin, die bereits mit 14 den Titel eroberte, in der Gunst der Verehrer kräftig stieg. Bei der Abstimmung zum "Schachspieler des Jahres" auf der Webseite des Hamburger Schach-Software-Riesen ChessBase überflügelte die Vizeweltmeisterin sogar Garri Kasparow und belegte sensationell Platz eins. Nicht nur in Russland schmückt Kostenjuk Titelseiten der Gazetten, auch in Deutschland fand sie Eingang in fast alle großen Magazine. Deshalb ist es nicht auszuschließen, dass mancher Fan nicht nur das Mindestgebot von 40 Euro für eines der 20 zu versteigernden Bretter mailt, sondern womöglich sein letztes Hemd gibt, um einmal der Schach-Prinzessin Auge in Auge gegenüber zu sein.