"Ponomarjow hat sehr gute Nerven"

Favorisierter Anand zeigt Respekt vor jungem FIDE-Weltmeister / Fans überbieten sich bei Plätzen für das Kostenjuk-Simultan in Mainz

Von Hartmut Metz

"Ponomarjow hat keine Chance", sprechen zahlreiche Insider dem amtierenden Schach-Weltmeister die Aussicht ab, den Zweikampf zu gewinnen. Derjenige, der so überlegen sein soll, heißt Viswanathan Anand - und wurde just von dem 18-jährigen Ukrainer vom Schach-Thron gestoßen. Aber anders als bei der WM des Weltverbandes FIDE im Dezember in Moskau wird bei den Chess Classic Mainz (14. bis 18. August) Schnellschach gespielt. Und das ist immer noch die Domäne von Anand. "Der Tiger von Madras" gewann die beiden letzten Auflagen des weltbesten Schnellschach-Turniers. 2001 schlug der Inder im "Duell der Weltmeister" Wladimir Kramnik in der Verlängerung. Das Jahr zuvor hatte Anand die versammelte Weltelite - in der 151-jährigen Schach-Historie spielten nur dort die kompletten Top Ten bei einem Event! - mit Garri Kasparow und Kramnik düpiert. Als Träger des Schwarzen Jacketts, das jeder Gewinner der Chess Classic erhält, geht der Großmeister vom Subkontinent als Titelverteidiger ans Brett. Den Fehler, den drei Plätze schlechter klassierten Weltranglistensechsten Ponomarjow zu unterschätzen, begeht Anand nicht: "Er wird eine schwer zu knackende Nuss darstellen, speziell im Schnellschach. Bei der WM in Moskau stellte ich fest, dass er sehr gute Nerven besitzt. Zum Beispiel, was er im Schnellschach-Tiebreak mit Jewgeni Barejew oder Sergej Tiwiakow anstellte. Sehr gute Nerven sind nützlich, um Schnellschach zu spielen. Ich werde ihn folglich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Trotz seines Alters wird er nicht erst in Zukunft zu beachten sein, sondern ist jetzt schon enorm stark. Das Duell ist eine schöne Herausforderung, auf die ich mich sehr gut vorbereite."

Sieht sich Anand weiter als inoffizieller Schnellschach-Weltmeister? "Kasparow, Kramnik, Iwantschuk sind alle zu beachten", weicht der 32-Jährige etwas aus, ehe er verschmitzt hinzufügt, "okay, bei den Chess Classic bin ich natürlich der erfolgreichste Akteur." Hans-Walter Schmitt will sich als Organisator von Mainz während des Wettkampfs neutral verhalten. Seinem Ziehsohn traut der Bad Sodener aber durchaus den Titel-Hattrick zu. "Vishy ist der weltbeste Schnellschachspieler", betont Schmitt und freut sich, dass er mit Ponomarjow wieder einen Weltmeister in die Rheingoldhalle - diesmal sogar zum Deutschland-Debüt - locken konnte. Beide Recken machen während ihrer Vorbereitung Station bei ihm im Taunus. Vor allem Anand ist häufig zu Gast und hat inzwischen auch Deutsch gelernt. Nützlich ist dies für sein Engagement in der Bundesliga. Der bei Madrid lebende Spanier heuerte für die nächste Saison beim ambitionierten Bundesliga-Aufsteiger SC Baden-Oos an und wird der Elo-Beste sein, der jemals im deutschen Oberhaus brütete. Die prestigeträchtigen acht Partien, auf die sich auch Ponomarjow seit Wochen geflissentlich vorbereitet, beginnen in der Rheingoldhalle täglich um 18.30 Uhr. Am 16. und 17. August werden jeweils drei Schnellschach-Partien ausgetragen, am Sonntag, 18. August, stehen zwei Begegnungen an, bei Gleichstand folgt ein Blitz-Tiebreak.

Zu denselben Zeiten prallen Alexandra Kostenjuk und Elisabeth Pähtz auf der Bühne aufeinander. Die zwei jungen Damen stehen dabei keineswegs im Schatten der beiden Koryphäen! "Das Duell der Grazien" erregte im Vorfeld der Chess Classic Mainz bisher sogar mehr Aufmerksamkeit! Kesse Sprüche der Erfurter WM-Achtelfinalistin Elisabeth Pähtz ("Mit Schminke sieht jede gut aus") und die Ankündigung, als Vorbereitung auf das Match "auf jeden Fall zum Friseur zu gehen", trugen ihren Teil dazu bei. Die 17-jährige deutsche Großmeisterin will auf und neben dem Brett keinesfalls schlechter aussehen als Kostenjuk. Gegen die Vizeweltmeisterin führt Pähtz in der Gesamtbilanz seit dem ersten gemeinsamen Turnier bei der U10-WM mit 3,5:2,5. Die ein Jahr ältere Russin sorgt derweil nicht nur sportlich für Schlagzeilen. Als "Anna Kurnikowa des Schachs" wurde sie in zahlreichen deutschen wie internationalen Magazinen abgelichtet, seit sie auf der Webseite des Weltverbandes FIDE als "Lolita" posierte. Der französische Kosmetik-Konzern L'Oreal schloss auch einen Werbevertrag mit Kostenjuk ab, über den sich die Großmeisterin bis dato aber nicht detailliert äußern will. Die Moskauerin gefällt sich zwar als Cover-Girl, schätzt jedoch auch ruhige Stunden, in denen sie gerne Liebesgedichte schreibt. Da Elisabeth Pähtz als versierte Taktikerin und Schnelldenkerin gilt, rechnet sich die deutsche Nachwuchshoffnung durchaus Chancen gegen die Favoritin aus.

Bei der Wahl zum "Schachspieler des Jahres" auf der Webseite der Hamburger Software-Schmiede ChessBase setzte sich Kostenjuk vor dem Weltranglistenersten Garri Kasparow (Russland) durch. Ihre zahlreichen Fans machen sich auch bei den Chess Classic bemerkbar. Auf der Webseite www.chesstigers.de werden bis zum 3. August jeweils 20 Plätze für die Simultans mit Ponomarjow und Kostenjuk versteigert. Bei den ersten Zuschlägen gingen die Plätze im Kostenjuk-Simultan, das am 14. August (17 Uhr) an 25 Brettern stattfindet, für höhere Beträge weg als die gegen den gleichaltrigen FIDE-Weltmeister! Für eine Partie gegen Ponomarjow, der am 14. August (16 Uhr) an 40 Brettern antritt, boten Schachliebhaber bis zu 150 Euro (Stichtag: 27. Juli). Bis zu 155 Euro machten hingegen die Anhänger Kostenjuks locker, um einige Züge gegen ihre "Angebetete" spielen zu dürfen. Das Mindestgebot für das Kostenjuk-Simultan liegt bei 40 Euro, für Ponomarjow müssen mindestens 75 Euro berappt werden.

"Das schöne Mainzer Allerlei Mitte August finde ich besonders spannend", kommentiert Eckhard Freise die zahlreichen Wettkämpfe, die den Schachfans im Congress Center Mainz geboten werden. Der erste Gewinner einer Million Mark in der Jauch-Quiz-Show "Wer wird Millionär" ist dabei selbst involviert. Der Wuppertaler Professor für mittelalterliche Geschichte tritt in einem Handicap-Match mit dem Programm Junior 7 gegen den Weltranglisten-14. Peter Swidler (Russland) an. Advanced Chess spielen überdies am 15. August (ab 18.30 Uhr) Anand und Jens Beutel. Der Mainzer Oberbürgermeister erhält hierbei einen leistungsstärkeren PC für die Fritz-7-Software als der Weltranglistendritte. Vor den zahlreichen Höhepunkten erhalten alle Schachfreunde die Gelegenheit, sich selbst auf den 64 Feldern zu messen. Am 15. (Anmeldeschluss 12 Uhr) und 16. August wird erstmals ein Schnellschach-Open im Chess960 (Fischer Random Chess) ausgetragen. An den zwei folgenden Tagen (Anmeldeschluss am 17. August ist ebenfalls um 12 Uhr) folgt ein "normales" Schnellschach-Open mit 25 Minuten Bedenkzeit pro Partie. Insgesamt werden in beiden Turnieren 30.000 Euro an Geld- und Sachpreisen ausgeschüttet. Für das Ordix Open, das das größte Schnellschach-Turnier der Welt ist, meldeten bereits 32 Großmeister beziehungsweise Großmeisterinnen! Beim Debüt von Chess960 wollen sich mindestens 25 Großmeister beteiligen. Detailliertere Informationen zu den Open wie den Computer-Matchs erhalten Sie in gesonderten Texten.