"Wahrer Allrounder kann Abfahrt und Slalom zugleich"

Ordix Open in Mainz erstmals mit Chess960 kombiniert

von Hartmut Metz

Die Liste der Rekorde des Ordix Open ist lang. Das Schnellschachturnier vereint seit acht Jahren Klasse mit Masse. "Beim ersten Turnier, das Frankfurt-West anlässlich seines 70-jährigen Bestehens austrug, spielten 13 Großmeister mit", erinnert sich Hans-Walter Schmitt. Der ehemalige Vorsitzende des Klubs lobte damals 22 Preise unter die 178 Teilnehmer aus. Das Ordix Open wuchs rasch. 2000 verzeichnete Hobby-Statistiker Schmitt 48 Großmeister und Großmeisterinnen im Feld. Schien dies kaum noch zu übertreffen, tummelten sich im Vorjahr dann sogar 484 Teilnehmer in der Rheingoldhalle, darunter 122 Titelträger des Schach-Weltverbandes FIDE! Die besten Zehn brachten es hierbei auf einen Elo-Durchschnitt von 2667. Auch wenn Schmitt heuer vor den Chess Classic Mainz (14. bis 18. August) ungewohnt auf Understatement macht, zeichnet sich erneut ein Topfeld ab.

Den Kampf um die über 70 Preise im Wert von über 30.000 Euro nehmen am 17. (Anmeldeschluss 12 Uhr) und 18. August Asse wie der Weltranglisten-14. Peter Swidler (2690 Elo) und die nicht viel schlechter platzierten Alexej Drejew (2676), Sergej Rublewski (alle Russland/2658), Michal Krasenkow (Polen/2657) und der Armenier Rafael Waganjan auf. "Mr. Bundesliga" von der SG Porz bringt 2667 Elo auf die Waage. Mit den bis zu 7.000 Euro für den Gesamtsieger liebäugeln aber auch Nachwuchsstars wie der Inder Krishnan Sasikiran (2650) und der 15-jährige Andrej Wolokitin, der zu den ukrainischen Newcomern um Ruslan Ponomarjow zählt. Zu den Mitfavoriten, die dafür sorgen, dass die ersten 29 des Ordix Open einen Elo-Durchschnitt von 2600 aufweisen, sind überdies der Moldawier Viktor Bologan, Michail Kobalia, Wladimir Epischin, Artur Jussupow, Alexander Graf, Rustem Dautov, Ex-Europameister Pawel Tregubow und Vadim Milov zu zählen. Der Vorjahreszweite aus der Schweiz trumpft regelmäßig bei den Chess Classic auf. Gleiches gilt für den Wiesbadener Eric Lobron, der wie Großmeister-Kollege Lev Gutman alle acht Open mitspielte. Mit 67,5 beziehungsweise 63 Punkten führt dieses Gespann auch die ewige Bestenliste an. Mit jeweils einer Teilnahme weniger folgen Dautov (59) auf Platz drei, Klaus Bischoff (58) und Raj Tischbierek (54). Beste Amateure unter den bisher 1.291 verschiedenen Teilnehmern sind die Ordix-Dauergäste Albert Bockius (50,5) und Patrick Chandler (50).

"Lajos Portisch und Vlastimil Hort kommen nur wegen des neuen Turniers, um das einzig wahre Schach zu spielen", jubiliert Schmitt. Ausgerechnet die Altmeister - Portisch über Jahrzehnte hinweg WM-Kandidat und Hort zu seinen Glanzzeiten Weltranglistenvierter in den 70ern - sind bereit, alte Zöpfe abzuschneiden und sich Neuem zu öffnen. Vor dem elfrundigen Ordix Open findet erstmals ein offenes Turnier im Chess960 statt. Anmeldeschluss für den Wettbewerb am 15. und 16. August, bei dem die Grundstellung der Figuren nach Bobby Fischers Regeln ausgelost wird, ist ebenfalls um 12 Uhr. Just mit der Legende aus den USA haben Portisch und Hort die Klingen gekreuzt. Nicht nur bei berühmten Turnieren, sondern auch nach Fischers Rückzug im Fischer Random Chess (FRC), als er sich in Budapest und Deutschland versteckte. Für den sperrigen Namen Fischer Random Chess sucht Schmitt einen griffigeren Ausdruck. Wer einen besseren Vorschlag hat als Chess960 - die Ziffer gibt die Zahl der unterschiedlichen Grundstellungen an -, erhält einen Sonderpreis. Dieser dürfte aber schwer einzuheimsen sein.

Bei den Chess Classic waren schon 2000 erste Gehversuche mit Shuffle Chess gewagt worden. Artur Jussupow spielte einen Zweikampf gegen Fritz on Primergy, der 0:2 endete. Im vergangenen Jahr ermittelten die Weltklasse-Großmeister Peter Leko und Michael Adams den ersten FRC-Weltmeister. Der Titel ging dabei knapp an den Ungarn, der als Jugendlicher ebenfalls mit Bobby Fischer in regem Kontakt stand. Nun folgt der dritte Schritt mit einem Turnier. "Ich hoffe, mehr Organisatoren schließen sich dem an und bringen denselben Mut auf. Nur dann kann sich ein Grand Prix und eine Bewegung im Chess960 entwickeln", meint Hort. Den gebürtigen Tschechen begeistert an Chess960 der Wegfall aller Eröffnungstheorie. "Bei Kasparow und anderen läuft doch der ganze Tag der Computer. Sicher, wir hatten diese Probleme vor 25 Jahren noch nicht. Und wir wären bestimmt auch drangegangen, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten. Aber ohne diese Eröffnungsvorbereitung bietet Schach doch viel mehr Spaß! Die spielen heute doch nicht mehr Schach, sondern erinnern sich nur. Der Mensch soll sich aber ans Brett setzen, ohne Angst haben zu müssen, in eine vorbereitete Theoriefalle zu tappen", erläutert Hort seine Sicht der Dinge. Die "Alternative" begeistert ihn, weil "die ganze Theorie wegfällt". Eine Reformierung des königlichen Spiels durch Chess960 schätzt der 58-Jährige allemal mehr als ständige "Zeitverkürzungen im klassischen Schach". Der Kölner ist der einzige Großmeister, der nur das Chess960-Turnier spielt. Beim Ordix Open fehlt er allerdings nicht aus Abneigung gegen das herkömmliche Spiel, sondern weil er am Abend des 18. August im WDR die alljährliche Schach-Fernsehpartie mit Helmut Pfleger moderiert.

Umgekehrt sieht es anders aus. Von den 39 Großmeistern und Großmeisterinnen, die für das Ordix Open meldeten, passen neun beim vorgeschalteten Chess960-Turnier. Darunter die als Schach-Puritaner bekannten deutschen Großmeister Raj Tischbierek, Chefredakteur des Magazins "Schach", und Alexander Graf. "Ausländische Großmeister haben kaum Berührungsängste beim Chess960, die deutschen Spieler zeigen hingegen größte Bedenken", stellte Schmitt bei den Voranmeldungen fest. Vadim Milov bestätigt ihn. Obwohl sich der Schweizer noch nie im Chess960 versuchte, wagte er die Meldung. "Es ist ein ganz neues Spiel für mich, und da ich im Grunde alle Spiele mag und es dazu noch etwas mit Schach zu tun hat ...", bemerkt Milov mit einem Augenzwinkern.

Um die Spielfreude der Cracks zu erhöhen, kombinierte der CCM-Organisator die Preisfonds. "Das imponiert mir besonders, dass Hans-Walter Schmitt auf strikte Gleichberechtigung zwischen dem guten, alten Schach und Chess960 achtet und sogar Kombinationspreise auslobt - wie bei den olympischen Winterspielen: Der wahre Allrounder kann eben Abfahrt und Slalom zugleich. Im abgewandelten Sinne ist das sogar emanzipatorisches Schach", äußert Eckhard Freise. Der Wuppertaler Professor für mittelalterliche Geschichte, erster Hauptgewinner bei Jauchs TV-Sendung "Wer wird Millionär", sammelte im Vorjahr auch erste Erfahrungen, als er das FRC-Journalistenturnier in Mainz genoss. Um möglichst viele Anhänger für "sein" Chess960 zu gewinnen, ermäßigt Schmitt nicht nur das Startgeld für Spieler, die an beiden Open teilnehmen, um zehn Euro. Anstatt jeweils 40 Euro pro Wettbewerb müssen nur insgesamt 70 Euro (FIDE-Meister und Jugendliche 45 Euro) überwiesen werden. Der Betrag enthält hierbei auch Freikarten für die Topveranstaltungen an jedem Abend, bei denen Viswanathan Anand und Weltmeister Ruslan Ponomarjow antreten. Von den über 30.000 Euro fließt gemäß den Meldezahlen ein prozentualer Anteil in das Chess960 Open. Nehmen beispielsweise 150 Spieler das Chess960 in Angriff und 300 das Ordix Open, wandert ein Drittel des Preisfonds (10.000 Euro) ins Chess960 Open, 66,6 Prozent (20.000 Euro) blieben den Besten im anschließenden Turnier. Außerdem gibt es im Congress Centrum Mainz eine Kombinationswertung, bei der der erfolgreichste Punktesammler in beiden Wettbewerben 1.000 Euro einstreicht. 700, 400, 200 und 100 Euro sowie jeweils 100 Euro in den Kategorien Damen, Senioren, U14, U18 und den Ratingklassen unter 1751, bis 2000, 2200 und 2400 runden die Sonderausschüttung ab. Nicht nur Schmitt ist gespannt, wie die Schachspieler den ambitionierten Versuch, Chess960 zu etablieren, annehmen.