Gespaltenes Echo

131 Teilnehmer beim ersten großen Chess960-Open

Hartmut Metz

Beim Chess960-Open in Mainz sind nach dem ersten Tag noch elf Spieler ungeschlagen. Mit 4,5 Punkten nach fünf Runden führen der Schweizer Vadim Milov, Murtas Kaschgalejew (Frankreich), Rustem Dautov (SC Baden-Oos), der Inder Krishnan Sasikiran und der Plauener Klaus Bischoff. In Lauerstellung bei dem Wettbewerb, in dem die Ausgangsstellung der Figuren ausgelost wird, befinden sich die Russen Wladimir Epischin, Konstantin Asejew, Jewgeni Agrest, Alexander Motilew sowie zwei weitere deutsche Asse, Artur Jussupow und Vlastimil Hort. Auf vier Punkte kommen überdies der Wiesbadener Lokalmatador Eric Lobron, der in der Bundesliga für Solingen ans Brett geht, der ungarische Altmeister Lajos Portisch, Gerald Hertneck (TV Tegernsee), Michail Iwanow, Sergej Kriwoschej und Leonid Milov (alle Russland). Bester Spieler mit 3,5 Zählern ist Daniel Fridman. Der Lette in Diensten des Essener Zweitligisten Weiße Dame Borbeck hat beim Schachfestival in Pardubice ein kleines Chess960-Turnier gewonnen, das mit 28 Teilnehmern besetzt gewesen sein soll. Im 131 Teilnehmer zählenden Feld weisen Großmeisterin Natalia Kiselewa (Ukraine) und Anna Dergatschewa-Daus als beste Damen 3,5 Zähler auf. Die Rangliste zeigt: Mit Chess960 ist kein gänzlich neues Spiel erfunden worden, sondern die Guten im normalen Schach sind auch die Starken in der Abart. Die ersten 15 des Open, das bei etwa 450 Teilnehmern im normalen Schnellschach-Turnier mit rund 7.500 Euro dotiert sein wird, sind ausschließlich Großmeister.

Nachstehend finden sich Stimmen von Koryphäen, die sich zu ihren meist ersten Erfahrungen mit Chess960 äußern: Kiril Georgiew, ehemaliger Weltranglistenachter, findet Chess960 "interessant, obwohl ich Probleme bei der Eröffnung habe". Der Bulgare glaubt: "Diese Art von Schach hat Zukunft. Vielleicht etabliert sie sich in 20 Jahren neben der bekannten Variante." Für Dimitri Komarow, den Trainer von Weltmeister Ruslan Ponomariow, ist Chess960 "zu anstrengend. Man muss vom ersten Zug an kämpfen", klagt er - allerdings stand der Großmeister unter dem Einfluss von zwei Niederlagen, nachdem er mit 3/3 gestartet war. "Ich muss mir erst immer eine Strategie ausdenken. Manchmal mache ich dann Züge, die ich im normalen Schach nie ausführen würde", äußert Krishnan Sasikiran. Der Spitzenreiter aus Indien (Elo 2651) empfiehlt allen, die zu ernsthaft ins Chess960 gehen, es "doch einfach locker zu sehen". Vlastimil Hort hat sich ein besonderes Ziel gesteckt: "Einmal auf die Bühne kommen und dann sterben." Demnach droht der Experte für die WDR-Schachsendung am Sonntag - bei der 20. Auflage trifft Anatoli Karpow auf Robert Hübner - auszufallen. Mit drei Siegen und zwei Unentschieden ist der gute Bekannte von Bobby Fischer in der komfortablen Verfolgerrolle. Im Gegensatz zu vielen anderen Großmeistern sieht Hort auch nicht sonderliche Nachteile, wenn man Schwarz hat. "Verlieren fällt einem hier bei den tollen Spielbedingungen ohnehin leichter", ist dem Kölner nicht bange, sollte ihn doch eine Niederlage ereilen. 131 Teilnehmer für ein Chess960-Debüt hält der gebürtige Tscheche für "sehr gut. Ich freue mich, dass das so gut anläuft". Die einzige Furcht, die den ehemaligen Top-5-Spieler umtreibt, ist: "Ich habe fast Angst, eine normale Startstellung zu bekommen ..."

Gerade dies wünscht sich Henrik Teske. "Das Spiel ist völlig daneben. Am besten schafft man es gleich wieder ab", schimpft der Tegernseer Bundesligaspieler trotz seiner 3,5 Zähler. Richtig Spaß schien er nur an seiner Idee gehabt zu haben, in der fünften Partie die lange Rochade zu ermöglichen. Dabei stand der Monarch am Anfang auf b1 und der Turm auf a1. Besonders die Springer fehlen dem Großmeister bei der Verteidigung, wenn sie sich auf einem Flügel massieren. "Ganz blöd ist es beispielsweise, wenn die Springer auf f8 und h8 stehen", erkannte Teske gewisse Entwicklungsschwierigkeiten. "Weiß steht in vielen Partien viel besser", beklagt Peter Swidler. Der nominelle Turnierfavorit belegt dies gleich mit seinem Resultat: "Bei mir hat immer Weiß gewonnen! Im normalen Schach ist die Auftaktstellung viel ausgeglichener. Wenn man mit Schwarz nicht aufpasst, ist es in acht Zügen bereits mit einem vorbei ...", erzählt der Weltranglisten-14. Nachdem der St. Petersburger vor einer Woche Vater von Zwillingen wurde, sieht Swidler derzeit natürlich die Welt mit ganz anderen Augen. "Das Turnier sehe ich als Spaß, auch wenn ich derzeit nur mit +1 zu Buche stehe. Dass Chess960 Schach ersetzt, glaube ich nicht - aber es kann durchaus nebenher bestehen."

In dieselbe Kerbe des vergrößerten Anzugsvorteils haut Michal Krasenkow. Der polnische Weltklasse-GM verweist auf die fünfte Runde. "Mein Gegner zog 1.d4 - und ich wusste nicht, wie ich vernünftig antworten sollte! Weiß hat manchmal einen zu großen Vorteil." Chess960 hält der gebürtige Russe für "sehr schwierig". Als gut empfindet Krasenkow, dass das Spiel in manchen Positionen noch taktischer wird als das herkömmliche Schach. Positiver äußert sich Natalia Kiselewa. Die angehende Studentin aus dem Ruhrgebiet lernte die Regeln erst auf der Herfahrt im Auto mit Daniel Fridman. Ihr Rezept, "erst die Bauern zu ziehen, dann die Figuren" und "gleich mit Weiß vor dem ersten Zug eine Strategie auszuarbeiten" ging voll auf. Die Großmeisterin, die in der letzten Elo-Liste um rund 100 Zähler auf 2280 abstürzte, schlug Peter Swidler! An Chess960 gefällt ihr, dass dem "Tempo eine größere Bedeutung" zukommt. Turnierleiter Hans-Jürgen Post stellte einen weiteren erfreulichen Effekt fest: "Es gibt viel weniger Unentschieden!" Das unterstreicht Joe Gallagher, der nach fünf Runden mit drei Siegen und zwei Niederlagen zu Buche steht. "Das Spiel ist interessant und gut, wenn man auf Gewinn spielen will." Der Verlockung, der viele Akteure unterliegen, eine "herkömmliche" Stellung anzustreben, um auf Erfahrungswerte zurückzugreifen, widersteht der in die Schweiz ausgewanderte Engländer. Obwohl Gallagher als Eröffnungsexperte gilt - speziell im Königsgambit und Sizilianisch machte sich der Taktiker einen Namen als Buchautor -, schätzt er es, keine Eröffnungstheorie anwenden zu müssen. Weil schon die Startaufstellung schwierig sein könne, überlegt der Eidgenosse, wie er in den "ersten drei Zügen vorzugehen" hat. Diese Phase sei nämlich besonders wichtig, um einen durchschlagenden Plan zu finden. Der zwölfjährige Daniel Körnlein freut sich auch über die entfallende Theorie. "Da bin ich nämlich nicht der Beste. Ich habe gegen einen 2100er gewonnen. Gegen den wäre ich normalerweise schon in der Eröffnung vom Brett geflogen", meint das Talent des SC Frankfurt-West. Körnleins Ansicht nach "gibt es immer lustige Stellungen. Man kann ja eventuell sogar schon im ersten Zug rochieren", stellte der Junior fest.

Richtig fasziniert von Chess960 scheint Ruslan Ponomarjow zu sein! Der FIDE-Weltmeister verfolgte an seinem einzigen freien Tag bei den Chess Classic Mainz die Partien, speziell jene seines Trainers Dimitri Komarow und seines Sekundanten Viktor Bologan, der bei 3,5 Punkten steht. Schon im Vorjahr verfolgte er die erste "Weltmeisterschaft", die Organisator Hans-Walter Schmitt mit den Topspielern Peter Leko und Michael Adams angesetzt hatte. "Nur an die Partien kann ich mich nicht mehr erinnern", bemerkte Ponomarjow - schließlich muss man sich bei Chess960 nicht nur die Züge, sondern auch eine ungewohnte Ausgangsstellung einprägen ... "Chess960 ist interessant. Ich liebe es, dass es keine Eröffnungsvarianten gibt, auch wenn das Spiel schwieriger ist, weil alles anders erscheint." Trotzdem arbeitete der Ukrainer gleich an seinem Chess960-Repertoire. "Bei der Dame auf h1 ist g4 der beste Zug, dann muss a4 folgen", kommentierte der 18-Jährige eine Stellung. Gegen die "Eröffnungs-Fabrik" von Garri Kasparow wäre es ein immenser Vorteil, auf dem Weg zur WM-Titelvereinigung Chess960 zu spielen, weiß Ponomarjow. "Doch gegen ihn muss ich normal spielen, das ist keine Show." Ganz anders sähe er das am Freitagabend beginnende "Duell der Weltmeister" gegen Viswanathan Anand. Ponomarjow sagte: "Ich schlage vor, dass ich gegen Anand Chess960 spielen ..."