"Ohne Lachen ist das Leben kein Leben"

Weltmeister Ruslan Ponomarjow lässt sich nicht durch Kasparows und Iljumschinows Ränkespiele verdrießen

Von Hartmut Metz

Ruslan Ponomarjow ist wie sein Gegner bei den Chess Classic Mainz, Viswanathan Anand, eigentlich zu nett, um lange Schach-Weltmeister zu bleiben. Oder sollte man einen 18-Jährigen der Blauäugigkeit zichtigen? Nur weil der Ukrainer nicht wie die lange auf dem Thron sitzenden Champions Gefallen an Herabwürdigungen der Gegner besitzt? Ende des 19. Jahrhunderts ergötzten sich Weltmeister wie Wilhelm Steinitz daran, Schlammschlachten in eigenen Schachzeitungen zu veranstalten. Heutzutage nutzt Garri Kasparow die eigene Webseite geringfügig subtiler, um seine Ansichten unters Volk zu streuen.


Ponomarjov beim Simultan
Das waren anfangs keine guten über Ruslan Ponomarjow. Mit Hohn und Spott übergoss ihn der 13. Weltmeister, als ihn der 18-Jährige im Januar als jüngster Champion der Schach-Geschichte ablöste. Der blieb wie immer ruhig - und ließ ein paar Wochen später den Russen im spanischen Linares wortlos stehen, als dieser mit dem jungen Burschen aus Kramatorsk die beendete Remispartie analysieren wollte. Mit Platz zwei im "Wimbledon des Schachs" hinter dem Weltranglistenersten verdiente er sich weiteren Respekt Kasparows. Der revidierte sogar seine Meinung - was bei Gott wirklich selten vorkommt -, plauderte angeregt bei der Abschlusszeremonie mit "Pono" und nannte diesen einen prima Kerl und Spieler.

Solcherlei Respekt bringt der mit 14 Jahren und 17 Tagen einst jüngste Großmeister aller Zeiten seinen Kontrahenten seit jeher entgegen. Der Weltranglistensechste hält Kasparow für den "Mike Tyson des Schachs": Zwar kein Weltmeister mehr, aber jedes Duell mit ihm sei eine "besondere Ehre". Den im WM-Finale unterlegenen Landsmann Wassili Iwantschuk, mit dem er Mannschafts-Weltmeister wurde, nennt Ponomarjow ebenso wie Anand ehrfürchtig "Superstars". Gegen seinen indischen Vorgänger darf er nun von Freitag bis Sonntag (jeweils ab 18.30 Uhr) in der Mainzer Rheingoldhalle antreten. In den acht Partien gegen den weltbesten Schnellschachspieler räumten die Experten dem Ukrainer, der im Frühjahr beim Weltcup in Dubai gleich in Runde eins sensationell gegen Weltmeisterin Zhu Chen rausflog, kaum Chancen ein. Das weckt allerdings nur den Ehrgeiz des schmalbrüstigen Jünglings, der während der nervenzehrenden WM von 53 Kilogramm auf unter einen Zentner abmagerte. "Ich habe mich extrem lange auf das Match vorbereitet", deutet der Hänfling an, dass er in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt dem "Tiger von Madras" die Krallen ziehen will - obwohl er Anand für den "Stärksten in dieser Disziplin" hält. "Er hat alles gewonnen: Prag, die Chess Classic, dabei schlug er auch Kasparow", rekapituliert Ponomarjow die Schnellschach-Erfolge seines Kontrahenten so problemlos, als hätten sie sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Anand freut sich auf das "Duell der Weltmeister". "Gegen die anderen habe ich schon 50 Mal gespielt. Da ist es spannend, mal wieder gegen ein frisches Gesicht anzutreten und Neues zu entdecken", findet der Weltranglistendritte. Als Turniersenior fühlt sich der älteste der vier Stars bei den Chess Classic - die Teilnehmerinnen im "Duell der Grazien", Alexandra Kostenjuk (18) und Elisabeth Pähtz (17) sind auch rund eineinhalb Jahrzehnte jünger - fühlt sich die bei Madrid lebende Koryphäe aber noch nicht. "Das Durchschnittsalter bei den Chess Classic sank im Vergleich zu den Vorjahren dramatisch - aber 32 Jahre reicht noch nicht, um sich alt zu fühlen. Am Brett spielt außerdem das Alter keine Rolle", bemerkte Anand. Der Titelverteidiger sieht auch keinen Anlass, Ponomarjow zu unterschätzen. "Es klingt blöd, wenn man über den Weltmeister sagt, er sei ein Supertalent", findet der Favorit im Weltmeister-Match.

Organisator Hans-Walter Schmitt lässt sich bei den Topspielern, die alle gerne zu den Chess Classic nach Mainz kommen, nicht lumpen. Doch dem schnöden Mammon zieht Ponomarjow die geistige Herausforderung auf den 64 Feldern vor. "Mir ist es egal, wie viel Geld im Spiel ist." Nur gewundert hat er sich, als nach dem WM-Gewinn lediglich etwa ein Fünftel der halben Million Euro für seine Familie übrig blieb. Einen Großteil fraßen teure Trainer und Sekundanten sowie Steuern. Ganz zu schweigen von den vielen Bettelbriefen und Anrufen, die plötzlich zu Hause eingingen. "Es war ein wahres Irrenhaus!", erinnert sich der Großmeister an die "unerträgliche" Zeit zurück.

Der Fitness-Apostel, der viel schwimmt und Gymnastik treibt, wird häufig mit Anatoli Karpow verglichen. Von der Statur wie dem Spielstil ähnelt Ponomarjow der lebenden Legende aus Moskau. Wie der 51-Jährige ist der Schützling von Dimitri Komarow, der zusammen mit dem moldawischen Weltklassespieler Viktor Bologan Ponomarjow trainiert, ein zäher Verteidiger. Springt ein Kasparow die Gegner wie eine Raubkatze an, erinnert das Vorgehen von Ponomarjow wie Karpow an eine Würgeschlange, die das Opfer langsam erdrückt. Größter Unterschied zwischen den beiden, die 1999 vor Karpows Zweikampf gegen Jeroen Piket ein Trainingslager absolvierten, ist wohl ihr Humor: "Ohne Spaß und Lachen ist das Leben doch kein Leben", erläutert Ponomarjow, warum er gerne scherzt. Mit seinen witzigen Anmerkungen nahm er gleich bei der ersten Pressekonferenz die Zuhörer für sich ein.

Dafür mangelt es dem Ukrainer in der Schachpolitik an Karpows Beharrungsvermögen, der mit den Jahren durch geschicktes Taktieren Millionen scheffelte. Als im April in Prag die Wiedervereinigung der Titel mit Konkurrenz-Weltmeister Wladimir Kramnik beschlossen wurde, blieb der 18-Jährige den Ränkespielen fern. "So witzig es klingen mag: Ich habe mich im Internet darüber informiert", bekennt der offizielle Champion des Weltverbandes FIDE und wundert sich, dass Präsident Kirsan Iljumschinow keine Absprachen mit seinem regulären Champion trifft. Die früheren Erzfeinde Iljumschinow und Kasparow sägen bereits in einer unheiligen Allianz an seinem und Kramniks Stuhl. Das ist Ponomarjow endgültig klar geworden, als ihm nur 30.000 Dollar für ein Computer-Match angeboten wurden - und anschließend Kasparow und Iljumschinow in Israel einen Zweikampf ab 1. Oktober um eine Million Dollar gegen Deep Junior 7 verkündeten. Ob und wann er gegen Kasparow Teil eins der Titelvereinigung einzuleiten hat, teilte ihm bis dato auch keiner von der FIDE mit. Bei der richtigen Antwort auf all diese Affronts denkt Ponomarjow gerne an das Ende des Boxkampfs zwischen Schachfan Lennox Lewis und Mike Tyson. Der 18-Jährige sieht sich gegen den Weltranglistenersten keinesfalls als Bauernopfer. "Bei der WM dachte auch jeder, ich sei chancenlos. Ich werde die richtige Antwort am Brett geben."