"Ein ganz cooler Hund"

Ponomarjow von seinem Simultan geschlaucht

Von Hartmut Metz

Da behaupte noch einer, Schach habe nichts mit Sport zu tun: Die deutsche Großmeisterin Elisabeth Pähtz musste sich ganz schön ins Zeug legen, um zu den Chess Classic nach Mainz zu kommen. Die Spitzenspielerin des deutschen Meisters Dresden ließ sich aber auch durch die Flutkatastrophe nicht aufhalten. "Mir stand am Sport-Gymnasium das Wasser bis zur Hüfte. Meine Lehrer wollten mich nach dem Unterricht am Mittwochmorgen nicht gehen lassen. Doch ich scherte mich nicht darum und sagte ihnen, ich sei eine gute Schwimmerin. Anschließend watete ich auf mein Zimmer und holte meine Klamotten. So viel Sport wie an diesem Tag habe ich noch nie gemacht", berichtete die abgekämpfte WM-Achtelfinalistin. Weil auch kein direkter Zug mehr von Dresden in den Westen fuhr, ersann die schlaue Schachspielerin eine andere Variante, um ans Ziel zu kommen: Über den Umweg Polen und Berlin gen Mainz traf die 17-Jährige mit einstündiger Verspätung bei der Pressekonferenz ein. Ihren Humor hatte Pähtz dennoch nicht verloren. Claus Spahn, verantwortlicher WDR-Fernsehredakteur für die alljährliche Schachsendung, erkundigte sich nach ihrer Vorbereitung. Er habe einmal verfolgt, wie Garri Kasparow im Schnelldurchlauf 400 Partien von Kontrahent Robert Hübner seziert habe. "Ich stellte fest, dass er seinen Turm immer auf c6 hat", teilte der damalige Weltmeister sein Ergebnis mit. "Haben Sie auch die Partien von Alexandra Kostenjuk angeschaut?", begehrte Spahn Auskunft. "Ja, habe ich - aber auf c6 habe ich nichts festgestellt ...", ließ Pähtz wissen.

Auch Weltmeister Ruslan Ponomarjow stöhnte trotz täglichen Schwimm- und Lauftrainings über die Unbilden seines Sports. "Puh, das war ganz schön anstrengend", äußerte der Ukrainer nach 4:20 Stunden, in denen er in einer Art Rundlauf die Bretter von 40 Gegnern abklapperte. 30 Mal siegte der 18-Jährige am Mittwochabend, acht Remis gab der Großmeister aus dem Donetzk-Becken ab und verlor zwei Duelle. "Was für ein Glück, dass ich vor dem Match gegen Viswanathan Anand noch einen Tag Ruhepause habe. Ansonsten hätte es der weltbeste Schnellschachspieler leicht", befand der erschöpfte Ponomarjow vor dem Duell über acht Partien von Freitag bis Sonntag.


Nach Stunden des Kampfes: Ponomarjow im Kampf gegen Driftmann.
Im Simultan setzte ihm der vereinslose Christoph Driftmann besonders zu. Am Schluss nahm der Großmeister aus Kramatorsk auf einem Stuhl Platz, um im Endspiel Dame plus Springer gegen Dame und Bauer noch auf Gewinn zu spielen. "Das war ganz große Klasse, dass er mir gegenüber saß. Da steht man unter Strom. Das war wie eins gegen eins!", freute sich Driftmann. Den Amateur plagte jedoch auch die Furcht, dass "ich die Partie noch verliere". Obwohl er mehr auf Ponomarjows "Großzügigkeit hoffte", das Endspiel gleich Remis zu machen, fand er den Weltmeister "sehr sympathisch". Sein Ziel verwirklichte Driftmann am Ende durch einen hübschen Schlusszug, der ein Patt erzwang. Außer ihm durften sich zudem Igor Petri (vereinslos), Hans Mokry, Mike Rosa und Bergit Brendel (alle SC Frankfurt-West) - Letzterer gelang der erste Achtungserfolg des Simultans - und Bert Hollmann über ein Unentschieden. Der Herforder sorgt mit seinem Kompagnon von Schach.com, Axel Fritz dafür, dass die Chesstigers-Webseite auf dem aktuellen Stand bleibt.

 

Remis schafften überdies Thorsten Overbeck und Aaron Knickel. Beide hatten wie Max Weber und Hendrik Schaffer Freiplätze von ihrem Klub SF Neuberg geschenkt bekommen. Durfte Overbeck dieses Resultat mit 1995 DWZ und Elo 2160 durchaus zugetraut werden, überraschte Knickels Unentschieden. Er ist erst elf Jahre alt und steht bei 1558 DWZ. Der zweitjüngste Teilnehmer im Weltmeister-Simultan - die Wormserin Anna Endress zählt erst neun Lenze - hätte sogar gewinnen können. "Ich hatte zwei Mehrbauern, doch dachte ich, Ponomarjow habe ein Dauerschach. Ein Irrtum, weshalb ich ins Remis einwilligte", erläuterte Aaron Knickel. Zufrieden waren er und der 18-jährige Overbeck, der auch besser stand, letztlich trotzdem.

Einen glücklichen Sieg feierte gar Horst Eidam. Der 65-Jährige wähnte sich verloren. Um einen Freibauern durchzudrücken, agierte sein Kontrahent indes zu sorglos und stellte einen Turm ein. "Was sollte ich machen? Ihn den Zug zurücknehmen lassen? Das hätte ich auch nicht gedurft. Ich habe ihn deshalb genommen, auch wenn mein Sieg unverdient war. Morgen fragt keiner mehr, wie ich den Weltmeister geschlagen habe. Gewonnen ist gewonnen", erklärte der Eigentümer einer Fahrschule seine pragmatische Sicht der Dinge. Im Vorjahr verbuchte Eidam (1866 DWZ) ein "richtiges Remis" gegen Wladimir Kramnik. Der Einstein-Weltmeister habe dabei "vorsichtiger agiert. Ponomarjow spielte aggressiver, voll auf Sieg". Die "Turmeinsteller"-Niederlage ärgerte den zweiten Sieger des Abends, Jürgen Kleinert, schmälerte sie doch seinen Ruhm. Der Stammgast bei den Chess Classic, der wie Hollmann für KS Herford ans Brett geht, stand zwischenzeitlich kritisch, setzte sich dann aber dank zweier Freibauern durch.

Auf einen Erfolg wie 2001 gegen Anand hatte Eckhard Freise spekuliert. "Ich gewann nach einem Eröffnungsfehler von Ponomarjow die Qualität. Ich spielte dann aber zu scharf weiter", tadelte sich der erste Gewinner einer Million Mark bei Jauchs Quizshow selbst. Ihm habe allerdings auch "imponiert", wie schnell Ponomarjow seine Runden drehte und "keine Endspiele anstrebte, sondern taktisch zum Erfolg kommen wollte. Das ist mit Sicherheit ein ganz cooler Hund. Anand muss sich warm anziehen", empfahl der wortgewaltige Wuppertaler Geschichts-Professor dem indischen Titelverteidiger.

Mit 85 Prozent der Punkte ging Ponomarjows Taktik nicht auf. "Ich hoffte, dass alle e5 entgegnen und anschließend gleich fortsetzen - dann hätte ich nur eine Partie zu spielen brauchen", scherzte der Weltmeister, der alle 40 Begegnungen mit dem Königsbauern eröffnet hatte! Eine Seltenheit, wechseln die Simultan-Geber doch für gewöhnlich mit 1.c4, d4, e4 und Sf3 ab. Seine 34/40 bedeuten nur Rang elf in den bisherigen 13 Simultans an 40 Brettern bei den Chess Classic. Spitzenreiter in dieser Liste bleibt Viswanathan Anand, der anno 1994 mit +36 =4 -0 in Rekordzeit von 3:02 Stunden das Topresultat von 95 Prozent erzielte. Dass langes Nachdenken mehr die Gegner als die Großmeister bevorteilt, musste Wladimir Kramnik erkennen, der 1995 nach 5:05 Stunden das schlechteste Ergebnis mit 77,5 Prozent (+24 =14 -2) aufwies.

Fix und fertig war gar Vizeweltmeisterin Alexandra Kostenjuk, obwohl die schöne Russin "nur" gegen 25 Kontrahenten antrat. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel knöpfte ihr eines von drei Remis ab. Zu ihren sechs Bezwingern zählte der talentierte zwölfjährige Daniel Körnlein vom SC Frankfurt-West. Fünfeinhalb Stunden lang dauerte Kostenjuks Tortur. Nach dem Langstreckenlauf von einem Brett zum nächsten schlich sie kommentarlos ins Bett. Wie ihre Widersacherin im "Duell der Grazien", Elisabeth Pähtz, hatte sie für heute genug Sport getrieben.