Bengalisches Feuer ausgetrocknet
Ponomarjow hinterlässt starken Eindruck: 2:1-Führung gegen Anand
Von Hartmut Metz
Ruslan Ponomarjow hat am ersten Tag des "Duells der Weltmeister"
in Mainz einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Schon zum Auftakt
hatte Viswanathan Anand alle Hände voll zu tun, um noch ins Remis
zu entwischen. "Ta8+ anstatt Tb1 hätte im 34. Zug gewonnen", wusste
der FIDE-Weltmeister nachher sofort. Nach dem Remis in Runde zwei
gewann Ponomarjow dafür die dritte Begegnung und geht mit einer 2:1-Führung
in den Samstag, an dem erneut drei Spiele ausgetragen werden. "Das
wird morgen für mich enorm schwierig", glaubte Ponomarjow und verwies
darauf, dass er am zweiten Tag "zweimal mit Schwarz antreten muss.
Außerdem sind drei Partien an einem Abend sehr anstrengend". Der Titelverteidiger
bei den Chess Classic Mainz, Anand, will auch in der Tat angreifen.
| Bisher stand es 1:1 im Vergleich zwischen dem Inder
und Ponomarjow. Erst zweimal, bei den Remis im spanischen Linares,
kreuzten die beiden Topspieler im Winter die Klingen. In den acht
Partien gegen den weltbesten Schnellschachspieler räumten die
Experten dem Ukrainer nur geringe Chancen ein, obwohl sich Ponomarjow
"extrem lange auf das Match vorbereitet" hatte. Die Vorfreude
seines Vorgängers auf dem WM-Thron, dass er "mal wieder gegen
ein frisches Gesicht antreten" darf, währte nur kurz. Anand geriet
sofort unter Druck. "Die Variante hat Ruslan schon zweimal auf
dem Brett gehabt und gewonnen. Der Plan ist einfach: a4, a5 nebst
axb6 gibt Weiß blendende Angriffschancen", wusste Viktor Bologan
nach den ersten Zügen im Caro-Kann. Wie schon in den 40 Simultan-Partien
hatte Ponomarjow gegen den Weltranglistendritten mit dem Königsbauern
eröffnet. Genauer gesagt übernahm diese Aufgabe Ljubow Jarmilko,
die Ehefrau des ukrainischen Generalkonsuls in Frankfurt. Sie
brachte auch ein paar Geschenke für den Tross des Champions mit,
Organisator Hans-Walter Schmitt bekam eine hübsch verpackte Flasche,
die verdächtig nach Krim-Sekt aussah. Nur Druck gab es indes für
Anand: Diesen auf seinen Damenflügel, wo der schwarze König nach
der langen Rochade postiert war, konnte Anand selbst nach dem
Damentausch nicht abschütteln. Das Programm "Pocket Fritz" wähnte
den FIDE-Weltmeister stets im Vorteil, zeitweilig sogar mit zwei
Bauerneinheiten, was einer klaren Gewinnstellung entspricht. Als
die Stellung "abschussreif" schien und auch Anand den Glauben
an seine Position verloren hatte ("Ich sah nicht wie, aber ich
war mir sicher, dass ich auf Verlust stand"), verpasste sein Kontrahent
den Knockout-Schlag. Im 34. Zug musste Ponomarjow nur Ta8+ spielen,
um nach Lb8 35.Tb1 Kc7 36.Kf1 (schließt ein Grundlinienmatt aus;
das von Großmeister Bogdan Lalic angeführte 36.g3 dient dem gleichen
Zweck) den Sieg an seine Fahnen zu heften. Doch stattdessen erlaubte
der 18-Jährige nach 34.Tb1 den Konter Ta5! 35.Txa5 Lxa5 36.Ta1
Td8. Danach war das Grundlinienmatt akut, weshalb sich das Nehmen
des Läufers auf a5 verbot. Anschließend festigte Anand den Läufer
auf a5 mittels Td5, so dass die Stellung ins Remis verflachte.
"Ich dachte, ich gewinne nach Tb1", räumte der Weltranglistensechste
einen Rechenfehler ein. |

Die Weltmeister im Duell
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Ponomarjow
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Die Bilder in der zweiten Partie glichen sich -
nicht nur was das Verhalten am Brett anlangt: Anand wie sein Widerpart
halten beim Brüten häufig die Hand vor den Mund, so als ob die
Gefahr bestünde, einen starken Zug auszuplaudern. Der "Tiger von
Madras" wischt sich dabei in schwierigen Situationen mit der Handfläche
über den Mund. Außerdem trinkt der 32-Jährige sehr viel während
der Partien, in denen beide Seiten 25 Minuten Bedenkzeit plus
jeweils zehn Sekunden pro ausgeführten Zug erhalten. Ponomarjow
verwehrt sich diese feuchte Ablenkung gänzlich - und ganz trocken
trägt er auch sein Spiel vor. Das Endspiel mit zwei Bauern am
Königsflügel gegenüber einem Verhältnis von 3:1 zugunsten Anands
auf der anderen Bretthälfte werteten die deutschen Koryphäen Fabian
Döttling, ehemaliger U18-Europameister vom SC Baden-Oos, und Henrik
Teske als sehr vorteilhaft für Schwarz. "Ich hätte den Turm getauscht
und das Endspiel gewonnen", äußerte "Rambo" Teske. Flößte ihm
die Kunst des "weltbesten Schnellschachspielers" (O-Ton des Weltmeisters)
zu viel Respekt ein? Ponomarjow beschied sich jedenfalls mit einer
Zugwiederholung. |
Anand versuchte die Strapazen der aufreibenden ersten zwei Partien
bei einem Spaziergang mit Gattin Aruna entlang des Rheinufers abzustreifen.
Was anschließend auf den 15. Weltmeister der Schach-Geschichte zukam,
sollte weniger erquicklich werden: "Das Endspiel war sehr unangenehm.
Ich versuchte mich so gut als möglich zu verteidigen, fand aber nichts
Besseres", beschrieb der Titelverteidiger von Mainz die bittere Lektion.
Ponomarjow pflichtete bei: "Die Eröffnung habe ich nicht vorbereitet,
weil Anand zuvor kein Sweschnikow im Repertoire hatte. Das Endspiel
war besser für mich, wenn nicht gar gewonnen." Schon im Keim erstickte
der Kramatorsker die Bemühungen des Inders, noch irgendwo ein bengalisches
Feuer anzuzünden. Das Brett geriet nur in der Hälfte des Nachziehenden
in Brand. Zwar konnte Schwarz die zwei Minusbauern einsammeln - dafür
aber wurde sein schutzlos gewordener König im rechten Eck matt gesetzt.
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