"Der Tiger hat noch Zähne"

Anand gleicht am zweiten Tag gegen Ponomarjow aus

Von Hartmut Metz

In ein Wechselbad der Gefühle werden die Fans von Viswanathan Anand gestürzt. Gingen sie zunächst mit der Gewissheit in das "Duell der Weltmeister", dass der weltbeste Schnellschachspieler klarer Favorit gegen Ruslan Ponomarjow ist, belehrte sie der Ukrainer am ersten Tag eines Besseren. Weniger der Rückstand von 1:2 sollte den "Tiger von Madras" sorgen - vielmehr das Wie dürfte ihm zu denken gegeben haben. Sein Nachfolger auf dem FIDE-Thron führte ihn regelrecht vor und hätte bei der auf dem Brett stehenden Gewinnstellung in Runde eins gar mit 2,5:0,5 führen können. Erinnerungen an das Vorjahres-Match bei den Chess Classic Mainz wurden wach: 2001 hatte Wladimir Kramnik seinen Weltmeister-Kollegen Anand ein ums andere Mal überrollt - und auf wundersame Weise hielt der Inder den Anschluss. Am Ende obsiegte er gar im Blitz-Tiebreak nach einem vorherigen 5:5.

Wie verwandelt wirkte Anand am zweiten Tag! Gleich in der ersten Partie übernahm er die Regie. Die Eröffnung verlief ganz in seinem Sinne. Den leichten Vorteil baute er konsequent aus. Als ein Frei- und Mehrbauer auf e6 auftauchte, wähnte sich der Titelverteidiger bei den Chess Classic noch nicht auf Gewinn stehend, aber "deutlich besser". Erstmals unterlag Ponomarjow seinem Widersacher, gegen den er vor Mainz nur zweimal in Linares gespielt und remisiert hatte. Organisator Hans-Walter Schmitt kommentierte die Vorführung treffend: "Der Tiger hat noch Zähne!" Der "Turniersenior" - der Rest der Stars in der Rheingoldhalle ist durchweg rund eineinhalb Jahrzehnte jünger - bewies in der Tat, dass er keine alte und zahnlose Raubkatze ist. Wirkte der sonst so witzige Anand zum Auftakt eher schlapp, funkelten seine Augen wieder in gewohntem Glanz und der Schalk schien in seinen Nacken zurückgekehrt.

 

Sein Auftreten war auch in der fünften Partie mit Schwarz ein ganz anderes. Stand der 32-Jährige als Nachziehender bis dato stets mit dem Rücken zur Wand, glich der Weltranglistendritte problemlos aus. In der Kommentatorenkabine wies Artur Jussupow im Endspiel auf ein beachtliches Qualitätsopfer hin - und prompt "folgte" Anand der Empfehlung seines zeitweiligen Sekundanten, der ihn unter anderem 1998 beim WM-Finale gegen Anatoli Karpow in Lausanne betreute. Relativ gefahrlos sei die Preisgabe eines Turms für den Springer auf c4, meinten nicht nur Jussupow und sein Mitkommentator Eric Lobron. Weiß hatte hernach einen schwer zu deckenden Doppelbauern auf der c-Linie - und vor allem keine Einbruchsmöglichkeiten mit den Türmen ins schwarze Lager. "Ich fürchtete größere Probleme und war überglücklich über das Remis", gestand Ruslan Ponomarjow in der Pressekonferenz. Er sah für seinen Gegner noch stärkere Fortsetzungen, die ihn in die Bredouille hätten bringen können. Henrik Teske, die "Killerplauze aus Eisleben" (am Frühstückstisch erlaubt sich die Bulletin-Redaktion allmorgendlich den Spaß, den deutschen Großmeister als "bad boy" des Schachs und Kontrapunkt zu den "Grazien" aufbauen zu wollen; als weiterer Kampfname käme "Der Löwe von Thüringen" in Betracht, da sich das Sternzeichen Teskes, Fisch, weniger für solcherlei plakative Spiele eignet ... Obwohl der "Saale-Aal" auch nicht schlecht klänge! Und "Das Murmeltier von Kufstein" wäre auch nicht schlecht, wäre der erfolgreich in Österreich spielende Teske nicht so ein aufgewecktes Bürschchen), sah indes die Möglichkeit für Weiß, in ein gewonnenes Bauernendspiel abzuwickeln! Dies bestätigten einige russische Großmeister unter den Zuschauern. Die an Dimitri Komarow und Viorel Bologan, Trainer des Ukrainers, überbrachte Kunde löste nach kurzer, heftiger Diskussion Kopfschütteln aus. Offenbar hatten die Koryphäen auf der Bühne die überraschende Wendung nach stetem schwarzen Druck völlig außer Betracht gelassen.

Einig war man sich hingegen über den Remisschluss im dritten Duell des Tages. Ponomarjow glich als Nachziehender alsbald aus und stand dank der besetzten offenen a-Linie optisch leicht überlegen. "Kaum der Rede wert" fand der FIDE-Weltmeister den akademischen Vorteil. Anand sorgte sich ebenfalls wenig: "Ich sah keine Gefahr. Im Zweifelsfall holze ich mit dem Läufer den Springer so raus, dass ungleichfarbige Läufer aufs Brett kommen. Ich muss mich zwar auch danach noch präzise verteidigen, aber die Partie sollte ins Remis münden." 3:3 steht es somit vor den letzten zwei Begegnungen am Sonntag. Ein erneuter Blitz-Tiebreak wie im Vorjahr ist nicht ausgeschlossen. Angesichts dessen erklärte Schmitt am Samstagabend vor voller Halle in Richtung Publikum: "Das ist doch spannender als das Aktuelle Sport-Studio!"