"Der Tiger hat noch Zähne"Anand gleicht am zweiten Tag gegen Ponomarjow ausVon Hartmut Metz In ein Wechselbad der Gefühle werden die Fans von Viswanathan Anand gestürzt. Gingen sie zunächst mit der Gewissheit in das "Duell der Weltmeister", dass der weltbeste Schnellschachspieler klarer Favorit gegen Ruslan Ponomarjow ist, belehrte sie der Ukrainer am ersten Tag eines Besseren. Weniger der Rückstand von 1:2 sollte den "Tiger von Madras" sorgen - vielmehr das Wie dürfte ihm zu denken gegeben haben. Sein Nachfolger auf dem FIDE-Thron führte ihn regelrecht vor und hätte bei der auf dem Brett stehenden Gewinnstellung in Runde eins gar mit 2,5:0,5 führen können. Erinnerungen an das Vorjahres-Match bei den Chess Classic Mainz wurden wach: 2001 hatte Wladimir Kramnik seinen Weltmeister-Kollegen Anand ein ums andere Mal überrollt - und auf wundersame Weise hielt der Inder den Anschluss. Am Ende obsiegte er gar im Blitz-Tiebreak nach einem vorherigen 5:5.
Sein Auftreten war auch in der fünften Partie mit Schwarz ein ganz anderes. Stand der 32-Jährige als Nachziehender bis dato stets mit dem Rücken zur Wand, glich der Weltranglistendritte problemlos aus. In der Kommentatorenkabine wies Artur Jussupow im Endspiel auf ein beachtliches Qualitätsopfer hin - und prompt "folgte" Anand der Empfehlung seines zeitweiligen Sekundanten, der ihn unter anderem 1998 beim WM-Finale gegen Anatoli Karpow in Lausanne betreute. Relativ gefahrlos sei die Preisgabe eines Turms für den Springer auf c4, meinten nicht nur Jussupow und sein Mitkommentator Eric Lobron. Weiß hatte hernach einen schwer zu deckenden Doppelbauern auf der c-Linie - und vor allem keine Einbruchsmöglichkeiten mit den Türmen ins schwarze Lager. "Ich fürchtete größere Probleme und war überglücklich über das Remis", gestand Ruslan Ponomarjow in der Pressekonferenz. Er sah für seinen Gegner noch stärkere Fortsetzungen, die ihn in die Bredouille hätten bringen können. Henrik Teske, die "Killerplauze aus Eisleben" (am Frühstückstisch erlaubt sich die Bulletin-Redaktion allmorgendlich den Spaß, den deutschen Großmeister als "bad boy" des Schachs und Kontrapunkt zu den "Grazien" aufbauen zu wollen; als weiterer Kampfname käme "Der Löwe von Thüringen" in Betracht, da sich das Sternzeichen Teskes, Fisch, weniger für solcherlei plakative Spiele eignet ... Obwohl der "Saale-Aal" auch nicht schlecht klänge! Und "Das Murmeltier von Kufstein" wäre auch nicht schlecht, wäre der erfolgreich in Österreich spielende Teske nicht so ein aufgewecktes Bürschchen), sah indes die Möglichkeit für Weiß, in ein gewonnenes Bauernendspiel abzuwickeln! Dies bestätigten einige russische Großmeister unter den Zuschauern. Die an Dimitri Komarow und Viorel Bologan, Trainer des Ukrainers, überbrachte Kunde löste nach kurzer, heftiger Diskussion Kopfschütteln aus. Offenbar hatten die Koryphäen auf der Bühne die überraschende Wendung nach stetem schwarzen Druck völlig außer Betracht gelassen.
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