Der Laufsteg der "Brett-Hupferl"

Von roten und schwarzen Jacketts für die Sieger Kostenjuk und Anand

Von Hartmut Metz

Laufsteg gepaart mit Schach: Den Puritanern unter den Denkstrategen mögen die Chess Classic Mainz ein Gräuel gewesen sein - um den Mief einer Sportart zum Einschlafen loszuwerden, sind die zahlreichen spektakulären Turniere in der Stadt des Schach spielenden "Sozis", Oberbürgermeister Jens Beutel, aber genau das Richtige. Im Mittelpunkt sollte eigentlich das "Duell der Weltmeister" stehen, bei dem Viswanathan Anand durch einen 4,5:3,5-Sieg über Ruslan Ponomarjow der Titel-Hattrick gelang. Doch die Medien fanden mehr Gefallen am Match der "Brett-Hupferl", wie die "Bild" Alexandra Kostenjuk und Elisabeth Pähtz ein besonderes Etikett anklebte.

Im "Duell der Grazien" lieferten sich die russische Vizeweltmeisterin und die mit 17 Jahren jüngste deutsche Großmeisterin über drei Tage einen offenen Schlagabtausch. Kostenjuk ging 2:0 in Front, die Spitzenspielerin des deutschen Damen-Meisters Dresden glich nicht nur aus, sondern befand sich in der fünften Partie zum dritten Mal in Folge auf der Siegerstraße - um die mögliche Führung wie eine Anfängerin zu verpatzen. Nach dem Remis unterlag die sichtlich konsternierte Pähtz erneut der "Anna Kurnikowa des Schachs". "Ihre Nerven sind einfach noch besser. Ich habe deswegen schon mehrfach in der letzten Runde bei Jugend-Weltmeisterschaften den Titel verpasst", schluchzte die spielerisch überraschend überlegene Außenseiterin.

Nachdem die Tränen getrocknet waren, schlug die Erfurterin noch zweimal zurück. Zunächst egalisierte Pähtz in der letzten Schnellschach-Partie zum 4:4, dann ließ sie sich auch nicht durch einen Rückstand im Blitz-Tiebreak mit verkürzter Bedenkzeit aus der Ruhe bringen. Erst als die nächste Partie entschied und keine Chance mehr auf Wiedergutmachung bestand, vollstreckte Kostenjuk zum Endstand von 6:5. "Elisabeth hat das Match dominiert. Ich bin sehr stolz auf meine Tochter", kommentierte ihr Vater, Großmeister Thomas Pähtz, trotzdem. Die 17-Jährige machte auch abseits des Brettes eine bessere Figur als das Modell aus Moskau. Kostenjuk wirkte schon während des "vor Fehler strotzenden Zweikampfs" müde. Nach der Terminhetze für Modeaufnahmen wie die Blätter "Elle" und "Vogue" stand gestern am frühen Morgen der Flug nach Paris an, heute geht es nach Odessa. "Filmaufnahmen", sagt die 18-jährige Russin kurz und zeigt erst nach den Worten "dann geht's endlich in den Urlaub" ihr bezauberndes Lächeln.

Angriffslustiger präsentierte sich ihre Erzrivalin. Die abenteuerliche Zugreise vom überfluteten Dresden, wo sich Pähtz gegen den Willen ihrer Lehrer trotz hüfthohen Wasserstandes als "gute Schwimmerin" aus dem Sport-Gymnasium verabschiedete, über Polen und Berlin gen Mainz bescherte erste Schlagzeilen. Am Morgen der ersten Partie ging sie "als Vorbereitung zum Friseur". Anschließend punktete die WM-Achtelfinalistin mit kessen Sprüchen. "Dieses rosa Top war doch schrecklich", beurteilte die im frisch erworbenen roten Kostüm auf die Bühne stolzierende Pähtz den ersten Auftritt der Favoritin und leitete mit einer schwarzen Lederkappe als Glücksbringer die Aufholjagd ein. Aber nicht nur deswegen lobte Kommentator Artur Jussupow: "Die Damen sorgen für Unterhaltung. Auf dem Brett ist immer etwas los."

Das dürfen allerdings auch die "Nebendarsteller" für sich in Anspruch nehmen. Ponomarjow, Weltmeister des Schach-Weltverbandes FIDE, überrollte Anand regelrecht in den ersten drei Partien. Der 32-Jährige musste froh sein, dass er nach dem ersten Tag nur mit 1:2 zurücklag. Anschließend steigerte sich der weltbeste Schnellschachspieler jedoch und übernahm die Regie. Dem Ausgleich in der vierten Begegnung folgten drei Remis, weil sich Anand nach Ansicht des Ukrainers "viel besser als ich verteidigte", und dann der Todesstoß zum 4,5:3,5, als sich jeder Zuschauer auf einen Tiebreak eingestellt hatte. Mit einer brillanten Kombination - der "Tiger von Madras" opferte erst einen Springer für einen Bauern, dann warf er dem 18-Jährigen gleich den nächsten Schimmel zum Fraße vor - leitete der Ex-Weltmeister den entscheidenden Angriff ein. "Der Tiger hat noch Zähne!", freute sich Organisator Hans-Walter Schmitt, dass er seinem Freund erneut das schwarze Jackett des Siegers überstreifen durfte. "Das Niveau war deutlich höher als im letzten Jahr gegen Wladimir Kramnik", blieb Anand analytisch und zog einen Vergleich mit dem Duell der damaligen Weltmeister. Vielleicht ein bisschen steckte ihm aber auch der Aufmerksamkeitsgrad der "Grazien" im Hinterkopf, als der Inder mit gewohntem Schalk im Nacken bemerkte: "Nächstes Jahr möchte ich aber auch ein rotes Jackett!" Das gab's heuer für Kostenjuk. Pähtz nahm es letztlich gelassen - schließlich hat sie auch schon eines, sogar mit Rock.