Jauch-Millionär Freise gegen spekulativen Weltmeister

Mainzer Oberbürgermeister Beutel erwehrt sich des "Tigers von Madras" mit einem schnelleren PC

Von Eric van Reem

Computer haben bei den Chess Classic immer eine große Rolle gespielt. Die spannenden Vergleiche zwischen Viswanathan Anand und Fritz on Primergy 1998 und 1999 waren für die Schachfans ein besonderer Leckerbissen. Der stärkste Computer-Spieler der Welt gewann beide Duelle überzeugend. Im Masters Turnier 1999 siegte Fritz allerdings vor Weltklasse-Spielern wie Judit Polgar, Peter Swidler, Michael Adams und Peter Leko. Unvergessen sind die spannenden Begegnungen im Jahre 2000, als Fritz gegen die Weltspitze antrat und ihm dabei sogar ein Sieg gegen den vermeintlich unbesiegbaren Anand gelang. Das Duell Mensch-Maschine endete 5:5, wobei der Sieg Alexej Schirows mit einem doppelten Qualitätsopfer den Höhepunkt der Veranstaltung bildete. Im Vorjahr war Fritzchens kleiner Bruder Pocket Fritz mit einem Kind von Shredder-Programmierer Stefan Meyer-Kahlen noch etwas zu schmalbrüstig für die Elo-Giganten Peter Leko und Michael Adams. Das Programm, das für Taschen-PCs entwickelt wurde, verlor 0:5:3,5.

Am 15. August (18.30 Uhr) spielen die Menschen in der Mainzer Rheingoldhalle allerdings nicht mehr gegen den Computer, sondern mit dem Computer. Es werden zwei besondere Handicap-Matches ausgetragen: Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (Deutsche Wertungszahl 2075) wird mit einem PC ausgestattet, der einen 2200-getakteten-Prozessor und 512 MB Speicher besitzt. Beutels Kontrahent, Ex-Weltmeister Anand, muss sich mit einem langsameren Notebook mit maximal 733 MHz und 128 MB Speicher begnügen. Beide Spieler dürfen während der Partie das weltweit bekannteste Schachprogramm, Fritz 7, einsetzen, das die schwedische Computer-Weltrangliste anführt. Im zweiten Vergleich trifft der russische Großmeister Peter Swidler (Weltranglisten-14. mit 2690 Elo) komplett ohne Computer-Unterstützung auf Prof. Eckhard Freise (Elo 2018). Der erste Gewinner einer Million Mark bei der Jauch-Quiz-Show "Wer wird Millionär" bewaffnet sich mit einem 733 MHz Notebook (128 RAM). Der versierte Amateur aus Münster darf das Weltmeister-Programm Junior 7 zu Rate ziehen. Gespielt werden in beiden Wettkämpfen zwei Partien mit 25 Minuten Bedenkzeit je Spieler, dazu gesellen sich zehn Sekunden pro Zug. Das israelische Programm Junior, das wie Fritz von dem in der Schach-Software führenden Hamburger Unternehmen ChessBase vertrieben wird, wurde von Amir Ban und Shay Buschinski entwickelt. Im Juli wurde das spektakulär spielende Programm bei der WM in Maastricht zehnter Computer-Weltmeister aller Klassen. Junior fiel besonders durch seine aggressive, manchmal sogar spekulative Spielweise auf.

Diese modernen Handicap-Duelle sind eine Fortsetzung der fast vergessenen Wettkampfform der Vorgabepartien. Es macht Spaß, Schach zu spielen, insbesondere gegen die Größen dieses Fachs - nur verlieren möchte keiner. Zu allen Zeiten wurde deshalb nach einem Ausgleichsfaktor gesucht, um annähernde Chancengleichheit zu gewähren. Bei den Chess Classic Mainz ist dies beispielsweise am 14. August in den Simultan-Vorstellungen des neuen Weltmeisters Ruslan Ponomarjow (Ukraine/ab 16 Uhr) und "Grazie" Alexandra Kostenjuk (Russland/17 Uhr) der Fall. Beide Spitzenspieler können nur einen Bruchteil der Bedenkzeit nutzen, die ihren Gegnern zur Verfügung steht. Der deutsche Großmeister Robert Hübner fand noch eine andere, schwierigere Alternative: Er spielte am 25. September 1999 ein Blind-Simultan an acht Brettern gegen den Schachclub Kreuzberg, der es mit einem Elo-Durchschnitt von 2297 auf Meisterstärke brachte. Hübner gewann trotzdem 6,5:1,5 und verlor keine einzige Partie!
Im 19. Jahrhundert war es üblich, sogar in Wettkämpfen mit ungleichem Material zu spielen. Das berühmteste Beispiel dürfte das 1836 in Paris ausgetragene Match des Ungarn Josef Szén gegen den Franzosen Louis Charles Mahé de la Bourdonnais sein. Letzterer, zu diesem Zeitpunkt der beste Spieler der Welt, gab einen Bauern vor und außerdem noch einen Zug: Szén durfte folglich als Weißer zu Spielbeginn zwei Züge hintereinander machen und als Schwarzer die Partie eröffnen. Mit diesem großen Vorteil ausgestattet, konnte Szén das Duell mit 13:12 denkbar knapp für sich entscheiden. Gerade dieses Match galt jahrzehntelang als der Beweis, dass eine solche Vorgabe die Chancen zwischen einem starken Meister und einem guten Amateur fast genau ausgleicht. 2001 kam es zu einem Schaukampf zwischen dem englischen Millionär Terence Chapman (Elo 2200), der vier Vorgabepartien gegen Garri Kasparow, den stärksten Profi unserer Zeit, spielte. Mit 2,5:1,5 setzte sich der Weltranglistenerste, der 30 Minuten Bedenkzeit und stets zwei Bauern vorgab, durch.

Advanced Chess: Symbiose Mensch-Computer

Während des Wettkampfs im Frühjahr 1996 gegen IBM-Großrechner Deep Blue war Kasparow die Idee zu Advanced Chess gekommen. Die Spieler sollten während der Partie mit einem Computer arbeiten dürfen. Zum einen können sie so in Datenbanken nach den besten Eröffnungsvarianten stöbern, zum anderen mit einer Schach-Engine Varianten überprüfen. Ein Jahr später wandte sich Marcelino Sion, Schachveranstalter in der spanischen Provinzhaupstadt Leon, an Kasparow. Er wollte einen spektakulären Wettkampf mit dem damaligen Weltmeister veranstalten. Der Russe, der sich gerade von seiner Niederlage gegen Deep Blue erholte, hatte gleich einen ungewöhnlichen Vorschlag. Statt eines konventionellen Vergleichs könne man doch etwas ganz Neues versuchen: einen Advanced-Chess-Wettkampf, bei der zur Abwechslung Mensch und Maschine zusammen statt gegeneinander spielen. Das erste Advanced-Chess-Match wurde 1997 zwischen Kasparow und dem Bulgaren Weselin Topalow ausgetragen. Es endete 3:3. Ein Jahr später verzichtete Kasparow, nach Differenzen mit dem Veranstalter, auf ein Duell gegen Anand. Statt seiner trat Anatoli Karpow an. Der im Umgang mit Computer unerfahrene Ex-Weltmeister wurde von "Power-User" Anand vernichtend mit 5:1 geschlagen. Bereits als 17-Jähriger machte Anand erste Erfahrungen mit der Schachsoftware von ChessBase. Als die ersten starken PC-Programme auftauchten, war der "Tiger von Madras" derjenige der Spitzen-Großmeister, der sofort deren Analysefähigkeit für die eigene Vorbereitung einsetzte. Heute hat der Weltranglistendritte (Elo 2755) diese Kunst zur höchsten Perfektion gebracht. Anand gewann auch 2000 und 2001 die Advanced Chess Veranstaltungen von Leon. Heuer unterlag der Inder allerdings Wladimir Kramnik knapp mit 2,5:3,5.

Anand gilt trotzdem als der erfahrenste Advanced-Chess-Spieler der Welt. Nur gegen Computer spielt er indes nicht mehr so gerne. Das anstehende Match in Bahrain zwischen Fritz und Kramnik findet der Ex-Weltmeister "so spannend wie den 150. Menschen auf dem Mond". Advanced Chess sei eine ganz andere Geschichte: "Es ist aufregend, zu sehen, wie der Mensch die Stärken von Computern in Zukunft nutzen wird." Besondere Bedeutung misst Anand der Zeiteinteilung bei: "Man muss wissen, wann man dem Rechner Zeit gibt und wann nicht." Kontrahent Jens Beutel hat sich noch keine Taktik zurechtgelegt: "Im Computerschach bin ich ohne nennenswerte Erfahrung. Aber es liegt auf der Hand, dass sichere Eröffnungsvarianten vorzuziehen sind. Insbesondere im Mittelspiel werde ich mich vor allem taktisch auf den Computer verlassen", erklärt der Mainzer Oberbürgermeister und setzt fort, "zum Training komme ich allerdings nicht: noch stehen Amtsgeschäfte an, dann Urlaub ohne PC und anschließend geht es Mitte August sofort hinein in die Chess Classic." Der Computer-Inder betont, es sei wichtig, dass sein Gegner über ein gutes allgemeines Schachwissen verfüge, um die Schachsoftware "sinnvoll einsetzen zu können". Aber kann der schwächere Gegner nicht einfach die Zugvorschläge von Fritz 7 ausführen? Beutel, der im Vorjahr in der Handicap-Disziplin "Simultan" gegen Wladimir Kramnik remisierte, meint: "Es gibt doch häufig gleichwertige Wahlmöglichkeiten, bei denen der Stil des Spielers entscheidend ist." Entsprechend will er das Programm Fritz 7 lenken.

Deutlich schwerer wird es für Peter Swidler sein, gegen die Symbiose aus Freise und Junior 7 zu bestehen. Der 26-jährige Weltklassespieler aus Sankt Petersburg trifft ohne Computer-Unterstützung auf einen Geschichts-Professor, der mit dem stärksten Programm der Welt gerüstet sein wird. Der neue Computer-Weltmeister düpierte erst vor kurzem den belgischen Großmeister Michail Gurewitsch, der fast der Preisklasse Swidlers entspricht, mit 3,5:0,5! Freise hat sich akribisch mit dem Gegner beschäftigt. Gegen den Russen, der bevorzugt mit e4 eröffnet, hofft der Fernschach-Spieler auf den Einsatz des Jänisch-Gambits. Mit dieser zweischneidigen Eröffnung verbindet der Münsteraner gute Erinnerungen. "Obwohl mir Ehefrau Petra Kortschnoi im November 2001 beim Simultan in Berlin mehrfach versicherte, ihr Mann habe sich auf ,seinen Lieblingsprofessor' vorbereitet, half ihm das beim Rittmeister Jänisch nichts!" Der unterhaltsame Plauderer kann sich nicht vorstellen, dass sich Swidler auf einen Hobbyspieler wie ihn vorbereite. Freises Taktik in dem Advanced-Chess-Match steht hingegen schon: "1. Rasches Überbrücken des für mich gefährlichen Theoriehai-Beckens; zu viel Bedenkzeit, die ich hierfür aufwenden müsste, ließe sich im Laufe der Partie wohl kaum aufholen. 2. Möglichst Stellungen anstreben, die mir liegen, also tunlichst unklare, ambivalente Züge mit Perspektiven für beide Seiten. Und das sind nach meinen Erfahrungen mit dem Programm Fritz 5.32 keineswegs solche, die das Programm an erster Stelle empfiehlt. Hier habe ich mich fünf Jahre lang im Fernschach ab und zu mit radikal bedingungslosen ,Computerhörigen' herumschlagen müssen - immer dann, wenn ich mir eigene Ideen gestattete, verfielen diese Gegner in tiefes Grübeln. Meine besten Partien habe ich gegen den Programm-Mainstream gewonnen. Nur ist diesmal Swidler in dieser Situation, gegen einen vermeintlich PC-Fixierten abweichen zu müssen, um das Programm vor undurchsichtige Probleme hinter dem Rechenhorizont zu stellen. Ich kann mich gut in ihn hineinversetzen. 3. So genanntes Anti-Computer-Schach erwarte ich nicht von Swidler. Das ginge doch wohl entschieden gegen den Strich der klassisch russischen Schachtradition. Swidler will doch Schach spielen und nicht nur ein Programm austricksen! Die mit rund einer halben Stunde begrenzte Zeit lässt ein nach allen Seiten durchanalysiertes Mittelspiel ohnehin nicht zu - jedenfalls nicht für einen Spieler meiner Spielstärke. Von den hochklassigen Tiebreaks zwischen Topalow und Barejew in Dortmund habe ich gelernt, dass es unbedingt darauf ankommt, im eigenen Rhythmus zu bleiben, nicht nur in einer angemessenen Zeiteinteilung, sondern auch dem unverwechselbaren Spielstil getreu. Es kommt also schon sehr darauf an, wer am Brett gegenüber sitzt, auch wenn Junior ständig vorsagt." Freise hält wie die erfahrenen Großmeister Helmut Pfleger und Bent Larsen "sehr viel von Psychologie in einer Schachpartie. Robert Hübners Aversionen dagegen sind mir entschieden zu wissenschaftsgläubig".

Da die Vorlesungszeit an der Uni in Wuppertal erst gerade endete, kam Freise nur zu taktischen Überlegungen. "Ernsthaft" trainieren will der Professor die nächsten Wochen. Immerhin weiß er schon jetzt, wie viele Varianten er sich gleichzeitig von Junior 7 anzeigen lässt: "Während meiner Fernschach-Karriere habe ich mir angewöhnt, bei Analysen mehrere, am besten drei Variantenstränge laufen zu lassen und immer wieder in die einzelnen Zugvorschläge hineinzugehen. So hat es Großmeister Rainer Knaak im ChessBase-Magazin einst empfohlen. Hierbei ist mir doch aufgefallen, wie sehr die Bewertung einer Stellung bei Fritz und auch anderen Programmen innerhalb von drei bis vier Zügen schwanken kann. Dergleichen Erfahrungen relativieren eine etwaige Computer-Gläubigkeit doch ganz erheblich!"