Der Computer war keine große Hilfe

Favoriten Anand und Swidler setzten sich in den Handicap-Matches durch

Von Eric van Reem

Zwei besondere Handicap-Duelle sind in der Rheingoldhalle ausgetragen worden. Der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (DWZ 2075) spielte mit einem sehr schnellen Computer, einem mit 2,4 Gigahertz getaktetem Pentium 4 mit 512 MB Speicher gegen Ex-Weltmeister Viswanathan Anand, der mit einem Pentium-Notebook Pentium 600 MHz und 128 MB Arbeitsspeicher ausgestattet wurde. Beide Spieler durften während der Partie das weltweit bekannteste Schachprogramm Fritz 7 einsetzen, das die schwedische Computer-Weltrangliste anführt. Im zweiten Vergleich traf der russische Großmeister Peter Swidler (Weltranglisten-14. mit Elo 2690) ohne Computerunterstützung auf Eckhard Freise (Elo 2018). Der erste Gewinner einer Million Mark bei der Jauch-Quiz-Show "Wer wird Millionär" durfte ein schnelles Pentium Notebook mit 933 MHz und 256 MB RAM benutzen. Auf die Hardware von der Firma Elphotec aus Mainz wurde der frisch gebackene Weltmeister Junior 7 auf dem Notebook von Freise installiert. Außerdem kopierte sich der versierte Amateur aus Münster noch die Fritz-Powerbooks 2002 auf den Rechner, um in der Eröffnung nicht gänzlich auf Unterstützung angewiesen zu sein. Ernsthaft hat sich Freise auf das Match gegen Swidler vorbereitet. "Während meiner Schnellschachkarriere habe ich mir angewöhnt, bei Analysen mehrere Variantenstränge laufen zu lassen und immer wieder in die einzelnen Zugvorschläge hineinzugehen."

Der Oberbürgermeister kam dagegen nicht zum Training. "Nach dem Urlaub ohne Schach und PC geht es Mitte August sofort hinein in die Chess Classic". Vor dem Kampf gegen den Computer-Inder spielte Beutel einige Übungspartien mit dem Berichterstatter, um sich mit dem Computer und mit dem Programm Fritz vertraut zu machen. Auch er entschied sich, während der Partie zwei bis drei Varianten anzeigen zu lassen. Frederic Friedel von der Firma ChessBase gab noch einige wertvolle Tipps und somit konnte Beutel, der am Vortag beim Simultan gegen Alexandra Kostenjuk ein Remis verbuchte, mit einem sicheren Gefühl in den Kampf mit dem erfahrensten Advanced-Chess-Spieler der Welt gehen.

In der ersten Partie wartete Anand geduldig bis sein schwächerer Gegner den Faden verlor, in der zweiten Partie wählte der "Tiger von Madras" eine Anti-Computer-Strategie: Das Zentrum wurde geschlossen, danach verschwendete der Inder nicht viel Zeit, den schwarzen König zu attackieren. Beutel musste sich in der schwierigen Lage völlig auf dem Rechner verlassen, um nicht im Angriff überrollt zu werden. "Man richtet sich doch sehr stark nach dem Computer", resümierte er - doch es half wenig.

Auch im zweiten Wettkampf siegte menschliche Routine über rechenstarke Computerintelligenz. "Der Computer war keine große Hilfe. Die Zeit war einfach zu kurz um die Engine optimal nutzen zu können", befand Fernschachspieler Freise hinterher. Der Professor war allerdings überhaupt nicht enttäuscht über die knappe 0:5,1;5-Niederlage "Ich bin sehr zufrieden mit dem Remis", sagte Freise lächelnd und zitierte Kommentator Matthias Wahls, "es war ein Sieg des kleinen Mannes." Peter Swidler hatte einige Partien des Jauch-Millionärs studiert, darunter den letztjährigen Simultansieg des Münsteraners gegen Anand. Seine Bilanz war objektiv: "Das Match war sehr schwierig für den Professor. Die Zeit war eigentlich zu knapp, um die Maschine optimal zu nutzen. Es macht ja keinen Sinn, nur die Züge des Computers auszuführen. Ich hatte das Gefühl, dass der Computer bei der Analyse sogar etwas gestört hat." Auf die Frage, ob Swidler das Programm Junior bei der täglichen Arbeit verwendet, antwortete der frisch gebackene Vater von Zwillingen: "In der Regel verwende ich Fritz, aber ich weiß, dass auch Junior ein sehr starkes Programm ist."

Die enormen Elo-Unterschiede konnten die Amateure mit Computerunterstützung also nicht kompensieren, dafür war die Bedenkzeit (25 Minuten + 10 Sekunden pro Zug) einfach zu knapp. Vielleicht wird in Zukunft ein zusätzliches Zeithandicap für die Profis notwendig sein, um ein besseres Gleichgewicht der Kräfte zu gewährleisten. Frederic Friedel von der Firma ChessBase war sehr zufrieden mit dem Resultat: "Für das Publikum wird es zweifellos interessant sein, zusätzliche Handicaps einzubauen: Man könnte beispielsweise einen Spitzenspieler Simultan spielen lassen, um die Chancen der Amateure zu vergrößern. Allerdings ist das wissenschaftliche Experiment dann nicht mehr so wertvoll. Ich vermute, dass Anand mit einem Notebook ab etwa 500 MHz ein Rating von über 3000 hat. Jens Beutel, den ich sehr schätze, erreicht mit Fritz vielleicht eine Wertungszahl von etwa 2700-2750. Ich fand es phantastisch, dass Peter Swidler ohne Angst gegen Freise angetreten ist. Er hat in beiden Partien großartig gespielt. Es war nicht ganz klar, ob Freise das Computerprogramm Junior optimal eingesetzt hat. Vielleicht schwächte Junior das Spiel des Amateurs sogar etwas. Diese Wettkämpfe haben deutlich gezeigt, dass es nicht so einfach ist, Spielstärke mit Computerunterstützung eines starken Programms zu kompensieren. Starke Spieler, die hervorragend mit Computer arbeiten können wie John Nunn und Vishy Anand, werden in einem Advanced-Chess-Turnier die Nase vorn haben." Warten wir also ab, ob uns Hans-Walter Schmitt und seine Chess Classic Mainz nächstes Jahr neue Erkenntnisse liefern werden.