Anand unterliegt erstmals Fritz on Primergy!

Auftakt zu den Computer-Matches

Von Hartmut Metz

„Es ist jetzt eine spannende, historische Zeit. Aber in fünf, fujitsu_siemens.gif (1044 Byte)sechs Jahren wird es vorbei sein", befindet Matthias Wüllenweber. Der Software-Guru von der Hamburger Firma Chessbase sieht nach dieser Spanne den Moment gekommen, bei dem die Menschheit keine Chance mehr hat gegen ein Elektronenhirn. Ein wenig optimistischer - aus Sicht der Kreatur aus Fleisch und Blut - prophezeit Frans Morsch ein Ende der menschlichen Hegemonie in „vielleicht acht Jahren". Dass sein „Kind" Fritz on Primergy schon jetzt die Besten in Schach hält, bewies das in der schwedischen Computer-Weltrangliste SSDF führende Programm am ersten Tag der Matches gegen die Teilnehmer des Fujitsu Siemens Giants. Aus den Top 6 verweigerte sich lediglich Garri Kasparow, weil die Nummer eins auf dem Globus auf ein lukratives Millionen-Duell gegen ein Programm hofft. Alexej Schirow weilt derzeit bei einem Turnier in Mexiko und wird seine beiden Partien am Donnerstag und am Samstag (jeweils 13 Uhr) im Taunus-Tagungszentrum in Bad Soden nachholen. Dabei unterscheiden sich die Tabellen zwischen Fujitsu Siemens Giants und der Computer-Matches lediglich durch die Resultate gegen Kasparow beziehungsweise Fritz on Primergy.

Anand vs. Fritz 0:1Nach dem ersten Tag nährt die deutsche Kombination die Hoffnungen von Frans Morsch auf den erhofften Platz unter den ersten Drei. Ausgerechnet Viswanathan Anand, der bei den Frankfurt Chess Classic (FCC) noch nie gegen Fritz on Primergy verloren hatte, büßte seinen Nimbus ein. Der Computer-Inder galt bis dato als weltweit größter Experte, nachdem er in Frankfurt die Siemens-Chessbase-Symbiose 1,5:0,5 (1998) und 2,5:1,5 (1999) in die Knie gezwungen hatte. Erstmals musste der Weltranglistenzweite nach 44 Zügen die Waffen strecken. „Die Taktik nach Dg5 habe ich verpasst. Die Stellung wurde unangenehm. Ich hatte gedacht, noch über genügend Zeit zu verfügen, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen - aber bald erkannte ich, dass das nicht mehr ging", berichtete der Anziehende vom Ende des Schreckens. Der Glauben der Fans, ihr Liebling könne sich wegen der ungleichfarbigen Läufer in ein Remis retten, erwies sich als illusorisch. Mit Turm, Läufer, König und Freibauern baute Fritz on Primergy eine hübsche Zugzwangstellung auf, in der der Tiger von Madras sofort die Krallen einzog. Tipps für seine Kollegen wollte „Vishy" anschließend keine geben: „Ich spielte so schlecht, weshalb kein Anlass dazu besteht." Die viel beschworene Anti-Computer-Strategie in der Eröffnung scheint Anand nur begrenzt einsetzbar: „Bei den niederländischen Meisterschaften bekamen auch nur zwei von elf Spielern die geeignete Eröffnung aufs Brett." In seinem Mini-Match, das heute Abend seine Fortsetzung findet (um 18 Uhr beginnen die Rückspiele), bekam der 30-Jährige überraschend die Holländische Verteidigung vorgesetzt. Ob sein Abspiel noch künftig als „eine der Hauptvarianten" gilt, sei zweifelhaft, scherzte Anand, nachdem er seinen Humor wieder gefunden hatte.

Wladimir Kramnik, Alexander Morosewitsch und Peter Leko verbuchten immerhin Unentschieden. Ja, der Peter LekoUngar verbreitete eine Kampfansage: „Mit Schwarz ist ein Remis okay - und mit Weiß kann ich auf Gewinn spielen. Morgen will ich der Maschine zeigen, was Schach bedeutet." Der Weltranglistensechste kam am leichtesten zur Punkteteilung. Aber selbst in dieser Begegnung diktierte Fritz on Primergy das Geschehen. Die schlechte Bauernstruktur des Nachziehenden blieb jedoch ohne Auswirkung, weil Leko ungleichfarbige Läufer herbeiführen konnte. Zuvor hatte der 21-Jährige auf einen dubiosen Angriff auf der g-Linie verzichtet. Begründung: „Das ist gefährlich gegen Menschen. Nicht aber gegen Fritz. Der lässt nach der Turmverdoppelung alles stehen, weil sein Turm auf e2 alles hält, während es der Mensch in einer solchen Stellung mit der Angst zu tun bekommt." Ähnliche Gedankengänge führten auch zu einem verzögerten Bauerntausch auf g3, als der König nicht zurücknehmen konnte. „Bestimmt hätte Fritz ansonsten Kxg3 gespielt, um sich einen Freibauern auf der h-Linie zu schaffen." Nachdem Mathias Feist die Variante eingab und der mit acht Prozessoren a 700 Megahertz bestückte Fritz on Primergy den Zug Kxg3 tatsächlich ausspuckte, setzte Leko fort: „Gegen Menschen ist das egal. Da mache ich mir wegen eines solchen Freibauern keine Sorgen. Aber gegen die Maschine ...", sprach der aufstrebende Stern und ergänzte, „Fritz setzt immer auf Freibauern."

Prinzipiell wollte der Großmeister aus Szeged auf Anti-Computer-Schach verzichten. Der Grund liegt allerdings nicht an Zweifeln daran, sondern an Lekos langer Pause. „Ich habe vier Monate seit Linares nur trainiert. Deshalb will ich normal spielen, um ein Gefühl für das Giants zu bekommen." Seinen Eröffnungsplan konnte er dabei nicht umsetzen. Allzu gerne hätte er Fritz on Primergy mit Holländisch überrascht. Doch als er von der Schlappe seines Trainingspartners Anand hörte, war Leko „geschockt und dachte, ich spiele besser etwas Anderes". Gesagt, getan - dennoch folgte das Programm einer ellenlangen Variante des Vierspringerspiels. „Mein Freund Thomas Luther kennt das System sehr genau. Ich sah aber, dass nach der Turmumgruppierung über b4, g4, g5 nach e5 keine ernste Gefahr droht."

Die musste Alexander Morosewitsch schon eher fürchten. Der Held des Masters im Vorjahr, der trotz seinen ansonsten bescheidenen Vorstellung damals 1,5/2 gegen Fritz on Primergy eroberte, entwischte „glücklich ins Remis". Der Russe hatte den natürlich anmutenden Zug 31...g6 gezogen, um den weißen Läufer aus seiner dominanten Position auf f5 zu vertreiben. Überraschend zog ihn das Elektronenhirn nicht wie ein Mensch automatisch weg, sondern konterte mit dem „überraschenden Gegenangriff 32.f4. Ich hatte Glück, dass Sc4 gerade noch ging", bekannte Morosewitsch. Dies mündete zwar in ein unangenehmes Endspiel mit dem schlechteren Läufer, aber dies hielt er. Am Schluss zog das Computer-Programm noch ein paarmal seinen König umher, ehe Matthias Wüllenweber (er hat eine Wertungszahl von rund 2000) ein Einsehen hatte und Remis offerierte. In dem Bauernendspiel gab es für beide Seiten - trotz des isolierten schwarzen Doppelbauern - kein Durchkommen, nachdem Fritz on Primergy womöglich laut Großmeister Luther vor dem letzten Läufertausch c5 verpasst hatte. Die Auswirkungen dürften hinter dem Horizont des Rechners verschwunden sein, ansonsten hätte er solch ein Opfer sicher gebracht. Gerade in Endspielen ist das Programm offensichtlich gar nicht mehr anfällig, sondern stürzt selbst die besten Kontrahenten in Verlegenheit.

Alexander MorozevichMorosewitsch schert sich zwar nicht um die gestiegene Rechnergeschwindigkeit - die Primergy ist rund dreimal schneller als das Vorgängermodell 1999, was eine größere Rechentiefe von etwa einem Halbzug bedeutet -, aber schwer sind Vergleiche mit einem Computer dennoch für ihn. Entgegen seinem Naturell darf er „die Stellungen nicht öffnen und muss scharfe Varianten vermeiden. Ich weiß, dass ich mich zurückhalten muss". Einen Vorteil vor der heutigen zweiten Begegnung besitzt der Weltranglistenfünfte: „Ich erwartete mit Weiß zu spielen. Als ich ans Brett kam und sah, dass ich Schwarz habe, amüsierte mich das", berichtete der 23-Jährige und rang dem Patzer einen positiven Aspekt ab, „so habe ich jetzt zwei Tage, um mich auf die Partie mit Weiß vorzubereiten!"

Vladimir KramnikAls erster Top-Großmeister stieg Wladimir Kramnik in den Ring. Bis auf eine Blitzpartie in München 1994 hatte er bis dato noch nie bei einem Turnier gegen ein Programm gespielt. Mancher Experte erwartete daher leichte Beute für Fritz on Primergy, der auf beiden Seiten 22 Minuten Bedenkzeit eingestellt hatte. Tatsächlich stehen jedem Akteur 25 Minuten zu, doch um ausreichend Zeit für die Übertragung der Züge auf das Brett zu haben, ist diese Einstellung bei der Fujitsu-Siemens-Chessbase-Kombination niedriger. Kramnik bestimmte lange Zeit das Geschehen und verfügte stets über einen kleinen Vorteil. „Was der Computer tat, war Müll", meinte Kramnik bis zu Zug 30. Da ihm anschließend „kein Plan" in den Sinn kam, die Zeit unbarmherzig nach unten tickte und der Gegner das Zepter übernahm, schien dem Kasparow-Herausforderer die Partie vollends zu entgleiten. „Die Maschine ist sehr stark, das fühlte ich", merkte Kramnik in dieser Phase. Die kritische Stellung wickelte er aber noch in ein Springer-Endspiel ab, in dem Fritz on Primergy noch einen h-Bauern besitzt. Obwohl sich das Gerät mit etwas mehr als einer Bauerneinheit in Vorteil wähnte, akzeptierte Wüllenweber Kramniks Remisofferte. Dies dabei vor allem, weil der Weltranglistendritte nur noch rund zwei Minuten auf der Uhr hatte! „Bei zehn Minuten für ihn, hätten wir weiter gespielt", sagte Wüllenweber. Fritz-Programmierer Mathias Feist erläuterte den Grund für dieses widersprüchliche Verhalten wie folgt: „Wir wollen nächstes Jahr gegen alle antreten. Würden wir bei zwei Minuten weiterspielen, würde uns das von den Großmeistern wie von den Fans übel genommen. Es herrscht ein gewisser Druck, solch ein Remisangebot zu akzeptieren", plauderte Feist aus dem Nähkästchen. Dass die Lage durchaus kritisch war, schätzten zwei deutsche Könner. „Das Remis war sehr generös", kommentierte der deutsche Schnellschach-Meister Robert Rabiega, der ab Donnerstag im Frankfurt Chess Masters teilnimmt. „Die Stellung ist sehr schwer zu halten", teilte auch Luther nicht die Meinung Kramniks und nannte das Dilemma „fies. Aber das ist eben der Bonus, den man den Spielern geben muss". Auch aus schachlicher Warte bedauerte er das zu frühe Ende des Endspiels. „Ab dieser Stellung spielt Fritz immer den stärksten Zug. Es wäre interessant gewesen zu sehen, ob Kramnik die Partie hält. Leicht wäre es für ihn nicht geworden."

Am ersten Tag steht somit die inzwischen 1,4 bis 1,5 Millionen Knoten pro Sekunde (nach nur 900.000 beim Sieg im Masters 1999) berechnende Maschine auf Rang eins mit 2,5:1,5 Punkten. Selbst wenn sich Fritz on Primergy schon heuer gegen die stärksten menschlichen Denkstrategen durchsetzen sollte: Der Spaß am königlichen Spiel soll trotz der Entwicklung nicht verloren gehen. Ein Ferrari fährt auch schneller, als ein Mensch läuft. Wer würde deshalb einen 100-Meter-Sprint der Weltklasse langweilig finden? Bleibt man eben irgendwann unter sich. Ferrari und Ferrari, Mensch und Mensch.

Der zweite Tag verlief noch aufregender als der erste:  Vladimir Kramnik gewann eine anrüchige Stellung gegen Fritz, Vishi Anand spielte diesmal ganz auf Nummer sicher und machte schnell Remis.   Alexander Morzevich hatte eine vielversprechende Stellung erreicht, ließ sich dannn aber seine Dame einsperren und verlor letztendlich.  Zum Schluß spielte Peter Leko noch eine fantastische Partie, die er mit einem schönen Königsangriff krönte und gewann.  

Hinterm Horizont geht´s weiter

Wladimir Kramnik und Peter Leko halten Fritz on Primergy in Schach

Von Hartmut Metz

Nach dem fulminanten Auftakt mit einem Sieg und drei für die Menschheit schmeichelhaften Unentschieden haben die großmeisterlichen Denkstrategen zurückgeschlagen. Am zweiten Tag glichen sie die Bilanz gegen Fritz on Primergy zum 4:4 aus. Am Donnerstag und Samstag (jeweils 13 Uhr) zeigt sich in den Vergleichen mit Alexej Schirow, ob der Hochleistungsrechner von Fujitsu Siemens in Verbindung mit der Hamburger Software schon ebenbürtig ist mit den fünf Besten hinter Garri Kasparow. Von einem 1,5:0,5 für Schirow über ein 1:1 bis hin zu einem knappen Erfolg für Fritz on Primergy scheint alles möglich im letzten Computer-Match der Frankfurt Chess Classic. Für einen Turniersieg würden aber selbst 6:4 Punkte nicht reichen, da die Ergebnisse der Spieler untereinander im Fujitsu Siemens Giants ebenfalls einfließen. Mindestens einer dürfte ein Gesamtresultat von 6,5:3,5 Punkten schaffen.

Vor dem spannenden Wettkampf zwischen Mensch und Maschine hatten die Experten Wladimir Kramnik am wenigsten zugetraut. Schließlich hatte der Herausforderer von Weltmeister Garri Kasparow bis auf eine Blitzpartie in München noch nie öffentlich gegen ein Computer-Programm gespielt. Seine Trainingseinheiten mit Fritz zeitigten allerdings Lerneffekte. Als Fritz on Primergy gierig die Bauern am Damenflügel verspeiste, brach Kramnik dort alle Brücken hinter sich ab und setzte auf einen Königsangriff. Bis das Elektronenhirn merkte, was sich in rund zehn Zügen abspielt, war es zu spät. Der Weltranglistendritte aus Moskau nahm sich die weiße Majestät zur Brust und setzte sich mit 1,5:0,5 durch. "Fritz hat seine Königssicherheit, die auf andere Computer getunt ist (Anm.: wegen der Computer-Weltrangliste), vernachlässigt. Das führt zu Problemen gegen die Menschen", kommentierte Matthias Wüllenweber die Niederlage in der zweiten Partie. Großmeister Thomas Luther, der in Frankfurt die Eröffnungen von Fritz on Primergy auf Vordermann bringt, erklärte: "Ein typisches Computer-Problem. Der Angriff liegt hinter dem Horizont. So verpasste Fritz einen Turmtausch, findet seinen Turm auf b7 toll und frisst ganz gierig erst auf a7 mit dem Läufer. Solche Partien können noch lange passieren. Da hilft auch ein noch schnellerer Rechner nicht, der einen Halbzug tiefer geht. Ein Mensch hätte den Bauern niemals genommen." Sieger Wladimir Kramnik führte aus: "De7 war ein Fehler, danach wurde c5 möglich. Ich musste b7 opfern. Objektiv stand ich schlechter. Ich dachte an einen Königsangriff um den Preis, den gesamten Damenflügel aufzugeben. Die Rochade von Fritz war ein miserabler Zug. Lf3 sah der Computer nicht, das gefiel mir. Normal ist Fritz on Primergy nur sehr schwer zu schlagen. Ungleichfarbige Läufer sind für dieses Unterfangen von Vorteil. Diesmal hatte ich Glück. Lxa7 ist für einen Computer normal, nicht für Menschen. Die wissen, dass sie den Bauern nicht nehmen sollten. Dennoch glaube ich, dass die Lage für Menschen im Schnellschach schon in ein, zwei Jahren hoffnungslos ist. Computer brauchen im Prinzip nur ein gutes Eröffnungsrepertoire, um geschlossene Stellungen zu vermeiden. Im Turnierschach wird es noch ein Weilchen dauern. Ich selbst nutze Fritz in geschlossenen Stellungen nicht zur Analyse. Aber in offenen und im taktischen Bereich ist er ideal dafür."

Vishi AnandDas weiß keiner besser als Viswanathan Anand. Der Inder hatte Fritz on Primergy 1998 wie 1999 bezwungen und galt zusammen mit Peter Leko als der Angstgegner von Chessbase. Nach der katastrophalen ersten Partie fügte sich der zweifache Vizeweltmeister in sein Schicksal und strebte als Nachziehender nur ein Remis an. "Ich hatte keinen Grund, mit Schwarz Risiken einzugehen. Natürlich konnte ich hoffen, dass Ähnliches wie bei Kramnik passiert. Die Niederlage geht in Ordnung, da ich gestern sehr schlecht spielte. Ich machte vier, fünf Fehler. Die Maschine hat dagegen immer die gleiche Tagesform und die gleichen Tricks auf Lager. Die Computer werden von Jahr zu Jahr stärker. Man muss Details beachten, zum Beispiel dass Turmendspiele leichter zu behandeln sind als Springerendspiele. Nur wenn man geistig auf der Höhe ist, hat man Chancen, aber nicht so wie ich gestern. Ich spielte wie ein toter Mann. Doch ich will kein schlechter Verlierer sein und nach Ausreden suchen", erklärte Anand.

Mehr Grund zum Hadern besaß Alexander Morosewitsch. Nachdem im ersten Vergleich Fritz on Primergy an zwei Stellen den Gewinn ausgelassen hatte, wie der 22-Jährige befand, entglitt dem Weltranglistenfünften die zweite Partie. Die hätte er allerdings gewinnen können, um selbst mit 1,5:0,5 zu gewinnen, anstatt in dieser Höhe zu unterliegen. "Zwischendurch wähnte Fritz Morosewitsch mit +1,1 im Vorteil. 22.Tfe1 hätte Weiß deutlichen Vorteil gegeben. Nach 28.Te2 zeigte Fritz on Primergy erstmals Vorteil für sich an. Stattdessen war 28.Th5!? Sxd4 29.Sxd4 Dxd4 30.Lxg6 Df6 31.Ld3 mit etwas besserer weißer Position richtig", gab Matthias Wüllenweber die Analyseergebnisse seines Schützlings preis. Alexander Morosewitsch haderte mit sich. "Nach der Eröffnung hatte ich eine Stellung, die gegen Menschen gewonnen ist. Der Turmtausch im 22. Zug war der erste Fehler. Ich hätte ihn nach e1 ziehen müssen. Günstiger scheint mir auch ein Damentausch auf g5. 28.Th5 wäre eine Möglichkeit gewesen - wenn ich Fritz wäre ... Wenn ich ein Remis gewollt hätte, hätte ich die Stellung mit b4 abgeriegelt. Aber das schien mir Blödsinn, ich strebte die Position mit c4 an und stand auf Gewinn. Eigentlich hätte Fritz on Primergy gestern gewinnen müssen, nicht heute", meinte der Russe und schlug für 2001 vor, "ich fände es besser, gleich beide Partien hintereinander zu spielen. Das ist spannender als auf zwei Tage verteilt."

"Hinterm Horizont geht´s weiter" singt Udo Lindenberg in einem seiner Hits. Das war nicht nur bei Kramnik, sondern auch bei Peter Leko der Fall. Der Ungar nutzte auf besonders teuflische Art eine Schwäche des Gegners aus und leitete dadurch eine Attacke ein, die zunächst hinter dem meist bei rund acht Zügen liegenden Horizont von Fritz on Primergy blieb. Seine Vorgehensweise, mit der er das Mini-Match mit 1,5:0,5 gewann, erläuterte der 20-Jährige ausführlich: "Ich wartete ab, bis Fritz a5 spielte, dann tauschte ich, um dem Computer den Freibauern auf b4 zu geben. Gegen einen Menschen würde ich nie so spielen, der Computer will aber unbedingt einen gedeckten Freibauern haben. Dieser wäre im Endspiel tödlich. Aber ich sah die Chance, das Endspiel zu vermeiden. Die Stellung war mit meinem großartigen Springer auf d5 völlig unausgeglichen. Fritz versteht in solchen Stellungen nicht, dass seine Türme auf der a- und b-Linie blöd stehen. Als Sc8 kam, hätte ich gegen einen Menschen sofort c5 gezogen, um den Springer nicht ins Spiel kommen zu lassen und zu gewinnen. Aber Fritz holt dann womöglich irgendwann den Bauern ab und ich verliere. Daher wartete ich lieber. Ich hatte Angst, als Fritz Kg8 spielte, dass der König über f8 und e7 wegläuft. Bei knapper Bedenkzeit wäre es schwer geworden, ihm auf dem Damenflügel nachzujagen. Deshalb wandte ich einen psychologischen Trick, so blöd das auch gegen einen Computer klingen mag, an: Ich wusste, dass er nach dem Springertausch nicht widerstehen kann, mit dem b-Bauern vorzumarschieren. Dann ist er auch tatsächlich mit dem König nicht weggelaufen! Den Bauernvorstoß c5 habe ich gar nicht berechnet, ich spielte ihn einfach. Vielleicht wäre es auch zum Matt gekommen, wenn ich gleich Tg6 ziehe." Als Matthias Wüllenweber dies mit dem Programm überprüfte und nur ein Dauerschach feststellte, aber nach vorherigem c5 ein Matt in zwölf Zügen, wertete Peter Leko: "Na gut, dann habe ich prima gespielt! Gott sei Dank!"

Ovationen für Shirov

Brillante Partie gegen Fritz on Primergy

Von Hartmut Metz

Alexey Shirov strahlte, die Fans im bereits um 13 Uhr gut gefüllten Taunus-Tagungszentrum in Bad Soden feierten den Wahl-Spanier. In einer begeisternden Partie, die in sein famoses Buch „Fire on board" passen würde, zertrümmerte der Weltranglistenvierte Fritz on Primergy mit zwei Qualitätsopfern. In der vorletzten Begegnung zwischen Mensch und Maschine warf er Letztere erstmals mit 4:5 zurück. Bis dato hatte Fritz on Primergy zweimal geführt und kann nun bestenfalls ein Gesamt-Unentschieden erreichen. Am Samstag (13 Uhr) tritt nochmals Shirov an, der am Auftakt-Wochenende in Mexiko weilte. Dort gewann der 27-Jährige mit 4/6 vor Judit Polgar (3,5), Gilberto Hernandez (2,5) und Vizeweltmeister Wladimir Akopjan (2).

Alexei Shirov„Der hat uns übel mitgespielt", spendete Mathias Feist dem Gegner ein dickes Lob. „Der Eiweiß-Klumpen von diesem Typen funktioniert noch enorm gut", nahm der Mitprogrammierer und Bediener von Fritz on Primergy eine Anleihe bei FCC-Kommentator Helmut Pfleger. Der durch seine zahlreichen TV-Sendungen populär gewordene Großmeister aus München hatte diesen Begriff geprägt, als er 1993 beim Blitzturnier in München die Duelle zu Vergleichen zwischen Eiweiß-Klumpen und Silikonmonstern hochstilisiert hatte. Obwohl Shirov gleich zwei Qualitäten geopfert hatte, fühlte er sich nie in Nachteil. „Nach 38...Db3 39.Tc1 g5 40.Df5 Dxa3 41.Tc8 dachte ich, dass ich gewinnen muss. Nur die Zeit war knapp. Mir gefiel es, als Fritz on Primergy g5 spielte. Da wusste ich, dass mein Angriff gefährlich wird. Lediglich die knappe Bedenkzeit (Anmerkung: nur noch knapp zwei Minuten) war ein Problem. Bei einem falschen Zug wendet sich dabei womöglich das Blatt", berichtete der „Hexer von Riga". Seine Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen, erwies sich als goldrichtig. „Ein Dauerschach wollte ich nicht. Wozu auch? Ich fühlte mich nie in einer schlechteren Lage." Die Einschätzung teilte Fritz on Primergy. „Nach der Eröffnung war die Bewertung immer ungefähr ausgeglichen. Nach dem ersten Qualitätsopfer sah sich das Programm mit +0,75 im Vorteil. Das zweite erwartete Fritz und bewertete die Stellung schon deutlich negativ mit minus zwei Bauerneinheiten", erinnerte sich Feist. Danach machte sich der 38-Jährige „keine Hoffnungen mehr. Wir hätten auch nicht auf Zeit gespielt. Da hätte ich schon aufgegeben. Wir wollten lediglich den Zuschauern noch ein bisschen etwas bieten. Nach 59.Se3 und Generalabtausch war es dann Zeit zum Aufgeben", führte der Chessbase-Experte aus. Der Bediener, der eine Deutsche Wertungszahl von rund 2050 besitzt, gratulierte dem Kontrahenten zu seinem „tollen Spiel, bei dem er sich nichts zu schulden kommen ließ. Manchmal zog Shirov andere Züge als von Fritz vorgeschlagen, die waren in der Bewertung aber kaum schlechter. Es war schon erstaunlich, was er alles sah". Großmeister Christopher Lutz fand Shirovs erstes Qualitätsopfer „nicht dumm", erhalte Weiß doch Spiel. Der langfristige Angriff sei von Fritz on Primergy nicht zu erkennen. Shirov habe diesen „sehr energisch" und „sehr stark" vorgetragen.

In der zweiten Partie legt es Shirov keineswegs auf ein farbloses Remis gegen den rund 250 Kilogramm schweren „Kühlschrank", wie ihn mancher Journalist bezeichnet, an. Russisch liege ihm weniger, nahm der ehemalige Lette Abstand von der drögen Variante. In heimischen Trainingspartien liegt Shirovs Score unter 50 Prozent, obwohl sein Notebook „sehr langsam ist" und somit keinen Vergleich mit der schnellsten käuflichen Hardware, der Primergy 800, aushält. Den Widerspruch zum Ergebnis bei den FCC führte Feist auf die unterschiedlich große Konzentration bei Trainings- und jetzt der Wettkampfpartie zurück. „Fritz findet inzwischen viele Züge, die man ihm nicht zutraut", sieht er das Verständnis der Programme wachsen. Insgesamt begrüßte der neben Alexander Morosewitsch einzige „Schach-Romantiker" in der Weltspitze die Konzeption, die Begegnungen getrennt von den Vergleichen mit den Menschen auszutragen. Advanced Chess (Partien, bei denen beide Spieler Computer zur Hilfe nehmen dürfen) findet Shirov interessant. Aber solche Wettbewerbe wie jenen vor wenigen Wochen in Leon (Spanien) mag er „nicht ständig spielen".

Garri Kasparow verweigerte sich dem Schauspiel, weil er „nicht Turniere zwischen Menschen und Maschinen vermischen mag". Der herausragende Großmeister betonte bereits vor der Shirov-Gala, dass es einen „großen Unterschied festzuhalten gilt: Im klassischen Turnierschach sind die Maschinen noch nicht so stark. Im Schnellschach zeigte sie Stärken wie Schwächen, vor allem gegen Kramnik und Leko. Es war schmerzhaft zu sehen, was Fritz on Primergy tat! Es scheint mir noch viel zu tun in den nächsten zwei Jahren", schloss Kasparow.

Fritz on Primergy remisiert

Duell Mensch –Maschine endete 5:5

Von Hartmut Metz

2.800.000 Stellungen prüft das Rechenungeheuer pro Sekunde. Der Mensch bringt es auf höchstens drei oder vier. Dennoch ertrotzten die stärksten Großmeister bei den Frankfurt Chess Classic ein 5:5 gegen das weltbeste Schach-Programm, Fritz on Primergy. Dem Duell mit der Maschine verweigerte sich lediglich der Weltranglistenerste Garri Kasparow, der sich die vage Chance auf ein Millionen-Match bewahren wollte. Die Firma Chessbase nahm es gelassen. "Damit haben wir für 2001 ein sehr großes Ziel, das wir anstreben. Ein Duell gegen Garri Kasparow ist der Traum", bekannte Mathias Feist.

Dass der Wettkampf mit den zweit- bis sechstbesten Schachspielern nicht zum Alptraum wurde, zeichnete sich schon am vergangenen Wochenende ab, als Fritz on Primergy gegen Alexander Morosewitsch – und überraschend – gegen den 1998 und 1999 überlegenen Viswanathan Anand mit 1,5:0,5 gewann. Niederlagen in gleicher Höhe hatte es gegen Wladimir Kramnik und Peter Leko gesetzt. Anschließend unterlag der Rechner von Fujitsu Siemens Alexej Schirow in einer begeisternden Partie, ehe am Schlusstag souverän der Ausgleich zum 5:5 gelang. "Aus der Eröffnung kam ich gut heraus. Ich war dann aber zu locker. Beim Tausch auf e3 bedachte ich nicht, dass die Maschine fxe3 machen kann. Danach stand ich schlechter", meinte Schirow. Die Bewertung des Programms kletterte von +0,85 auf mehr als eine Bauerneinheit. Die Stellung entsprach dann einer Position, die man gegen Computer nicht haben sollte. Mit den 50 Prozent zeigte sich Feist zufrieden, auch wenn der erhoffte Turniersieg ausblieb. Die Performance von rund 2750 Elo entspräche Rang vier in der Weltrangliste der Menschen. Obwohl die Leistung 1999 mathematisch gesehen um über 50 Elo höher lag, erkannte der Fritz-Co-Programmierer eine Leistungssteigerung seines "Schützlings". "Ich glaube, die Vorjahresversion hätte die Partien gegen Anand und Schirow so nicht gespielt", kommentierte der Hamburger die zwei besten Leistungen von Fritz on Primergy. Ausschlaggebend für das 5:5 sei gewesen, dass auch die Menschen dazulernten. "Von der ersten Schirow-Partie bin ich total begeistert. Vor allem aber die Partieanlage von Leko war sehr beeindruckend. Die zeigte deutlich, wozu Menschen in der Lage sind", sagte Feist. Allein 1,2 bis 2,8 Millionen Stellungen pro Sekunde zu berechnen, genügt nicht. Der langfristige Plan von Kramnik zeigte, dass manchmal drei, vier berechnete Züge pro Sekunde reichen, wenn sie stark sind.

Spielplan und Resultate

Match 1, 1. Partie (17. Juni, 18 Uhr)

Match 1, 2. Partie (18. Juni, 18 Uhr)

Kramnik, V.

½-½

Fritz on Primergy

Fritz on Primergy

0-1

Kramnik, V.

Match 2, 1. Partie (17. Juni, 19 Uhr)

Match 2, 2. Partie (18. Juni, 19 Uhr)

Anand, V.

0-1

Fritz on Primergy

Fritz on Primergy

½-½

Anand, V.

Match 3, 1. Partie (17. Juni, 20 Uhr)

Match 3, 2. Partie (18. Juni, 20 Uhr)

Fritz on Primergy

½-½

Morozevich, A.

Morozevich, A.

0-1

Fritz on Primergy

Match 4, 1. Partie (17. Juni, 21 Uhr)

Match 4, 2. Partie (18. Juni, 21 Uhr)

Fritz on Primergy

½-½

Leko, P.

Leko, P.

1-0

Fritz on Primergy

Match 5, 1. Partie (22. Juni, 13 Uhr)

Match 5, 2. Partie (24. Juni, 13 Uhr)

Shirov, A.

1-0

Fritz on Primergy

Fritz on Primergy

1-0

Shirov, A.

Vorschau

primergy.jpg (4201 Byte)Die Duelle Mensch gegen Maschine haben mittlerweile ihre eigene Tradition:  1998 gewann Vishi Anand gegen Fritz ein Match mit 2 Partien mit 1½:½.  Im Open setzte sich Fritz auf Primergy mit 9:2 Punkten souverän durch.

Im vergangenen Jahr wurde es dann knapper.   Bei vier Partien setzte sich Vishi knapp mit 2½:1½ durch.  Im Rahmen des Masters traff Fritz on Primergy auch auf zwei diesjährige Giants:  Gegen Alexander Morozevich gab es eine ½:1½ Niederlage, gegen Peter Leko gab es aber einen 1½:½ Sieg.

fritz1b.jpg (10905 Byte)In diesem Jahr wird es noch spannender.  Mit Ausnahme von Garry Kasparov sitzen alle Giants dem Gespann von hochklassiger Hard- und Software gegenüber.  Jeweils zwei Partien gilt es zu bestreiten.

Die Partien finden am ersten Wochenende (17./18. Juni) in der Stadthalle Zeilsheim statt.  Einzige Ausnahme:  Alexei Shirov, der erst kurz vor Beginn des Giants anreisen kann, spielt am 22. bzw. 24. Juni unmittelbar vor dem Start der Partien im Masters (13 Uhr).

Apropos Garry Kasparov.  Da der Weltmeister derzeit in Verhandlungen steht ein Match gegen einen Computer auszutragen, kann er in Frankfurt nicht gegen Fritz on Primergy antreten.  Somit ist dann für das nächste Jahr noch eine Steigerungsmöglichkeit offen!