Fischer Random Chess

Artur Jussupov gegen Fritz on Primergy

Vorbericht - Partie 1 - Partie 2

Zweite Partie:   Jussupow - Fritz  0:1

Zuschauern Blut gezeigt

Wackerer Jussupow lehnt Remis im Fischer Random Chess ab

Von Hartmut Metz

Let the game(s) beginTrotz seiner 0:2-Niederlage gegen Fritz on Primergy bleibt Artur Jussupow ein Befürworter von Fischer Random Chess. „Ich würde gerne ein Turnier in dieser Abart bestreiten", sagte die deutsche Nummer eins zu seinem Großmeister-Kollegen Vlastimil Hort, der ebenfalls von der Idee angetan ist, die Grundstellung auszulosen. In der zweiten Begegnung standen die Könige erneut auf c1 und c8. Doch insbesondere die Springer in den Brettecken prägten die Startposition. Nach einem vermeintlichen Caro-Kann mit 1.e4 c6 sah sich Jussupow bereits aus seiner Eröffnungsvorbereitung, die eine Stunde betrug, geworfen. Mit Sg3 wartete Weiß, um nach gegnerischem Sg6 diesem durch g3 die Perspektiven zu rauben. Während sich der Rechner stets leicht im Vorteil wähnte, konterte der Solinger Bundesligaspieler: „Er ist starr. Aber wenn man ihm ein paar Züge eingibt, sieht Fritz, dass ich gute Perspektiven besitze."Jussupov beim Fischer Random Chess

Die optimistische Bewertung ging in der Tat zurück, als Tf5 anstatt 36.Sh3 analysiert wurde. Dem Großmeister machte jedoch in dieser Phase die fehlende Bedenkzeit zu schaffen. „Ich habe die Zeit vergessen und einmal geschlafen", meinte der Anziehende. Mit weniger als einer Minute auf der Uhr musste Jussupow spätestens alle zehn Sekunden ziehen, um nicht noch näher gen null zu streben. Mehrere schnelle Züge, um Zeit „aufzutanken", führten zu „ein paar Ungenauigkeiten, die bestraft wurden". Ein „freundliches Remisangebot" hatte Jussupow im 34. Zug trotzdem abgelehnt. „Die Zuschauer wollen Blut sehen", nannte er als Begründung. Vor allem c4 „verkomplizierte" die Stellung nach Ansicht des Großmeisters unnötig. In der Folge zeigte sich, dass Fritz on Primergy doch nicht in der Vorbereitung das „Café-Haus-Modul" (O-Ton Kommentator Klaus Bischoff) zugeschaltet hatte. Der wackere Jussupow überschritt die Zeit.

 

 

Erste Partie: Fritz - Jussupow  1:0

Jussupow tat Niederlage gut

Untergegangen im Meer der Fantasien

Von Hartmut Metz

Artur Jussupow tat die Niederlage gegen Fritz on Primergy gut, obwohl die Disziplin eine andere ist. Im Fischer Random Chess wird die Grundstellung ausgelost. Die Bauern bleiben auf der zweiten beziehungsweise siebten Reihe, während die Stellung der Figuren ausgelost wird. Dabei sind nur wenige Regeln zu beachten: Die Läufer müssen auf Feldern unterschiedlicher Farbe stehen, das Rochade-Recht besteht nur, wenn die normale (gewohnte) Position mit dem König auf e1 und einem Turm auf a1 oder h1 zu Stande kommt und beide Seiten erhalten dieselbe Ausgangsstellung. 960 verschiedene Möglichkeiten gibt es dadurch.

In der Partie erreichte Fritz on Primergy schon bald eine „normal wirkende" Position, während Jussupows Stellung zum Beispiel an einem deplatzierten Springer auf a8 laborierte. „Ich wollte mich vorsichtig aufbauen. Bei der Auslosung konnte man ja kein Damengambit mehr nach 1.d4 spielen", ulkte die deutsche Nummer eins, „d5 wäre vielleicht schon ein Fehler. Besser, man vermeidet zunächst direkten Kontakt." Ein Verhalten, das Matthias Wüllenweber öfters beobachtet. „Dass es wenige Abtäusche gibt und zunächst alle acht Bauern auf dem Brett bleiben, ist charakteristisch", erläuterte der Chessbase-Chef und setzte fort, „Peter Leko befand, dass im Fischer Random Chess die Gefahr besteht, schon in den ersten zehn Zügen einen entscheidenden Fehler zu machen." Jussupov

Obwohl Jussupow nur eine Stunde Vorbereitung blieb - erst um 12 Uhr erfuhren beide Parteien die ausgeloste Stellung -, war er mit dem Verlauf der Eröffnung „im Prinzip zufrieden". Danach zeigte sich jedoch, dass „Fritz im Fischer Random klar im Vorteil ist. Während ein Großmeister hunderte von altbekannten Stellungsbildern abrufen kann, die er im Schlaf kennt, wird er bei dieser Abart in ungewohnte, bizarre Stellungen gelockt. Der Maschine ist das egal. Sie rechnet nur", referierte Wüllenweber über die Vor- und Nachteile für die Kontrahenten. „Nach cxb6 war ich nicht kreativ genug", erkannte Jussupow sein Grundübel. Das Endspiel verlief dann auch bald zu seinen Ungunsten, zumal die Bedenkzeit unbarmherzig nach unten tickte. Im 43. Zug hatte Fritz noch knapp über sieben Minuten, während die Uhr des Solinger Bundesligaspielers lediglich 1:23 Minuten anzeigte (pro ausgeführten Zug bekam er allerdings auf die Zeit, die am Anfang eine Viertelstunde betrug, wieder zehn Sekunden dazu). Zehn Züge später streckte der 40-Jährige in hoffnungsloser Lage die Waffen.

Das Experiment empfand er trotzdem als „interessant". Fischer Random sei „für manche Spieler vielleicht eine Erleichterung, wenn sie Schablonen und Eröffnungstheorie hassen. Sie können dabei im Meer ihrer Fantasien schwimmen", meint Jussupow. Begünstigen könnte die Abart Weltklassespieler wie Alexander Morosewitsch und Alexej Schirow, weil sie „kreative Spieler" sind. Der Nationalspieler verwehrte sich jedoch dagegen, dass Garri Kasparow im Fischer Random Chess chancenlos wäre. „Er ist kreativ und spielt herrliche Partien". Der ehemalige WM-Kandidat räumte allerdings ein, Fischer Random würde Kasparows gewaltigen Vorteil, der auf seinem Eröffnungswissen basiert, „verkleinern". Auch wenn die Grundstellung eine halbe Stunde später beim Frankfurt Chess Masters wieder die normale war, brachte ihn der erste Teil des Matches im Fischer Random Chess (Teil zwei folgt am Sonntag um 13 Uhr) in Fahrt. „Ich hatte Glück in zwei Partien", bekannte Jussupow gewohnt bescheiden. Jedenfalls holte er in drei Begegnungen 2,5 Zähler, nachdem er am Vortag mit 1:3 Punkten weit von einer ausgeglichenen Bilanz entfernt gestartet war. „Ich war frischer", äußerte Jussupow, dass ihn das Match belebte.

"Fritz on Primergy ist brutal im Vorteil!"

Jussupow misst sich in Frankfurt mit einem Primergy im Fischer Random

Von Harald Fietz und Hartmut Metz

Fischer Random Chess - jeder Schachfan hat davon schon gehört: Schließlich hat es der geniale Bobby ersonnen. Aber wer kennt die Regeln so genau, wer hat es gar einmal praktiziert? Haben wir nicht alle genug mit dem herkömmlichen Spiel zu tun? Sicher ja, ein wenig Neugierde yussupov.jpg (6736 Byte)wäre da, würden zwei Könner die neue Vielfalt zeigen. Bei den Frankfurt Chess Classic 2000 hat jeder die Gelegenheit zu erleben, wie es abgeht. In einem Schnellschach-Match über zwei Partien mit der Fischer-Uhr zwischen der deutschen Nummer eins, Artur Jussupow, und dem weltbesten kommerziellen Schachprogramm Fritz auf dem leistungsstarken Primergy von Fujitsu Siemens wird am 23. und 25. Juni (jeweils ab 13 Uhr) vorgeführt, was die jüngste Variante in einer Reihe von schachähnlichen Spielen zu bieten hat.

Die Reformdebatte um das klassische Schach ist aber keine neue. Bereits in den 20er Jahren haben die Weltmeister Lasker und Capablanca ernsthafte Vorschläge zur Modifizierung vorgebracht. Mehr Felder und neue Figuren mit unterschiedliche Gangarten sollten dem Spiel zusätzliche Impulse geben - geeignet, der erwarteten Verflachung durch eine perfektionierte Schachtechnik Einhalt zu gebieten. Doch diese Entwicklung fand nicht statt, und der Ruf nach Änderungen verstummte bis sich Ende des 20. Jahrhunderts wiederum einer, der die höchste Sphäre im Schachsport erreicht hatte, mit einer Innovation an die Öffentlichkeit wandte. Robert James Fischer, der elfte Weltmeister, hatte zwar 1972 den Thron bestiegen, bevorzugte danach aber ein Leben als Eremit - abgesehen von seinem spektakulären Revanchekampf gegen Boris Spasski 1992 in der serbischen Diaspora. Die Abwesenheit vom aktiven Turnierbetrieb minderte jedoch nicht seine fanatische Hingabe an das Spiel und die Suche nach Wegen, die die Anziehungskraft des Brettsports steigern können. Während die Fischer-Uhr inzwischen eine akzeptierte Neuerung der Zeitnahme darstellt, führt das Fischer Random Chess - eine Spielweise, bei der die Startaufstellung der Figuren auf der Grundreihe ausgelost wird - ein Schattendasein.

Paradoxerweise sind seine beiden Anregungen völlig unterschiedlicher Natur. Wo die Fischer-Uhr dem Spieler nach jedem Zug ein zusätzliches Zeitpolster verschafft - und damit den Zufallsfaktor im Zeitnotscharmützel erheblich reduziert -, da erhebt Fischer Random Chess das Prinzip Zufall zum Fundament, auf dem der "bessere" Spieler unvorbereitet seine Qualität zeigen muß.

Gemeinsam ist beiden Erfindungen allerdings das Streben nach identischen Ausgangspositionen. Gleiche Chancen und die Freiheit für den Einzelnen, das Beste daraus zu machen, sind vermeintlich typisch amerikanischen Ideale, mittels derer jeder seinen Weg zum Erfolg finden kann. Die Prinzipien prägten schon in frühster Jugend den besonderen Gerechtigkeitssinn Fischers, wobei ihm seine eigenwilligenprimergy.jpg (4201 Byte) Interpretationen der jeweiligen Turniersituationen einige Male Rückschläge auf dem Weg nach oben bescherten. Ihm, dem amerikanischen Individualisten, waren die Kungeleien der "Sowjetschachmafia" zeitlebens ein Dorn im Auge. Mit ihrer abgestimmten Vorbereitung hatten ihn seine östlichen Großmeister-Kollegen vor 1970 geschickt vor dem Sprung an die Spitze ausgebremst. Solchen Machenschaften soll Fischer Random Chess den Zahn ziehen. Das kollektive System der systematischen Vorbereitung soll durchbrochen werden; der Einzelne wird gezwungen, sich unmittelbar im positionellen Dickicht zurechtzufinden. Die Komplexität der Ausgangsposition erhöht sich: Allein in der Startaufstellung gibt es 960 Möglichkeiten. In dieser Spielart wird Vorbereitung kaum mehr möglich, die Spieler können diese zum Unwort erklären. Der Freund des Fianchettos erhält selten seine bevorzugte Ausgangsposition. Jegliche strategischen und taktischen Vorlieben der e4- und d4-Spieler werden über Bord geworfen. Der Spieler muss sich jedes Mal - wie ein Neugeborenes - ohne etabliertes Eröffnungswissen orientieren.

Gleichwohl gibt es auch beim Fischer Random Chess einige grundlegenden Regeln. Der russische Bayer und sein Rechnerkontrahent haben folgendes in Frankfurt zu beachten:

Wie läßt sich unter diesen Startbedingungen eine typische Spielgestaltung an? Der Frankfurt-Giants-Teilnehmer Peter Leko stellte Anfang diesen Jahres gegenüber der niederländischen Zeitung "Schaakmagazine" fest, dass "man sich auf Fischer Random Chess überhaupt nicht vorbereiten kann, sondern völlig von seiner Kreativität abhängig ist. Es kann vorkommen, dass man von Beginn an einen völlig falschen Weg einschlägt".

Das fürchtet Matthias Wüllenweber keineswegs. Der Fritz-Programmierer, für gewöhnlich die Bescheidenheit und Zurückhaltung in Person, hält eine besondere Vorbereitung auf das Match mit Artur Jussupow nicht nur für völlig überflüssig. Im Brustton der Überzeugung äußert der Chef der Softwarefirma Chessbase: "Das reicht auch so. Fritz on Primergy ist brutal im Vorteil! Ich schätze, wir gewinnen mit 2:0!" Einig ist sich Wüllenweber mit dem Gegner, wenn Jussupow meint, "ich muss kreativer spielen. Dem Computer ist die Stellung egal. Er rechnet einfach". Ins Detail geht der Software-Experte. "Beim Fischer Random Chess entstehen weniger herkömmliche Muster. Diese Mustererkennung ist aber der Trumpf des Menschen im Schach." Wüllenweber verweist hierbei auf eine Untersuchung seines Chessbase-Kompagnons Frederic Friedel. Er hatte Großmeister Andras Adorjan verschiedene Stellungen zehn Sekunden lang gezeigt. Die "normalen" Positionen konnte sich der Ungar weit besser merken als Amateure. Der Mensch speichert dabei so genannte "Chunks" ab. Er merkt sich hierbei nicht "Bauern auf f2, g2 und h2, dazu König auf g1 und Turm auf f1". Sondern einfach "kleine Rochade", die er leicht memoriert. Fallen solche Einteilungen weg – in der Untersuchung bedeutete dies, dass die Stellungen völlig sinnlos aufgebaut wurden, unter anderem mit Bauern auf der ersten und acht Reihe -, schrumpfen die Unterschiede zwischen Profis und Amateuren gegen null. "Fritz on Primergy zählt nur die Dinge. Herkömmliche Muster sind dem Rechner völlig egal, ob er nun drei Springer hat oder nicht und wo sie anfangs stehen. Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine beträgt beim Fischer Random mehrere hundert Elo!", glaubt Wüllenweber an eine gewaltigen Leistungsunterschied.

Lässt sich der zurückhaltende Jussupow nicht zu einem Tipp verleiten, glaubt Hans-Walter Schmitt an einen 1,5:0,5-Erfolg der deutschen Nummer eins. "Die immens große Eröffnungsdatenbank fehlt Fritz", meint der Organisator der Frankfurt Chess Classic. Der Spitzenspieler von Bundesligist Solingen wägt eher ab. "Die fehlenden bekannten Eröffnungspfade haben Vor- und Nachteile. Ich kann selbst meine Erfahrung nicht nutzen. Es ist insofern auch ein Nachteil, weil ich nicht automatisch ein Mittelspiel erreiche, in dem ich die Pläne kenne", führt der 40-Jährige aus und verweist auf die damit begünstigte Taktik, dem schlagendsten Argument des Computers. In dieselbe Kerbe haut Wüllenweber. "Artur hat doch riesige Eröffnungskenntnisse. So spielt er seit 20 Jahren Russisch. Die entfallen ohne bekannte Eröffnungsschablonen. Der Vergleich ist ein interessantes Experiment. Man sollte dabei nicht frustriert sein, wenn der Mensch verliert."

Dass Jussupow sich auf Abarten des traditionellen Schachs versteht, bewies er bereits bei den Europameisterschaften im Janus-Schach. Auf dem auf 10x10 Felder vergrößerten Brett mit zwei zusätzlichen Bauern und vor allem der Janus-Figur, die wie Springer und Läufer zieht, gewann der ehemalige WM-Kandidat den Kontinental-Titel. Im Fischer Random verfügt der Großmeister ebenfalls über einen gewissen Erfahrungsschatz. Seinen Nationalmannschaftskollegen Christopher Lutz bezwang der gebürtige Russe in einem Match mit 1,5:0,5 – wobei hierbei beide Seiten zusätzlich einen Computer einsetzen durften. "Es macht Spaß und ist mit Schach verbunden", gewinnt der renommierte Lehrer den Abarten positive Seiten ab. Vor allem im Fischer Random gehe es oftmals schon nach "fünf, sechs Zügen los", wenn die Figuren günstiger als im Original-Aufbau stehen. Einen Nachteil bringt dies aber auch mit sich: "Ich muss schon vom ersten Zug an überlegen, wie ich meine Figuren entwickele", verweist Jussupow nochmals auf die Eröffnungs-Problematik.

Wird Fischer Random Chess das herkömmliche Spiel eines Tages ablösen? "Noch ist es keine Konkurrenz", meint die deutsche Nummer eins und setzt fort, "aber durch die Computer-Entwicklung und die ausanalysierten Eröffnungen wird es vielleicht zunehmend populärer. Der theoretische Ballst ist einfach geringer. Deshalb erfordert das Spiel mehr Kreativität." Noch sei es "zu früh zu sagen, wohin die Entwicklung geht, aber eine erste Alternative" sei Fischer Random womöglich. Indes relativiert Jussupow gleich in seinem letzten Satz: "Schach ist so schön und so schwierig, dass man es noch lange spielen kann!"