Duelle Mensch - Maschine

30. Juni 2001

 

Partien (pgn)

 


An ihrem letzten Einsatztag bei den Chess Classic Mainz durften Michael Adams und Peter Leko ein Erfolgserlebnis feiern. Die beiden Top-Großmeister schlugen das Programm Pocket Fritz mit 3,5:0,5. Nur Leko musste ein Remis gegen die in drei Wochen für 99 Mark auf den Markt kommende Software, die auf einem Handheld läuft, abgeben. 

 

ChessBase trotz 0,5:3,5-Niederlage zufrieden

Adams und Leko machen wenig Federlesens mit Pocket Fritz

Von Eric van Reem und Hartmut Metz

 

Chips gegen Grips - beide Seiten freuten sich, dass das Match 3,5:0,5 für den Grips endete. Der vierfache Computer-Schachweltmeister Stefan Meyer-Kahlen konnte mit der Niederlage von Pocket Fritz gegen die beiden Top-Großmeister Michael Adams und Peter Leko leben. "Mit dem Remis bin ich zufrieden. Beide spielten sehr stark", lobte der Bediener den Weltranglistenvierten und -siebten. "Für mich am Brett war es allerdings nicht so erfreulich, die Angriffe dieser Spitzenspieler hautnah mitzuerleben. Insbesondere die Weiß-Partie von Adams war für mich besonders beindruckend, er hat überhaupt keinen Fehler gemacht." Auch Kommentator Artur Jussupow war über Adams eindrucksvolle Demonstration im Anti-Computerschach begeistert. Trotzdem reichte es für Pocket Fritz zu einer Ratingzahl von rund 2400. Adams schlug das auf einem Handheld laufende Programm mit 2:0, Leko setzte sich nach einem Remis in der ersten Partie mit 1,5:0,5 durch.

Mit demselben Resultat hatte er im Vorjahr bei den Chess Classic auch Fritz on Primergy geschlagen. Dieser Hochleistungsrechner war allerdings 50 bis 60 Mal so schnell wie die diesmal in der Mainzer Rheingoldhalle eingesetzte Hardware, die einem älteren Pentiumrechner mit etwa 75 Megahertz entspricht. Die mangelnde Rechentiefe machte sich vor allem in der ersten Begegnung gegen Adams und in der zweiten gegen Leko bemerkbar. In 25 beziehungsweise 21 Zügen zerzausten die Weltklassespieler den Pocket Fritz. Erstaunlicherweise entgingen dem Programm dabei taktische Kniffe. Wüllenweber wunderte sich manchmal über die Züge seines Schützlings. "Was ist denn das für ein Zug?", rief er in der Kommentatorenbox aus. Sein Mitkommentator Helmut Pfleger witzelte darauf: "Oft wissen Väter nicht, was ihre Kinder tun." Allerdings konnte der Taschen-Fritz in der ersten Partie gegen Leko eine ausgeglichene Stellung erreichen. Nach dem starken Zug 19. f4! sah sich der Kleine, der etwa 4.900 Stellungen pro Minute berechnet, sogar etwas im Vorteil. Das Endspiel wurde von Pocket Fritz auf dem ersten Blick zwar nicht ganz korrekt behandelt, aber es reichte für ein Remis. Gast-Kommentator Matthias Wüllenweber betete: "Bitte Peter, mache Zugwiederholung!" Leko, der bei immer knapper werdende Zeit keine Risiken mehr eingehen wollte, erhörte das Flehen. Nach der Partie befand Leko, dass Pocket Fritz das Endspiel doch sehr ordentlich behandelt hatte. Stefan Meyer-Kahlen hätte das Endspiel gerne auf ordentliche Hardware mit dem eigenen Programm Shredder weitergespielt.

 

 

Dass in ein paar Jahren - vielleicht sogar schon im nächsten - die Großmeister nicht mehr so leicht gewinnen werden, steht außer Frage. "Die Handhelds werden natürlich immer schneller", erwartet Meyer-Kahlen eine ähnliche Spielstärkeentwicklung wie bei den heutzutage auf Computern laufenden Programmen. Einen Vorteil im Vergleich zu diesen bietet Pocket Fritz, das in rund drei Wochen zum Preis von 99 Mark auf den Markt kommt, bereits jetzt: "Man kann sich in die ChessBase-Online-Datenbank einwählen und dort unter 1,7 Millionen Partien nach Vorgängerpartien suchen", berichtete der 33-Jährige. Leko empfand es als angenehm, dass der 170 Gramm leichte Pocket Fritz im Vergleich zum fünf Zentner schweren Vorjahres-Ungetüm Fritz on Primergy weniger gefährlich wirke und besser aussehe. "Außerdem macht das Gerät nicht solch einen Krach", sagte der Ungar mit Blick auf den großen Bruder von Fritz. Einig waren sich die Spieler über einen weiteren Vorteil. "Es spielt sich etwas leichter gegen Pocket Fritz, weil die Antworten nicht so rasch kommen. Dadurch hat man selbst mehr Zeit zum Nachdenken", erklärte Adams.

Matthias Wüllenweber, Firmenchef und Erfinder der Datenbank ChessBase, zeigt sich "zuversichtlich, dass langfristig ein großer Markt" für sein neues Produkt entsteht. Das soll aber mehr der Fall sein, weil die Kiebitze dann gleichzeitig im Spielsaal die Partien der Stars analysieren können. Weniger, weil Betrüger Pocket Fritz bei Turnieren einsetzen, um dort besser abzuschneiden. Vor zweieinhalb Jahren hatte der Amateur Clemens Allwermann mit komplizierter Technik (einem Übertragungsgerät samt Ohrhörer und unter Einsatz von Fritz 5.32) das stark besetzte Open in Böblingen mit 7,5:1,5 Punkten gewonnen." Die Gefahr solcherlei Missbrauchs sieht Leko wie Meyer-Kahlen. "Es gibt ein einfaches Mittel dagegen: Den Leuten die Handhelds vor dem Spielsaal abnehmen. Und findet man danach noch eines, zieht man es ersatzlos ein", schlug Wüllenweber angesichts der derzeit noch 800 bis 1.300 Mark teuren Pockets vor. Adams witzelte: "Dann sollte man den Leuten auch gleich die Handys abknüpfen."


Adams' und Lekos Gegner aus der Hosentasche

Pocket Fritz bringt Spaß, aber auch Gefahr

Von Matthias Wüllenweber

 

Bei den Chess Classic Mainz (CCM) kommt es in der Rheingoldhalle am Samstag, 30. Juni (ab 13 Uhr), zu einem ganz besonderen Match Mensch gegen Maschine: Pocket Fritz heißt der kleine Bruder des Schachprogramms Fritz, der das Licht der Welt erblicken wird. Zum Einstand soll er gleich vier Partien gegen den Weltranglistenvierten Michael Adams und Peter Leko, Nummer sieben auf dem Globus, spielen. Pocket Fritz läuft auf Pocket PCs. Das sind Computer mit dem Betriebssystem Windows CE 3.0, die kaum größer als ein Taschenrechner sind und deshalb bequem in der Hand zu halten sind.

Die neueste Generation der Pocket PCs ist leistungsfähig genug, um ein vollwertiges Schachprogramm zu betreiben. Trotzdem könnte der Kontrast zum Auftritt von Fritz zu den Chess Classic des Vorjahres nicht größer sein. Zum Einsatz kam dort ein mächtiger Rechner mit acht Prozessoren und vier Gigabyte Speicher, zu jener Zeit der schnellste NT-Server der Welt. Allein die Installation der schweren Maschine auf der speziell verstärkten Bühne nahm mehrere Stunden Arbeit in Anspruch. In hart umkämpften Partien konnte der große Fritz auf der monströsen Hardware ein 5:5 in je zwei Partien gegen die Nummer zwei bis sechs der Weltrangliste erzielen.

Und dieses Jahr will das Computerteam den Rechner vor jeder Partie einfach aus der Hosentasche ziehen? Das mutige Experiment und die Erfolgsaussichten des Schachprogramms bewertet die Firma Chessbase noch vorsichtig. Die Schachfans dürfen trotzdem sehr spannende Partien erwarten, weil hinter Pocket Fritz ein ganz besonderer Entwickler steht: Stefan Meyer-Kahlen ist vierfacher Computerschach-Weltmeister sowie amtierender Champion. Sein Programm Shredder zeichnet hohes Schachwissen aus, das die Frage der Hardware in den Hintergrund treten lässt. Auch ein Großmeister berechnet ja nicht Millionen, sondern nur ein bis zwei Stellungen pro Sekunde, dafür aber die richtigen. Gerade bei Partien zwischen Computern und Menschen kommt es auf die richtige Stellungsbeurteilung an, um die gefürchteten langfristigen Königsangriffe der menschlichen Anticomputerstrategien richtig abzuwehren. Daher soll Pocket Fritz auf das Spiel gegen Menschen und nicht auf das Spiel gegen andere Schachprogramme optimiert werden.

Das Match-Ergebnis in Mainz dürfte eher zu Gunsten von Adams und Leko enden, glaubt Stefan Meyer-Kahlen. Dennoch steht bereits jetzt fest, dass der Düsseldorfer mit dem Pocket Fritz eine Pionierleistung erbringt. Zum ersten Mal kann man ein richtig starkes Schachprogramm einfach in die Tasche stecken. Mobile Schachsoftware bietet tolle Anwendungsmöglichkeiten: Sie steht nicht nur unterwegs als Gegner zur Verfügung, sondern hilft mit starken Analysefunktionen beim Nachspielen von Partien. Auch Taktiktraining und Datenbankzugriff auf Achse sind geplant. Schach ist also eine richtige Killerapplikation für Pocket Computing. Einziger Wermutstropfen: Bei Turnieren müssen die Westentaschen-Großmeister strenges Lokalverbot erhalten, zu groß wäre die Versuchung für die Spieler, sich diskret einen Tipp zu holen.

 

 

Pocket Fritz!

eine Vorschau auf den Weltmeister im Taschenformat

Juli 2001 - von Peter Schreiner


 

 

Keiner weiß, welche Überraschungen Pocket Fritz auf Lager hat

Karikaturen von Frank Stiefel