Lokalverbot für Westentaschen-Großmeister

Interview mit Stefan Meyer-Kahlen / Pocket Fritz spielt gegen Adams und Leko

 

 

Der vierfache Computerschach-Weltmeister Stefan Meyer-Kahlen (links) im Interview mit Eric van Reem 

 

Den Winzling sieht man kaum am Schachbrett. Pocket Fritz heißt der kleine Bruder des weltweit bekanntesten Schachprogramms namens Fritz. Pocket Fritz läuft auf Pocket-PCs, das sind Computer mit dem Betriebssystem Windows CE 3.0, die kaum größer sind als ein Taschenrechner. Pocket-Computer der neuesten Generation sind mit Prozessoren zwischen 100 bis 200 MHz und 32 MB RAM ausgestattet. Am Samstag, 30. Juni (13 Uhr), misst sich das Minigerät in der Mainzer Rheingoldhalle mit zwei Weltklassespielern: Kann dabei der Westentaschen-Großmeister gegen den Weltranglistenvierten Michael Adams (England) und die Nummer sieben auf dem Globus, Peter Leko (Ungarn), bestehen? Mit dem Programmierer von Pocket Fritz, dem amtierenden Computerschach-Weltmeister Stefan Meyer-Kahlen, sprach Eric van Reem.

van Reem: Herr Meyer-Kahlen, was macht die Arbeit an Pocket Fritz?

Stefan Meyer-Kahlen: Pocket Fritz wird gut werden, ich bin ganz begeistert von dem Projekt. Ich habe zwar noch einiges zu tun, aber es macht viel Spaß, daran zu werkeln. Ich musste mich zuerst eine Weile einarbeiten, weil es für mich auch etwas völlig Neues ist. In Mainz werde ich Pocket Fritz selbst bedienen, darauf freue ich mich schon.

van Reem: Kann man von einer Revolution im Computerschach sprechen?

Meyer-Kahlen: Revolution, na ja ... Tatsache ist, dass man künftig immer ein superstarkes Reisegerät mitnehmen kann. Pocket Fritz wird wahrscheinlich alle kleinen Reiseschachgeräte ablösen. Ich wollte auch immer schon ein leistungsfähiges kleines Gerät mit einem starken Schachprogramm haben. Dass ich das jetzt selbst entwickeln darf, finde ich super!

van Reem: Wie lange doktern Sie denn bereits an Pocket Fritz herum?

Meyer-Kahlen: Ich habe Ende Februar, Anfang März angefangen und werde pünktlich bis zu den Chess Classic in Mainz fertig sein. Ich bin momentan dabei, Pocket Fritz für das Spiel gegen Menschen zu optimieren. Pocket Fritz soll nur gegen sie und nicht gegen andere Schachprogramme antreten. Einige Spieler haben Anti-Computer-Strategien entwickelt. Deshalb versuche ich das Programm so spielen zu lassen, dass es nicht in diese typischen Fallen hineintappt.

van Reem: Welche Engine läuft da eigentlich? Ist es Fritz oder Ihr eigenes Weltmeister-Programm Shredder?

Meyer-Kahlen: Die Test-Engine, die ich im Moment auf meinem Pocket-PC laufen lasse, ist Shredder 5.32. Selbstverständlich musste ich die Oberfläche ganz anders gestalten, alles ist ja viel kleiner.

van Reem: Stört es Sie, dass der Name Pocket Fritz und nicht Pocket Shredder lautet?

Meyer-Kahlen: Nein, ich muss ehrlich gestehen, der Name ist mir egal. Es wurde in Foren darüber diskutiert und einige Leute behaupteten, ich hätte meine Seele an ChessBase verkauft. Ich kann darüber nur lachen! Mein Shredder-Programm habe ich nach wie vor, und ich werde die Engine sowie die Oberfläche auch weiter pflegen. ChessBase unterbreitete den Vorschlag, das Produkt Pocket Fritz zu nennen. Logisch, finde ich, weil Fritz als Marke viel bekannter ist als Shredder und sich wahrscheinlich auch besser verkaufen lässt. Frans Morsch (Anmerkung: Der Programmierer von Fritz und vieler anderer Brettcomputer-Programme) und ich sind Profis, wir machen unsere Arbeit hinter den Kulissen. Es wird den Anwendern doch egal sein, wer letztendlich das Programm schreibt. In der Modewelt ist es genauso: Karl Lagerfeld entwirft bestimmt seine Kollektion nicht nur selbst, sicher sind auch andere Designer hinter den Kulissen tätig. Bei Chanel oder Boss ist es genauso wie bei uns in der Computerschachwelt.

van Reem: Können Sie die Spielstärke von Pocket Fritz einordnen?

Meyer-Kahlen: Schwer zu sagen. Ich trug im Selbstversuch einige Partien aus und habe keine Chance mehr zu gewinnen. Meine Ratingzahl liegt bei etwa 1900. Ferner spielte ich sechs Blitzpartien gegen Genius auf Palm - und die hat Pocket Fritz alle gewonnen! Auch gegen Chess Tiger auf Palm habe ich mit Pocket Fritz geblitzt und in allen Begegnungen gesiegt. Des Weiteren testete ich Pocket Fritz gegen einige gute bis sehr gute Vereinsspieler, die Wertungszahlen von etwa 2000 bis 2100 besitzen. Auch die hatten schon keine Chance mehr. Glauben Sie mir, das Programm ist wirklich gut!

van Reem: Kann man die Programme wie Genius und Chess Tiger für Palm mit Pocket Fritz vergleichen?

Meyer-Kahlen: Nein, die Palm-Programme spielen in einer ganz anderen Liga, man kann es gar nicht mit Pocket Fritz vergleichen. Pocket Fritz läuft unter Windows CE 3.0. Die Möglichkeiten sind somit umfangreicher. Es ist viel näher mit Windows als mit der Palm-Programmierung verwandt, und die Hardware-Ressourcen sind größer. Es ist eher ein richtiger Computer als ein Palm-Pilot.

van Reem: Man muss demnach ein sehr guter Spieler sein, um Pocket Fritz in die Knie zwingen zu können? Am 30. Juni warten in Mainz mit Michael Adams und Peter Leko gleich zwei Top-Ten-Spieler auf Ihr Gerät. Hat es eine Chance?

Meyer-Kahlen: Ich bin optimistisch, aber auch realistisch. Wenn Pocket Fritz ein Remis schaffen würde, wäre das gut. Vor allem Leko ließ bereits einige Computer alt aussehen. Es geht mir auch nicht unbedingt um den Wettkampf. Ich möchte zeigen, dass man auf dem Pocket-PC vernünftige Partien spielen kann.

van Reem: Kann man mit dem Programm noch mehr machen, als "nur" Schach zu spielen?

Meyer-Kahlen: Oh ja, ich baute einige interessante Sachen ein: Man kann mit dem Programm analysieren, es besitzt sogar einen Mehrvariantenmodus. Für Besucher bei Schachturnieren erscheint es mir attraktiv, eine interessante Position schnell auf dem Pocket-PC eingeben und analysieren zu können. Ich baue zudem einen Coach ein, um die Anwender vor Fehlern zu warnen. Außerdem fügte ich einige Anfängerstufen hinzu, weil Pocket Fritz für viele Schachspieler bereits zu stark ist. Interessant wird auch der Zugriff auf die Online-Datenbank von ChessBase sein. Man kann mit einem Handy eine Verbindung herstellen und die Daten an den Pocket-PC übertragen. In Zukunft wird es Pocket-PCs geben, mit denen man auch telefonieren kann. Dann wird alles noch einfacher.

van Reem: Ist auf dem Pocket-PC zudem Platz für ein Eröffnungsbuch?

Meyer-Kahlen: In Mainz werde ich wahrscheinlich mit einem modifizierten Buch spielen. Im Moment teste ich mit meinem Shredder-Turnierbuch. Das Buch ist zwar etwa 8 MB groß, aber ich kann es mit Pocket Fritz verwenden. Ich musste es in ein kleineres Format konvertieren, jetzt benötigt das ganze Buch nur noch 500 KB. Die Bücher erzeuge ich mit Shredder, weil ich in meiner Benutzeroberfläche die Möglichkeit eingebaut habe, Bücher zu exportieren. Diese Bücher können beliebig groß werden. In Shredder6 wird es sehr wahrscheinlich möglich sein, Bücher für den Pocket Fritz ins kleinere Format zu konvertieren.

van Reem: ChessBase-Erfinder Matthias Wüllenweber ulkte - dabei durchaus mit ernstem Hintergrund -, dass die Westentaschen-Großmeister strenges Lokalverbot bei Turnieren erhalten sollten. Wie stehen Sie dazu?

Meyer-Kahlen: Da hat er nicht ganz unrecht. Es könnte ein Problem für das Turnierschach werden. Man könnte kurz auf die Toilette verschwinden, um sich einen Tipp zu holen oder die Online-Datenbank zu befragen. Pocket Fritz kann zukünftig für Ärger sorgen.

van Reem: Wie stark werden die Pocket-Programme?

Meyer-Kahlen: Wer weiß schon, was in etwa zwei Jahren sein wird? Die Hardware wird immer schneller und besser. Die Spielstärke für normale PCs reicht erst einmal für den normalen Anwender. Für die tägliche Analyse sind die Programme mittlerweile stark genug. Es macht mehr Spaß, sich mit dem Pocket-PC irgendwo hinzusetzen und eine Partie Schach zu spielen, als sich vor dem Bildschirm zu setzen und gegen ein superstarkes Programm anzutreten. Deshalb ist Pocket Fritz auch so toll: Man kann überall gegen das Gerät spielen, auf dem Balkon, im Zug, einfach überall.

van Reem: Wann kommt Pocket Fritz in die Läden?

Meyer-Kahlen: Ich gehe davon aus, dass man das Programm im Juli kaufen kann, also kurz nach den Chess Classic in Mainz.

van Reem: Welche anderen Projekte planen Sie dieses Jahr noch?

Meyer-Kahlen: Im Juni kommt die Shredder 5.32 Engine für ChessBase auf den Markt, daran habe ich auch noch gefeilt. Dann findet im August die Computer-WM in Maastricht (Niederlande) statt. Darauf muss ich mich selbstverständlich gut vorbereiten, schließlich möchte ich meinen WM-Titel verteidigen. Und für Ende des Jahres ist Shredder6 geplant. Ich bin dieses Jahr also ausgelastet.


Interview mit Stefan Meyer-Kahlen

Von ERIC VAN REEM

Das Interview wurde nach der Computer-Weltmeisterschaft in Paderborn (März 2001) geführt. Dort hatte Shredder, der ebenfalls von Stefan Meyer-Kahlen programmiert wurde, den ersten Platz erzielt.

EvR: Stefan, herzlichen Glückwunsch zu deinem Sieg in Paderborn. Ich hatte den Eindruck, dass du dieses Turnier sehr überzeugend gewonnen hast. Wie siehst du das?

SMK: Ich habe mir mittlerweile einige Shredder Partien angeguckt. Ich hatte keine Probleme in Paderborn, nur gegen Gandalf habe ich eine komische Buchvariante gespielt, Spanisch mit Weiß aus einer Partie Kasparov-Karpov und Lf3 war eine Neuerung, die nicht besonders gut war. Aber sonst hatte ich keine Probleme.

Stefan Meyer-KahlenEvR: War das Eröffnungsbuch in Paderborn ein Grund für den überzeugenden Sieg?

SMK: Ja klar, Sandro Necchi hat ein halbes Jahr mehr Zeit gehabt an dem Buch zu arbeiten und das hat sich bemerkbar gemacht. In London, bei der WM gab es noch einige Probleme. Meine schlechteste Bewertung war etwa -0,8, das war die Partie gegen Gandalf, bei den anderen Partien stand ich ausgeglichen oder besser nach dem Buch.

EvR: In der letzen Runde spieltest du gegen P.ConNers und hattest nur einen halben Punkt mehr als DeepFritz. Warst du da aufgeregt oder nervös?

Das Turnier lief einfach Super für mich. Ich hatte überhaupt keinen Grund in der letzen Runde irgendwie hektisch zu werden., weil Shredder das ganze Turnier gut gespielt hat, außerdem war das Buch gut. Bei der WM war ich da schon sehr aufgeregt. Außerdem ist die Atmosphäre in Paderborn schon ganz anders als bei der WM, viel entspannter und lockerer.

EvR: Shredder hat in Paderborn schon wieder keine Partie verloren. Das sind mittlerweile 33 Turnierpartien ohne Niederlage. (IPCCC 2000 und 2001, WM 1999 und 2000 EvR) Wird es nicht mal Zeit für eine Niederlage?

Es wäre schon nicht schlecht mal eine Partie zu verlieren, dann ist der Druck weg. Du wirst lachen, aber ich habe es gar nicht genau gewusst. Frank Quisinsky hat gepostet, dass Shredder schon seit 2 Jahren unbesiegt ist und die Turniere aufgezählt, die ich gespielt habe. Da ist mir das erst bewusst geworden. Die letzte Verlustpartie war gegen Gandalf, IPCCC 1999.

EvR: In Paderborn hast du mit eine Parallel Version gespielt. Ist die jetzt ausgereift und wie schwierig ist es so eine Dual Version zu programmieren?

SMK : Die Parallel Version von Shredder 5 wird jetzt erscheinen. Ich habe gesagt, dass die Parallel Version nach Paderborn erscheinen wird, wenn keine Probleme auftauchen, und es gab keine Probleme. Für mich war dieses Turnier eine Generalprobe. Ich werde noch ein paar kosmetische Sachen ändern, aber eigentlich bin ich fertig. Ich teste noch einige neue Sachen, aber die werde ich wahrscheinlich für Shredder 6 aufheben.

Es ist schwierig eine Parallel Version zu schreiben. Letztes Jahr habe ich in Paderborn auch schon parallel gespielt, aber das war mehr eine "Bastelversion". Shredder musste ich damals zweimal von Hand starten, aber das kann man den Anwender nicht zumuten. Es muss für die Kunden einfach zu bedienen sein. Also, musste ich sehr viel an der Engine umstellen und das war sehr viel Arbeit.

EvR: Wie wichtig ist ein Turnier wie das IPCCC für die Weiterentwicklung des Programms?

Ich habe in Paderborn wieder einige neue Ideen für die 6er Version bekommen. Man arbeitet das ganze Jahr an der Engine. Ich sehe Shredder während des Turniers die ganze Zeit rechnen und da fallen mir dann immer Sachen auf, die ich auf meine große Liste setze. Für die Engine ist so ein Turnier sehr wichtig, für die Oberflache bekomme ich Feedback von den Anwendern.

EvR: Wie waren die Reaktionen auf Shredder5?

SMK: Ich habe noch nie so viele positive Reaktionen erhalten. Mit der Engine sind die Meisten sehr zufrieden und auch die Oberfläche ist deutlich schöner geworden als bei Shredder4. Das gefällt den Anwendern und es ist für mich eine Motivation weiter zu machen.

EvR: Wann kommen denn die ersten UCI Engines die unter Shredder laufen werden?

SMK: Es werden jetzt einige UCI Engines kommen: Gandalf, Lambchop, Patzer und Capture. Lambchop ist vielleicht nicht so bekannt, aber es ist ein sehr starkes Programm, es war Amateur Weltmeister in 1999. Gambitsoft gibt eine CD mit diesen 4 Engines als Winboard- und als UCI Version heraus. Viele Programmierer haben Interesse gezeigt ihre Programme umzuschreiben, die Resonanz ist sehr positiv. Ich finde Gandalf auch ein gutes Programm, zwar noch nicht so gut wie die Spitzenprogramme wie DeepFritz, aber das Programm hat mich in Paderborn schon sehr überrascht. Steen Suurballe (Programmierer von Gandalf) hat mir nach der IPCCC die UCI Engine geschickt, und die läuft viel besser unter Shredder als die Winboard Version.

EvR: Du arbeitest das ganze Jahr an deinem Programm. Woran bastelst du gerade?

SMK: Ich habe mir in den letzten Tagen einen Taktikalgorithmus ausgedacht und probiere das gerade aus, das braucht aber noch ein wenig Zeit. Dann arbeite ich an Kleinigkeiten, die mir in Paderborn aufgefallen sind. Für mich wird es auch reizvoll sein einen Turniermodus für Shredder6 zu machen, weil ja einige UCI Engines kommen werden.

EvR: In Mai findet in Leiden ein internationales Computerschachturnier statt. Wird Shredder daran teilnehmen?

SMK: Ich bin mir noch nicht ganz sicher: was dafür spricht ist, dass das Turnier in Leiden nur ein Wochenende dauert und die Entfernung für mich aus Düsseldorf nicht so weit ist. Was dagegen spricht ist, dass ich noch keine Hardware habe, und ich weiß noch nicht ob ich die Zeit habe im Frühjahr. Wenn meine Projekte hier nicht so laufen, dann kann ich nicht kommen. Es ist ja auch nicht so, dass es nur die 3 Turniertage sind: ich brauche eine stabile Version, weil ich ja immer an Shredder herumbastele. Und ich brauche zu dem Zeitpunkt eine getestete Version, ich möchte nicht unbedingt mit der alten Version spielen.

EvR: Kasparov hat in Wijk aan Zee gesagt, dass nicht er die Ehre der Menschheit gegen einen Computer verteidigen muss , weil er nicht mehr der Weltmeister ist. Wie stehen die Chancen auf ein ShredderMatch gegen einen menschlichen Gegner?

SMK: Ich würde gerne mal ein Match gegen Menschen spielen. Kramnik ist der Killer, der keine Nerven hat und es wird schwierig sein gegen ihn zu gewinnen, gegen Kasparov rechne ich mir bessere Chancen aus. Mal sehen wie es weiter geht.

EvR: Stefan, herzlichen Dank für dieses Gespräch !