Fischer Random Chess

26. - 28. Juni 2001

 

 

Jede Partie eine neue Herausforderung

Peter Leko erster inoffizieller Fischer-Random-Chess-Weltmeister

Von Eric van Reem

 

Nachdem der "Schweinehund" die Figuren in die Luft geworfen hat, wieder aufgefangen und aufs Brett gestellt hatte, entstand in der siebten Partie eine Grundstellung, die sich schnell in eine Caro-Kann-ähnliche Position verwandelte. Anfangs schien sich nach den Auftaktzügen 1.d4 d5 ein ganz normales Fischer-Random-Turmgambit zu entwickeln. Turmgambit, weil sich anstatt der Damen Türme auf der d- Linie gegenüberstanden. Die Caro-Kann- Verteidigung ist eine Eröffnung, die im frühen Mittelspiel schnell verflachen kann. Auch in dieser Partie wurden schnell einige Figuren getauscht. Danach bereiteten beide Großmeister die kurze Rochade vor, in diesem besonderen Fall eine lange kurze Rochade: Lekos König vollzog einen mächtigen Satz von c8 nach g8. Hernach schickte der Weltranglistensiebte einen ungläubigen Blick auf das riesige elektronische Brett nach, um sicher zu gehen, dass die empfindliche Technik in dem Moment nicht versagt hat. Auch Adams fand Gefallen an dieser besonderen Rochade-Möglichkeit und rochierte auch kurz-lang. Die gerade angereiste ChessBase-Mannschaft, die sich noch nicht mit den Rochade-Regeln im Fischer Random Chess vertraut gemacht hatte, schmunzelte über dieses ungewöhnliche Königsmanöver. Die Stellung war nach den Rochaden ausgeglichen. Obwohl Adams mit Weiß eine etwas einfacher zu spielende Stellung bekam, konnte er nicht gewinnen. 4:3 für Leko lautete der Stand nach sieben Partien.

Deshalb musste der Engländer unbedingt mit Schwarz die letzte Match-Partie gewinnen um wenigstens einen Tiebreak zu erzwingen. "Es wird bestimmt eine sehr interessante Begegnung", freute sich Kommentator Vlastimil Hort. Er, die anderen Kommentatoren und das Publikum wurden nicht enttäuscht. Der letzte Vergleich war der spektakulärste des Zweikampfs. Leko wählte einen flexiblen Zentrumsaufbau, Adams versuchte die Stellung schon früh mit Zügen wie 3...b5 unübersichtlich zu gestalten. Wie wichtig die Partie beide nahmen, belegte die Uhr: Leko hatte für die ersten zehn Züge schon mehr als 13 Minuten verbraucht, der Engländer nicht viel weniger. "Adams hat eine fantastische Stellung", glaubte Kommentator Artur Jussupow. Mittlerweile hatte auch die oben genannte ChessBase-Mannschaft ihre neueste Entwicklung, "Pocket Fritz", aus der Hosentasche gezaubert, um mit dem Handheld die Stellung zu analysieren. Der kleine Bruder des Schachprogramms "Fritz" bestätigte Jussupows menschliches Urteil. Schon nach 16 Zügen sah Pocket Fritz großen Vorteil für Schwarz. Und die Bewertung kletterte und kletterte: Nach 24 Zügen lag sie bereits deutlich über einer Bauerneinheit, nach 30 Zügen war die Bewertung +4.50 für Adams! "Es wäre schön, bekämen wir mit Pocket Fritz so eine Stellung gegen Leko oder Adams", bemerkte Pocket-Fritz-Entwickler und Computerschach-Weltmeister Stefan Meyer-Kahlen. Adams verlor in Zeitnot irgendwo den Faden (37...Se2! gewinnt anstatt 37...Sh5??) und musste am Schluss froh sein, überhaupt noch ein Remis zu bekommen. So oder so, der Wettkampf war verloren. "Es ist ein Wunder, dass ich diese Stellung nicht verloren habe", befand Leko lächelnd. Somit gewann der Großmeister aus Szeged die erste inoffizielle Fischer-Random-Chess-Weltmeisterschaft. Er gewann das Match denkbar knapp mit 4,5:3,5.

Nach acht Partien Fischer Random Chess auf höchstem Niveau war es natürlich interessant zu erfahren, wie die Beteiligten die Schachart empfanden:

Peter Leko, 1. inoffizieller Fischer-Random-Chess-Weltmeister: "Es war ein harter Kampf hier in Mainz, und ich bin selbstverständlich froh, dass ich gewonnen habe. Aber man sollte das Ergebnis nicht überbewerten, es war nur ein Experiment. Da die ersten Züge sehr wichtig sind, sollte man überlegen ob man in der Eröffnung mehr Zeit zur Verfügung gestellt bekommt. Die fünf Minuten vor der Partie, als wir die ausgeloste Stellung zum ersten Mal sahen, haben mir persönlich wenig gebracht. Ich wäre auf jedem Fall bereit, mehrere Zweikämpfe oder Turniere zu spielen, wenn mehrere Organisatoren den Mut aufbringen, solche Turniere zu organisieren."

Michael Adams, der nach seinem Sieg im Ordix Open einige Partien brauchte, um im Fischer Random in Spiellaune zu kommen: "Dieses Match war eine hervorragende Werbung für Fischer Random Chess. Leider kann man es nur in Mainz spielen, aber ich hoffe, dass andere Organisatoren die neue Idee aufgreifen. Ich war etwas enttäuscht, dass in der zweiten und sechsten Partie die gleiche Grundstellung ausgelost wurde. Außerdem gab es einige Startpositionen, die nicht so interessant schienen, beispielsweise in der fünften Partie, als der Damenflügel ganz normal aufgebaut war. Deshalb schlage ich vor, einige der 960 möglichen Anordnungen zu streichen. Ich hätte gerne mal eine Partie gespielt, in der die Damen in der Ecke platziert sind, also auf h1 oder a1. Leider wurde eine solche Stellung nicht ausgelost."

Adams' Vorschlag, einige Grundstellungen einfach zu streichen, schätzte Organisator Hans-Walter Schmitt nicht. "Ich bin davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren nur noch Fischer Random Chess spielen. Die klassische Anfangsposition hat für Spieler, die nur Fischer Random Chess lernen keine besondere Bedeutung. Die ersten Turniere werden vermutlich schon im Herbst stattfinden, auch die Organisatoren aus Dortmund haben bereits Interesse bekundet. Vishy Anand wird ein fantastischer Random-Spieler sein, auch weil er schnell ist. Kramnik, der an Schach wissenschaftlicher herangeht, könnte mehr Probleme mit Random Chess haben. Ein Match zwischen den beiden Weltmeister wäre hochinteressant. Es ist nicht einfach, die Wissenschaftler zu überzeugen, die vielen Möglichkeiten, die Fischer Random Chess bietet, machen den Tüftlern, die alles ausanalysieren und zu erklären versuchen, anscheinend Angst. Für Spieler ist Fischer Random Chess die Zukunft."

Artur Jussupow, der im Vorjahr bei den Chess Classic zwei Shuffle-Chess-Partien gegen das Schachprogramm Fritz on Primergy verlor und in Mainz alle Spiele als Kommentator verfolgte: "Die Qualität der Partien lag meiner Meinung nach sehr hoch. Leko spielte das ganze Match gut, und Adams hat sich gesteigert. Wie er die sechste Partie gewann, war einfach unglaublich! Er bot dabei eine tolle Show. Trotz der wenigen Zeit auf der Uhr fand er exzellente Züge. Adams und Leko waren genau die richtigen Spieler für dieses Match. Beide Spieler sind sehr kreativ, obwohl sie diese Kreativität nicht immer im klassischem Schach ausleben können. Fischer Random Chess ist für sie eine Spielwiese. Kreative Spieler wie Morosewitsch oder Schirow sorgen schon in ihren normalen Partien für Random-Stellungen! Es ist nicht schwieriger, eine FRC-Partie zu kommentieren. Selbstverständlich sollte man vor allem in der Eröffnung aufpassen. Bei normalen Partien muss man ja viele theoretische Varianten kennen, dies ist für Kommentatoren nicht immer leicht. Fischer Random Chess ist noch keine Konkurrenz zum klassischen Schach. Jetzt müssen wir abwarten, wie das Match angenommen wird in den Medien und den Schachfans. Schnellschach wurde vor etwa zehn Jahren auch noch nicht ernst genommen, inzwischen ist es nicht mehr aus der Turnierpraxis wegzudenken. Fischer Random Chess sorgt für eine neue Dimension im Schach."

Diese wird viele Schachspieler ansprechen, die keine Lust mehr haben, dicke Eröffnungsbücher zu wälzen oder fieberhaft die 1,7 Millionen Partien auf der ChessBase-Megabase durchzuspielen. Für Schachspieler, die bereit sind, neue Wege zu gehen, könnte Fischer Random Chess einen ausgezeichneten Anlass bieten, Brett und Figuren wieder aufzustellen und mit Freunden und Familie eine Partie zu spielen. Lassen wir doch die Forscher ihre Neuerung im 25. Zug analysieren, während die Fischer-Random-Chess-Fans ohne Zwang ihre Partien spielen!