Fischer Random Chess

26. - 28. Juni 2001

 Schach ohne Muster

Sparkasse Mainz Match im Fischer Random Chess eine Weltpremiere

Von Eric van Reem

Als am Dienstag, den 26. Juni 2001, kurz nach 15 Uhr das ChessBase-Programm "Schweinehund" die erste Fischer-Random-Chess-Stellung ausloste, wird das Herz von Hans-Walter Schmitt sicher höher geschlagen haben. Fischer Random Chess ist sein neues Hätschelkind.

Die Premiere mit den Weltklassespielern Michael Adams und Peter Leko war für alle Beteiligten eine spannende Angelegenheit. Nicht nur für die Großmeister, die sich ohne Eröffnungswissen in einer ungewöhnlichen Grundstellung orientieren mussten, auch für Organisator Hans-Walter Schmitt, der den Mut besaß, diese Innovation durchzuführen. Eine besondere Herausforderung stellte sich ebenfalls für die Techniker und Programmierer hinter der Bühne, die bis zuletzt fieberhaft an einer perfekten Live-Übertragung für die Besucher in der Rheingoldhalle und im Internet arbeiteten. Insbesondere die genaue Darstellung der Rochade-Möglichkeiten forderte die klugen Programmiererköpfe. Die Rochade ist vor allem im Fischer Random Chess ein sehr dynamischer Zug. Gerade diese wichtige Nuance ist es, durch die sich die von Ex-Weltmeister Bobby Fischer (USA) entwickelte Variante vom Shuffle Chess unterscheidet. Egal wo König und Türme zu Beginn stehen, wenn sich eine Partei zur Rochade entschließt, finden die beiden Figuren ihr vertrautes Plätzchen: Bei der so genannten "a-Rochade" der Turm auf d1 (d8) und der König auf c1 (c8), bei der "h-Rochade" der Turm auf f1 (f8) und der König auf g1 (g8). Die Rochade mutet manchmal seltsam an, weil beispielsweise der Monarch nur von e1 nach g1 zieht, während der bereits in der Grundstellung dort platzierte Turm schon auf f1 steht!

 

 

 

Das Rochade-Recht war nicht nur für die Techniker anfangs verwirrend. Kommentator Artur Jussupow schlug in der ersten Partie eine Variante mit der "h-Rochade" vor, allerdings konnte die Variante nicht gespielt werden, da der König über ein bedrohtes Feld rochieren musste. Wie im klassischem Schach ist dies verboten. Peter Leko erklärte nach der ersten Partie, dass auch er die Rochade-Möglichkeiten in der Berechnung berücksichtigt hatte, aber die Konsequenzen nicht genau übersehen konnte. Vielleicht war dies der Grund, warum beide Spieler in der ersten Partie die Rochade vermieden und sehr vorsichtig agierten. "Beim Fischer Random Chess kann ich noch nicht beurteilen, ob ein Zug gut oder schlecht ist", erzählte Peter Leko nach der Partie. Schon ab Zug eins mussten die Spieler besonders auf der Hut sein, und die Kommentatoren Artur Jussupow, Christopher Lutz, Vlastimil Hort und Helmut Pfleger hatten Schwierigkeiten, die neue Stellungsbilder richtig einzuordnen. Dies ist aber auch der Reiz des Fischer Random Chess: Der Spieler muss sich auf völlig neue Stellungsbilder konzentrieren. "Es ist sehr wichtig, ausgeruht am Brett zu sitzen und sich zu konzentrieren", sagte Adams in der Pressekonferenz. "Ich habe mich insbesondere auf die Frage konzentriert, wie ich meine Figuren entwickele." Fünf Minuten Zeit steht dafür beiden Akteuren zur Verfügung, nachdem das Programm "Schach dem Schweinehund" die Startposition ausgelost hat.

 

 

Nach 16 Zügen entstand eine Stellung, die ganz normal aussah. Und schon wenige Minuten später einigten die Spieler sich auf das Remis. Die erste hochkarätige Partie im Fischer Random Chess war Geschichte! Moderator Eric Lobron erklärte kurz vor der zweiten Begegnung noch einmal die Rochade-Regeln für das Publikum und prompt rochierten beide experimentierfreudigen Großmeister lang. "Die Technik funktioniert", jubelte Kommentator Christopher Lutz. Adams eröffnete 1.c4, wie es sich für einen Engländer gehört, und es entstanden Bilder, die Leko an geschlossene Sizilianische Positionen erinnerten. Erneut waren sich die Kommentatoren nicht einig, wer nun eigentlich besser stand. Wie zum Auftakt scheuten die Hauptdarsteller auf der Bühne das große Risiko. Alle Beobachter in der Rheingoldhalle erwarteten nach 21.Txd4 ein schnelles Remis. Nur Peter Leko war da anderer Meinung und packte noch eine Keule aus. Mit einer effektvollen Kombination gewann Leko eine Figur und geht somit nach dem ersten Tag mit 1,5:0,5 in Führung. "Wir müssen noch mehr Gefühl für die ungewöhnlichen Stellungen bekommen", resümierte Leko nach dem zweiten Duell, "dann werden die Partien bestimmt noch interessanter." Michael Adams fand die Qualität trotz seiner Niederlage "relativ hoch".

In den ersten Partien konnte man beobachten, dass die Spieler - bewusst oder unbewusst - versucht haben, schnell die Figuren zu tauschen, um bekannte Stellungen auf das Brett zu bekommen. Die Spannung kann schon sehr früh aufgebaut werden, in Partie 1 war nach 1.e4 e5 2.Sd3 f5 bereits eine scharfe Stellung entstehen. Auch in Partie zwei versuchte Adams mit 4.f4 und 6.g4 eine voller taktischer Möglichkeiten steckende Position auf das Brett zu bringen. Warten wir ab, ob dies die richtige Strategie für Fischer Random Chess ist!