Fischer Random Chess

26. - 28. Juni 2001

 

 

Schlafmützen endlich besser als Nachtarbeiter

Fischer Random Chess verbannt Eröffnungsbücher auf die Müllhalde

Von Hartmut Metz

Was dem Deutschen seine Ostfriesen, sind die Iren den Schotten. Bei einer Abart des Schachs, Shuffle Chess (übersetzt: Mischschach), wird die Startposition aller Figuren vom König bis zum Springer auf der ersten und achten Reihe ausgelost, während sich bei den jeweils acht gleichen Bauern davor nichts ändert. Rasch verbreitete ein Witzbold aus Aberdeen die Kunde von "Irish Shuffle": Der tumbe Ire mische die acht Bauern und lose hernach deren Position aus. Dass sich dadurch nichts im Vergleich zum herkömmlichen Schach ändert, fand einer gar nicht lustig: Hans-Walter Schmitt. Der Turnierorganisator aus Bad Soden setzt alles daran, die verbesserte Variante des "Freistil-Schachs", Fischer Random Chess, zu mehr als einer Lachnummer zu machen. Der sture wie einfallsreiche Schmitt verkündete vollmundig bei den Chess Classic Mainz, dem herkömmlichen Schach "mit der revolutionären Idee binnen zehn Jahren" den Garaus zu machen.

"Noch ist es keine Konkurrenz", weiß das deutsche Ass Artur Jussupow. Aber wegen der ausufernden Eröffnungstheorie, die Kilometer von Bücherregalen füllt, werde Fischer Random Chess "vielleicht zunehmend populärer. Der theoretische Ballast ist einfach geringer. Deshalb erfordert das Spiel mehr Kreativität". Der legendäre US-Amerikaner Bobby Fischer wollte diese fördern, auf dass der stärkere Spieler gewinne - und keineswegs die durch die Fleißarbeit von Sekundantenteams und Computern bevorteilten Großmeister à la Kasparow. Fischer, der 1972 ungeschlagen als Weltmeister abtrat und nur noch einmal 20 Jahre später bei seinem Revanchematch gegen Boris Spasski auf die Schachbühne zurückkehrte, bevorzugt deshalb seit 1992 sein Random Chess. Dieses zeichnet sich im Vergleich zum Vorgänger Shuffle Chess durch die erlaubten Rochaden aus, wonach der König samt Turm auf denselben Feldern wie im normalen Schach thront..

Im Vorprogramm des Duells der Weltmeister zwischen dem Inder Viswanathan Anand und dem Russen Wladimir Kramnik, das nach dem ersten Tag 1:1 steht, werden die Figuren nicht wie üblich aufgebaut. Das Programm "Schach dem Schweinehund" lost jedem Stein sein Plätzchen hinter den Bauern zu. Nur eine Regel gilt es dabei zu beachten: Die Läufer ergänzen sich wie gewohnt. Einer steht auf einem schwarzen Feld, der andere gehört folglich auf ein weißes. Weil die Startstellungen Vor- oder Nachteile besitzen, erhalten der Weltranglistenvierte Michael Adams und der drei Plätze tiefer eingestufte Ungar Peter Leko die spiegelbildliche Position, um den Glücksfaktor auszuschließen. In der ersten Partie hatte Weiß zum Beispiel seinen König auf das Feld c1 zugelost bekommen, folglich stand der feindliche Monarch auf c8. Die weißen Springer auf d1 und e1 nahmen die schwarzen Rappen auf d8 und e8 ins Visier. 960 verschiedene Grundpositionen, inklusive der einen, seit fast 1.500 Jahre bekannten des königlichen Spiels, erübrigen das Büffeln jeglicher Art von Eröffnungstheorie.

Nach den zwei Partien des ersten Tages führt Leko mit 1,5:0,5. Ihn hatten die Experten im ersten Random-Match auf Weltklasse-Niveau favorisiert, bekam der 21-Jährige doch von Fischer darin kostenlose Lektionen in Blitzpartien. Inzwischen lebt sein Freund in Japan, zuvor hatte sich das 58-jährige Schachgenie vor den US-Behörden in Budapest und Deutschland verborgen, weil er mit dem Spasski-Match in Jugoslawien die serbische Kriegspropaganda unterstützt hatte. Bereits nach dem Remis in der ersten Begegnung und Adams' Niederlage in der zweiten zeichnete sich ab, dass die Denkstrategen herkömmliche Stellungsmuster anstreben. Spätestens im Endspiel sind die Positionen von denen normaler Partien überhaupt nicht mehr zu unterscheiden.

Während Topspieler wie Wassili Iwantschuk das "Freistil-Schach" grundlegend ablehnen - "Schach ist kompliziert genug", meint der Ukrainer - gewinnt Leko Fischer Random einen äußerst positiven Aspekt ab. Obwohl er nicht als Faulpelz verschrien ist, jauchzt der einst jüngste Großmeister aller Zeiten: "Endlich muss man sich nicht mehr die ganze Nacht hindurch mit den Eröffnungszügen des nächsten Gegners plagen. Die beste Vorbereitung für den nächsten Tag besteht darin, gut zu schlafen!"