Mainzer Trio gewinnt Fischer-Random-Turnier

Erich Siebenhaar setzt sich im Promi-Wettbewerb vor Jens Beutel durch

Von Hartmut Metz

 

Weltpremieren oder nicht? Organisator Hans-Walter Schmitt überraschte die Prominenten und Journalisten am Donnerstag mit der Ankündigung, dass sie ihr Turnier im Fischer Random Chess austragen. Beim vielleicht ersten Wettbewerb dieser Art setzte Dagobert Kohlmeyer noch eins drauf: Der bekannte Schach-Journalist, der überwiegend für die Rochade Europa, aber auch ab und an für das Schach-Magazin 64 schreibt und fotografiert, zeigte einmal mehr sein Gespür für die besondere Geschichte. Als sich die Chance in der vierten Runde bot, rochierte er gleich im ersten Zug!! Was beim normalen Turnierschach frühestens im vierten Zug möglich ist, kann im Fischer Random Chess eventuell sofort erledigt werden. Das war zwar ein eher schwacher Zug, als der König von d1 nach c1 rochierte und der Turm dessen Plätzchen einnahm, aber wenn es um eine Weltpremiere geht ... Kontrahent Axel Eger, Sportredakteur von der Thüringer Allgemeinen, die dank ihm in Erfurt viel über die ortsansässigen Koryhäen wie Thomas Luther, Thomas und Elisabeth Pähtz berichtet, machte den Spaß mit. Nur wenige Züge später zog er nach und rochierte als Schwarzer auf dieselbe Weise. Letztlich belegte Eger mit 3:4 Punkten Platz 16. Einen halben Punkt besser war Kohlmeyer (12.), der als Mitarbeiter der Deutschen Presseagentur (achten Sie einmal auf das Kürzel dpa, das vor oder nach jedem Bericht zu finden ist) für die bundesweite Verbreitung des königlichen Spiels an nahezu alle Medien sorgt.

 

Dass das Hätschelkind von Schmitt noch nicht so richtig in den Köpfen steckt, bewiesen die Teilnehmer nach jeder beendeten Partie. Flugs bauten sie die Steine wieder auf - nach der bekannten Stellung, die nach der Auslosung vor der nächsten Runde wieder verändert werden musste. Die Spieler standen der laut Schmitt "innovativen Revolution" positiv gegenüber. "Die fehlende Eröffnungstheorie kommt meinem katastrophalen Gedächtnis entgegen", freute sich der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel. Der ehemalige Mombacher Oberligaspieler belegte bei seinem "ersten Rendezvous" mit 5:2 Punkten Platz zwei. Ausgerechnet Erich Siebenhaar (Schott Mainz) siegte souverän mit 6,5:0,5 Punkten. Da Eröffnungsbücher sowieso zunehmend "Datenbanken weichen", schert es den Autor mehrerer Werke wenig, dass Fischer Random seine Arbeit torpediert. Eckhard Freise (4,5), der als erster Gewinner einer Million Mark bei der Jauch-Quizshow berühmt wurde, belegte Rang sieben. Der Wuppertaler Professor für mittelalterliche Geschichte, der am Samstag im Simultan Weltmeister Anand schlug und diesmal unter anderem gegen Beutel remisierte, findet die neue Form "innovativ wie anregend" und kündigte seine Teilnahme beim nächsten Turnier an. Fischer Random fördere "analoges Denken. In einem wilden Strudel versucht man Haken einzuziehen, um sich zu orientieren". Allerdings entstehen am Schluss, im so genannten Endspiel, stets vertraute Positionen.

"Fischer Random bleibt auch die nächsten 20 Jahre exotisch. 90 Prozent der Schachspieler lehnen es ab", glaubt Freise. Während das ukrainische Ass Wassili Iwantschuk das königliche Spiel für "kompliziert genug hält", gewinnt Leko dem "Freistil-Schach" einen äußerst positiven Aspekt ab. Obwohl er nicht als Faulpelz verschrien ist, jauchzt der einst mit 15 Jahren jüngste Großmeister aller Zeiten: "Endlich muss man sich nicht mehr die ganze Nacht hindurch mit den Eröffnungszügen des nächsten Gegners plagen. Die beste Vorbereitung für den nächsten Tag besteht darin, gut zu schlafen!"

 

 

Am aufgewecktesten beim ersten Fischer-Random-Turnier waren auf jeden Fall die Mainzer. Platz drei ging nämlich auch noch an einen Einheimischen, Volker Kropp, Beutels Mannschaftskamerad aus Mombach. Die Nummer eins unter den Organisatioren war Bulletinchef Harald Fietz, der ebenfalls wie Kropp auf fünf Punkte kam und unter anderem Freise schlug. Wichtiger waren dem Berliner hingegen seine Erfolge über Hans-Walter Schmitt und John Henderson, dem Chefschreiber von der berühmten Internetseite TWIC und neuerdings Pressechef von Kramniks WM-Sponsor Braingames - erstaunlicherweise nachdem sie ihn während Partie sechs bei der WM im Oktober durch einen Sicherheitsbeamten aus dem Gebäude führen ließen! Henderson wurde Fünfter. Am besten schnitten von Ausrichter SC Frankfurt-West Vereinssenior Ferdinand Niebling und Klubchef Claus Henrici ab und belegten die Plätze acht und neun. Protagonist Schmitt (3) musste mit Rang 14 vorliebnehmen. Unser Fischer-Random-Experte Eric van Reem wurde Drittletzter, deutlich hinter West-Jungstar Daniel Körnlein ...

 

 

Obwohl Peter Moufarrege seit zehn Jahren keine Figur mehr in die Hand genommen hat, kam der bezüglich Schach rührige Reporter von der Bild-Zeitung auf Rang elf! Vor seiner Abstinenz hatte er allerdings eine Wertungszahl von knapp 2100. Ganz hat er sein Können offenbar nicht eingebüßt! Der Inder R. R. Vasudevan konnte nicht beweisen, dass er Viswanathan Anand in bisher beiden Partien zwischen ihnen schlug. Der Vereinskamerad vom Tal Chess Club Chennai holte nur drei Zähler. Gleiches gelang Hauptschiedsrichter Sven Noppes (SF Deizisau). Fide-Vertreter Willy Iclicki konnte seine Rating von 2212 überhaupt nicht bestätigen und wurde nur 20. unter 24 Teilnehmern. Der Belgier musste außerdem die Schmach hinnehmen, auf einem von Wladimir Kramnik signierten Brett dem Braingames-Pressechef Henderson zu unterliegen. "Wir haben das Wiedervereinigungsmatch gewonnen!", kommentierte der triumphierende Schotte.

 

 

Ach so, die dritte Weltpremiere hätten wir fast vergessen zu erwähnen: Das Programm loste bei den Stellungen auch die Positionen der Bauern auf der zweiten und siebten Reihe aus. Da sie aber nicht einzeln markiert waren, konnte man leider auf dem Bildschirm nicht sehen, dass beispielsweise in Runde sechs Herr a-Bauer plötzlich zum Zentrumsbauern emporstieg, während Freund e-Bauer zum h-Randbauern herabgewürdigt wurde ...