"Ich war nur die Vorspeise für Kramnik"

Von Eric van Reem

"Oh, was haben Sie gekämpft! Sehr beeindruckend." Kurz nach Mitternacht musste Sven Quist von der Schachabteilung TSV Langenau als Letzter seinen König umlegen. Die Zuschauer, die bis zum Schluss die Partien verfolgten, bewunderten die Energieleistung des Simultanspielers und die des Simultangebers, Braingames-Weltmeister Wladimir Kramnik. Der Russe drehte insgesamt 5 Stunden und 34 Minuten seine Kreise und spielte sich somit in seinem 26. Geburtstag hinein. Zu guter Letzt blieben der Vereinslose Christoph Driftmann aus Frankfurt und Georg Regis (TuS Dotzheim) übrig. Diese Züge wurden für beide Amateure ein Gänsehaut-Erlebnis. Kramnik schnappte sich einen Stuhl, setzte sich - wie in einer regulären Turnierpartie - den Beiden gegenüber. Auge in Auge nahmen die Kontrahenten die Endspielstellungen ins Visier.

Der Russe gilt als einer der wenigen Spieler, der äußerst selten verliert. Auch bei dem Simultan am Sonntag bilanzierte er keinen Verlust. Allerdings gewährte er sieben Remis; die restlichen 33 Partien konnte er zu seinen Gunsten entscheiden. Das erste kleine Prestigeduell hat damit der Fide-Weltmeister Anand hauchdünn gewonnen. Er verlor zwar zwei Partien beim Simultan am Vortag, willigte aber auch nur zweimal in ein Remis ein - damit stand der Vergleich 37:36,5 für den Inder.

Der Erste, der seine Partie beendet hatte, war der Schirmherr der Chess Classic und Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel, der bereits im Vorjahr in Frankfurt gegen Kasparow ein Remis erreicht hatte. Obwohl er in der Partie eine aussichtsreiche Stellung erreichte, bot er Kasparow das Remis an. Vielleicht ging Kramnik in Kenntnis dieser seine Begegnung mit dem Politiker vorsichtig an: Er vermied seine gewohnten geschlossenen Stellungen. Es entstand eine Spanische Partie, die der ehemalige Oberliga-Spieler hervorragend behandelte. Mit einem feinsinnigen Springermanöver erreichte Beutel eine leicht bessere Stellung. Dies sah Kramnik offenbar auch so. 17. Sd2 schob er ein Remisangebot nach, das der verdutzte Beutel nach vorheriger Nachfrage, ob er die Offerte richtig verstanden habe, annahm. Aus seiner Sicht ein befriedigender Ausgang: "Es ist ein schönes Gefühl, gegen die Weltmeister noch unbesiegt zu sein", jubilierte das Stadtoberhaupt und ergänzte, "das Remisangebot war sicher auch eine freundliche Verbeugung vor der Stadt und ihrer Leistung für die Chess Classic Mainz."

Beutels Brettnachbar, Organisator Hans-Walter Schmitt, hatte weniger Glück. Seine Stellung schien ausgeglichen, deshalb lehnte er sich schon mal ein wenig zurück und scherzte mit den Zuschauern. Vollkommen unerwartet ereilte ihn der Hammerzug 18.h4!! und plötzlich brannte das Brett. Schon wenige Züge später musste Schmitt den König umlegen.

Eine kurze Partie spielte auch der Chef-Koch des Hilton Mainz, Dirk Maus. "Kramniks Züge sind einfach kriminell", resümierte der Kochkünstler. Ich habe schon lange nicht mehr Schach gespielt und war immer noch der Meinung, dass Kasparow Weltmeister ist. Hans-Walter Schmitt hat mich aber aufgeklärt und mir einen Platz im Simultan angeboten. Es war ein tolles Erlebnis, obwohl ich für Kramnik nur eine leckere Vorspeise war. Ich werde mich auf jedem Fall wieder in Zukunft intensiver mit dem Spiel beschäftigen." Kurz nach der Partie verschwand der "Herr der Töpfe" wieder in der Küche, um die Speisen für das "Champions Dinner" vorzubereiten. "Ich habe mir schon einige tolle Sachen einfallen lassen, zum Beispiel das ‚Sorbet der Weltmeister' und zum Nachtisch ein Schachbrett aus Marzipan. Ich bin eben der Meister des Marzipans, Kramnik der Meister des Schachs."

Unter den sieben Spielern, die ein Remis erreichten, waren auch zwei Lokalmatadoren: Verena Rotermund vom 1. FC VO Mainz und Volker Kropp, der für SV Mainz-Mombach spielt. Sicher ein Indiz, dass die Chess Classic in eine Stadt übergesiedelt sind, in der man etwas vom königlichen Spiel versteht.

 

entega Simultan

Vladimir Kramnik

24. Juni 2001

Nr.

Name

Vorname

Verein

DWZ

Ergebnis

1

Körnlein

Daniel

SC Frankfurt-West

1467

0,0

2

Somov

Ivan

SC Sankt Petersburg

k.A.

0,0

3

Quist

Sven

SAbt. TSV Langenau

2103

0,0

4

Moroder

Mainhard

SK Xanten

1476

0,0

5

Barth

Claus-Dieter

Landskron-Altheim

2071

0,0

6

Sedelmayr

Werner

SK Caissa Augsburg

1739

0,0

7

Gypser

Andreas

SK 1921 Ludwigshafen

2163

0,5

8

Zweschper

Erich

SVG Eppstein

2031

0,0

9

Till

Heinz

SV Hofheim

1335

0,0

10

Weiß

Ingo

SC 1981 Ehlscheid

1300

0,0

11

Driftmann

Christoph

Frankfurt

k.A.

0,0

12

Resa

Farid

SC Lerchenberg

1507

0,0

13

Jaeck

Vincent

SC Ingelheim

1901

0,0

14

Lehner

Thorsten

Sfr. Erbach

1842

0,0

15

Depner

Jochen

TuS Damm

1800

0,5

16

Regis

Georg

SAbt. TuS Dotzheim

2087

0,0

17

Haus

Frank

SV Gummersbach

1599

0,0

18

Böttcher

Fred

Frankfurt

k.A.

0,0

19

Hofmann

Michael

SK 1926 Paderborn

1606

0,0

20

Blum

Rainer

SK Holsterhausen

1913

0,0

21

Oldigs

Adolf

Büsumer SV / CB

1533

0,5

22

Freitag

Georg

Frankfurt

k.A.

0,0

23

Kropp

Volker

SV Mainz-Mombach

2054

0,5

24

Eidam

Horst

Krostitzer SV

1889

0,5

25

Fietz

Harald

SGEM Rochade Kuppenheim

2004

0,0

26

Miklos

Robert

SGEM Rochade Kuppenheim

1871

0,0

27

Noppes

Sven

SF Deizisau

1625

0,0

28

Drebes

Günther

SC Frankfurt-West

1802

0,0

29

Zemke

Christine

TSV Schott Mainz

1785

0,0

30

Rotermund

Verena

1.FC VO Mainz

1804

0,5

31

Borik

Anette

k.A.

0,0

32

Schneider

Jörg

SF Mainz 1928 / LRP

1991

0,0

33

Maus

Dirk

CK Hilton Mainz

k.A.

0,0

34

Maatz

Andreas

DeTeCSM / ORDIX

k.A.

0,0

35

Wirth

William

CREDIT SUISSE GROUP

k.A.

0,0

36

Stein

Christian

Alzey

1376

0,0

37

Reitz

Gerhard

Berufsgenossenschaft Leder Mainz

k.A.

0,0

38

Lucht

Hans-Clemens

LRP-Vorstandsvorsitzender i.R.

k.A.

0,0

39

Beutel

Jens

SV Mainz-Mombach

2071

0,5

40

Schmitt

Hans-Walter

Frankfurt Chess Tigers

1961

0,0