Wladimir Kramnik

Russland, geb. 25. Juni 1975

Elo 2797, Nr. 2 der Weltrangliste

Wladimir Kramnik ist schier unbezwingbar. Im Vorjahr blieb der 25-jährige in 82 Turnierpartien ungeschlagen, ehe der Engländer Michael Adams die phänomenale Serie beendete. Kramnik tröstete sich im Juli 2000 damit, dass er beim anschließenden Match gegen Garri Kasparow sowieso die ein oder andere Partie aufgeben müsse. Doch bei der Weltmeisterschaft in London, die die Firma Braingames mit dem vom Weltverband FIDE abgespaltenen Kasparow austrug, vollbrachte Kramnik eine noch größere Leistung als in den 82 Begegnungen: Der Moskauer schlug den vielleicht besten Schachspieler aller Zeiten nicht nur mit 8,5:6,5. Er trieb seinen russischen Landsmann zur Verzweiflung, konnte doch Kasparow das "Betonschach" seines einstigen Sekundanten kein einziges Mal durchdringen. Ohne Niederlage, mit zwei Siegen und 13 Remis stieß Kramnik den 15 Jahre lang herrschenden Weltmeister vom Thron. Im Vorjahr belegte Kramnik im Giants-Turnier, an dem die sechs weltbesten Großmeister teilnahmen, Rang drei mit 5:5 Punkten hinter Viswanathan Anand (7,5:2,5) und Kasparow (6:4). Einen dramatischen Zweikampf bei den Chess Classic hatte sich der Weltmeister vom Schwarzmeer - in Tuapse erblickte Wladimir das Licht der Welt - bereits 1998 mit Anand geliefert. Im Finale unterlag Kramnik seinem diesjährigen Widersacher trotz mehrfachen Vorteils in der Verlängerung mit 3:4. Genau umgekehrt steht der Score im Vergleich der Turnierpartien, in denen der Braingames-Weltmeister mit 4:3 (bei 25 Unentschieden) führt. Die erste Begegnung trugen die beiden Champions 1989 in Moskau aus, als der 13-jährige Kramnik auf den 19-jährigen Inder traf. In der Gesamtbilanz liegt Anand in Front (siehe sein Porträt).


"Ich freue mich auf Vishy"

Interview mit Wladimir Kramnik vor dem LRP-"Duell der Weltmeister" in Mainz

Wladimir Kramnik ist der Spieler des Jahres 2000. Dank seines Erfolgs bei der Braingames-WM über den seit 15 Jahren herrschenden Garri Kasparow, dem er keinen einzigen Sieg gönnte, gewann der Sohn eines Bildhauers und einer Klavierlehrerin aus Tuapse (Schwarzes Meer) den Schach-Oscar. Mit 3796 Stimmen lag der Russe vor Viswanathan Anand (3410). Der Inder wurde im Vorjahr Weltmeister des Weltverbandes Fide und trifft vom 26. Juni bis 1. Juli (täglich 17.30 Uhr, außer sonntags 15 Uhr; Donnerstag ist spielfrei) in der Mainzer Rheingoldhalle auf Kramnik. Der ehemalige Bundesligaspieler von Empor Berlin, der während der Chess Classic Mainz seinen 26. Geburtstag feiert, freut sich auf das LRP-"Duell der Weltmeister", auch wenn es dabei um viel Prestige geht. Überhaupt wirkt Kramnik seit dem WM-Gewinn, der sein "höchstes Ziel" war, viel gelöster und offener. Manches sieht er weit weniger verbissen als die Konkurrenz. Dies kommt auch im Interview zum Ausdruck, das Hartmut Metz mit Wladimir Kramnik führte.

Metz: Herr Kramnik, in einem offenen Brief zusammen mit Anatoli Karpow und Garri Kasparow äußerten Sie "Besorgnis" über den Umgang des Weltverbandes Fide mit der Bedenkzeit, der Geschichte der Schach-Weltmeisterschaften und der Behandlung der Organisatoren, die alle unter die Fuchtel des Weltverbandes gestellt werden sollen. Das Schreiben hat einige erstaunt. Vor allem die Allianz der Erzrivalen Karpow und Kasparow. Drängte diese Ihr Anliegen in den Hintergrund?

Wladimir Kramnik: Der Brief wirkt natürlich zunächst so, als ob sich Karpow, Kasparow und Kramnik gegen die Fide zusammenschließen. Das ist aber kompletter Blödsinn. Es bedeutet weder einen Schulterschluss des Trios noch ein Komplott gegen die Fide. Ich, Karpow und Kasparow vertreten bei verschiedenen Themen unterschiedliche Positionen, aber bezüglich der Punkte in unserem Brief stimmen wir ziemlich überein. Deshalb unterschrieben wir ihn - und ich bin zuversichtlich, dass einige andere Großmeister den Brief ebenfalls unterzeichnen. Von meiner Warte aus geht es nicht gegen die Fide, sondern nur um deren Politik. Ich fordere einen Dialog, wenn es um so wichtige Fragen wie die Zeiteinteilung geht. Es kann nicht sein, dass das über die Köpfe der Spieler hinweg entschieden wird. Wir erheben nicht einmal Anspruch auf irgendetwas, stattdessen wollten wir nur eine Diskussion in Gang setzen.

Metz: Heftige Reaktionen löste der Brief aus, aber in anderer Weise als erhofft ...

Kramnik: Allerdings. Es liegt mir aber wirklich fern, die Fide zerstören zu wollen oder mit Karpow und Kasparow eine unheilige Allianz zu schmieden. Ich bin überzeugt, Karpow und Kasparow besitzen weiterhin vielerlei unterschiedliche Standpunkte ... Selbstverständlich sind wir Rivalen, aber auch Schachspieler und Kollegen. Deshalb können wir gemeinsam einen Brief unterschreiben, hinter dessen Aussagen wir stehen.

Metz: Viswanathan Anand, Alexej Schirow und einige andere Großmeister konterten mit einem eigenen Schreiben. Auf welche Seite schlugen sich Ihrer Ansicht nach die Kollegen mehrheitlich?

Kramnik: Manche pflichteten uns bei, die anderen nicht und die Dritten waren gegen beide Schreiben. Das ist normal. Ich glaube jedenfalls, dass unser offener Brief bei vielen auf Gegenliebe stieß.

Metz: Das empörte Schreiben von Anand, Schirow&Co. scheint mir indes mehr Zustimmung gefunden zu haben, auch wenn das weniger mit den Aussagen zu tun hatte. Sie selbst forderten eine demokratische Entscheidung der 100 oder 200 stärksten Spieler - auch auf die Gefahr hin, dass diese die Zeiteinteilung letztlich doch anders beurteilen als die drei großen K.

Kramnik: Auf jeden Fall sollten die Schachspieler gefragt werden, besonders die stärksten. Und ihre Meinung sollte in Betracht gezogen werden. Mehr will ich nicht. Deshalb befremdete mich die scharfe Reaktion der anderen Großmeister.

Metz: Der Ton des Schreibens klingt wie eine Kriegserklärung.

Kramnik: Ja, exakt. Dabei pflichte ich dem Großteil auch dieses Briefs bei. Er sollte ein Widerspruch zu unserem sein. Doch tatsächlich widerlegt er gar nichts. Zwei Punkte missfallen mir an dem Schreiben: Zum einen ist es aggressiv und despektierlich. Wir sind doch zivilisierte Menschen und sollten die Ansichten anderer akzeptieren. Ich respektiere die Meinung aller Unterzeichner und bin zum Dialog mit ihnen bereit. Zum anderen schneiden sie in dem Brief persönliche Dinge an. Das könnte ich auch bei jedem Spieler machen, doch es geht hierbei um die Sache. Eine konstruktive Diskussion sollte in Gang gesetzt werden. Diese Schuldzuweisungen an jeden führen zu nichts. Ich bin gerne bereit, auch weiterhin die gleichen Ziele beider Schreiben zu verfolgen und zu erörtern - aber bitte auf einem anderen Niveau.

Metz: Können Sie nach all den Alleingängen von Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow überhaupt zuversichtlich sein, die von ihm beschlossene kürzere Bedenkzeit abzuwenden?

Kramnik: Ich habe diesen Brief genau deswegen unterschrieben. Die Öffentlichkeit soll erfahren, dass wir Probleme in der Schachwelt haben. Es ist für mich sonnenklar, dass die Vermarktungsprobleme des Schachs nicht wegen der Bedenkzeit bestehen. Im Gegenteil, die momentane Bedenkzeit empfinde ich als exzellent und sollte unangetastet bleiben. Wir spielen dabei gutes, ernsthaftes Schach - und daneben existieren Schnellschach- und Blitzturniere. Vor allem von Letzteren sollte es mehr geben, denn sie stellen eine famose Show für Zuschauer dar. Die Basis müssen aber Turniere mit der traditionellen Bedenkzeit bilden, um das Niveau nicht absichtlich zu senken. Die Absicht der Fide scheint darin zu bestehen, Schach billiger, primitiver zu machen, weg von der Kunst und der Wissenschaft. Ich warne vor einem Schnellschuss bei der Zeitverkürzung, weil es dann kaum einen Weg zurück gibt. Diese revolutionäre Entscheidung muss deshalb sorgfältig geprüft und diskutiert werden. Ansonsten verkürzt man die Bedenkzeit vergebens auf 25 Minuten, dann auf noch weniger und am Ende spielen wir Ein-Minuten-Partien. Das wäre zwar für die Zuschauer am spektakulärsten, es wäre aber kein Schach mehr. Ich bin zuversichtlich, dass die Fide unsere Meinung zur Kenntnis nimmt und die Spieler befragt.

Metz: Meines Erachtens erhitzte sich die Debatte hauptsächlich wegen der Titel, die unter den Unterschriften zu finden sind. Speziell Ihre Ziffer als 14. Weltmeister. Als ich mit Viswanathan Anand darüber sprach, hob er hervor, Alexander Chalifman und ihm stünde das Etikett als die Weltmeister 14 und 15 der Schach-Geschichte zu.

Kramnik: Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um meinen Standpunkt zu veranschaulichen: Zunächst einmal juckt es mich überhaupt nicht, welche Nummer ich habe. Das macht überhaupt keinen Unterschied. Wenn man aber pedantisch oder sehr präzise sein will, muss man auch den Modus der heutigen Weltmeisterschaften beäugen. Die Fide-WM hat, so wie sie im K.o.-Modus durchgeführt wird, überhaupt keine Verbindung zum traditionell gewachsenen Titel von Lasker, Steinitz oder Aljechin. Diese 14 Weltmeister, wenn Sie mich dabei als 14. Weltmeister zählen, verbinden Zweikämpfe, nach denen der Sieger des Finales Weltmeister war. Diese Geschichte ist älter als die Fide. Erhebt sie den Anspruch, ihr System sei das richtige und ich kein legaler Weltmeister, soll der Verband neu zu zählen beginnen und sich nicht auf Lasker, Capablanca und Aljechin berufen. Logisch betrachtet liegen sie völlig daneben. Generell ist mir aber gänzlich egal, was die zusammenzählen.

Metz: Welche Ziffern würden Sie Chalifman und Anand zuordnen?

Kramnik: Ich weiß nicht, welche Ziffern man Vishy und Alexander zuordnen sollte. Vielleicht Nummer eins und zwei einer neuen Zeitrechnung. Wenn sie aber auf Nummer 14 und 15 beharren, schert es mich ebensowenig.

Metz: Sie sehen das also weit gelassener als Chalifman und Anand.

Kramnik: Genau. Logisch ist es nicht, aber mich bekümmert es nicht, was für Zahlen vergeben werden.

Metz: Wenn die WM-Titel unterschiedlicher Natur sind, sehen Sie dann überhaupt Grund zu einem Vereinigungsmatch?

Kramnik: Oh ja, dazu kann es sicher in Zukunft kommen. Ich denke, dass die derzeitige Situation im Schach durch die zwei Titel alles andere als glücklich ist. Der Graben, das wird in dem Brief betont, soll nicht noch größer werden. Die Situation stellt sich momentan so dar, dass einige große Schachspieler nicht mögen, was die Fide zu machen versucht. Es könnte noch mehr drohen als die bisherigen zwei Fronten mit der Fide und Kasparow. Dass sich diese noch mehr verhärten, möchte ich vermeiden, weil die Trennung generell schlecht für die Schachwelt ist. Daher wäre es großartig, eine Wiedervereinigung zu erreichen, eine Art von Wiedervereinigung. Diese muss unter bestimmten Bedingungen erfolgen. Wir können nicht einfach morgen anfangen zu spielen - und danach herrscht das gleiche Chaos wie zuvor.

Metz: Was muss man also vor dem Match tun?

Kramnik: Auf jeden Fall sich Gedanken darüber machen, wie es nach solch einem Zweikampf weitergeht.

Metz: Als Sie den unversöhnlichen Garri Kasparow entthronten und Viswanathan Anand Fide-Weltmeister wurde, waren die Schachfans zuversichtlich, bald ein Vereinigungsmatch zu sehen. Schließlich wirken Sie beide weniger verbohrt und verstanden sich sehr gut. Die Euphorie ebbte inzwischen ab.

Kramnik: Meine Beziehung zu Vishy ist weiterhin okay, wir haben keine Probleme miteinander. Es fehlt jedoch auch an einem Organisator. Erst kündigte die Fide an, sie wolle solch ein für die Medien attraktives Duell ausrichten, wandte sich aber nie an mich. Bedauerlicherweise sagten sie wieder einmal etwas und taten das Gegenteil. Ich stehe dazu, dass ich unter bestimmten Bedingungen ein Vereinigungsmatch erwäge. Die Fide muss hierbei aber den ersten Schritt unternehmen. Momentan macht der Verband ihn jedoch nicht, vielleicht ändert sich das. Wie auch immer, ich werde versuchen, meinen eigenen WM-Zyklus nach traditionellem Muster zu organisieren.

Metz: Sie sprachen von bestimmten Bedingungen, die für ein Wiedervereinigungsmatch erfüllt sein müssten.

Kramnik: Zum Beispiel ist mir wichtig, dass die Bedenkzeit bei der WM nicht verkürzt wird. Es ist auch das gute Recht der Fide, ihre Weltmeisterschaft auszutragen, wie sie es will. Ich mag dieses WM-System aber nicht und kann mich nicht damit arrangieren. Zeigt sich die Fide bei diesen zwei wesentlichen Punkten verhandlungsbereit, spiele ich auch gerne um den Titel.

Metz: Im Oktober spielen Sie unter der Ägide Ihres WM-Sponsors Braingames in Bahrain einen mit einer Million Dollar dotierten Wettkampf gegen das Programm Deep Fritz.

Kramnik: Es wird sicher noch härter als die Computer-Wettkämpfe im Vorjahr bei den Chess Classic in Frankfurt oder in Dortmund. Da ich den Vergleich als Revanche für die Niederlage von Kasparow gegen Deep Blue ansehe, will ich diese Revanche nehmen.

Metz: Plant Braingames zudem den von Ihnen vorher angesprochenen WM-Zyklus zu unterstützen? Lange Zeit herrschte ja diesbezüglich Funkstille nach Ihrem Sieg über Kasparow.

Kramnik: Ich will jetzt noch nicht in Details gehen, aber Braingames arbeitet an einem neuen WM-Zyklus und steht in Verhandlungen mit weiteren Sponsoren. Warten wir ab, was da herauskommt. Ich glaube, dass es gelingt, ein WM-System im Geiste der bisherigen Tradition fortzuführen. Das wäre gut für die Schachwelt und alle Profis. Übrigens wurden in dem anderen Brief auch ungeprüfte Vorwürfe gegen Braingames übernommen. Dagegen reichte die Firma Klage ein. Es zeugt auch von schlechtem Stil, Gerüchte einfach so zu verbreiten, ohne sie auf den Wahrheitsgehalt zu kontrollieren.

Metz: Sie setzen also weiterhin auf Braingames als Sponsor?

Kramnik: Generell sehe ich der Zukunft optimistisch entgegen. Ich führte Gespräche mit dem neuen Fide-Vermarkter Octagon. Dabei gewann ich den Eindruck, dass sie sehr professionell arbeiten und interessante Pläne haben. Ich kann mir gut vorstellen, in einigen Bereichen mit ihnen zu kooperieren. Es ergaben sich neue Möglichkeiten, vielleicht wegen der Veränderungen im vergangenen Jahr: Ich wurde Weltmeister, Vishy wurde Fide-Weltmeister, so kam Bewegung in die fest gefahrene Szenerie. Es war nicht Garris Fehler, aber er befand sich so lange an der Spitze, dass es einfach Stagnation gab. Jetzt fühle ich, dass ein frischer Wind weht. Jetzt müssen wir nur hoffen, dass alles in die richtige Richtung geht. Ich bin zu allen Verhandlungen mit Braingames, Octagon ... bereit.

Metz: Laut einer Umfrage im Internet schätzt die Mehrheit der Amateure den früheren WM-Zyklus mehr als die K.o.-WM.

Kramnik: Beim K.o.-Modus der Fide-Meisterschaft sehe ich positive wie negative Entwicklungen. Die Diskussion darüber verläuft sicher sehr kontrovers. Ich sollte eventuell für einige Schachzeitungen einen Artikel über meine Meinung zu dem Thema verfassen. Wenn ich Zeit habe, mache ich das. Ich werde dann meine Einschätzungen zu allen aktuellen wichtigen Fragen des Schachs logisch zu begründen versuchen.

Metz: In Mainz steht nun das Duell der Weltmeister an. Dabei geht es um viel Prestige.

Kramnik: Es ist natürlich prestigeträchtig, auch wenn ich mein Hauptaugenmerk auf die Wettbewerbe mit klassischer Bedenkzeit lege. Ich nehme den Zweikampf sehr ernst und bereite mich entsprechend vor. Für mich ist es sehr schwer, weil Vishy im Schnellschach besonders stark ist.

Metz: In der Weltrangliste stehen Sie beide mit 2797 Elo gegenüber den 2794 von Anand dicht beisammen. Besteht Ihr nächstes Ziel darin, die magische Marke von 2800 zu durchbrechen?

Kramnik: Mein Ziel ist es, Schach zu spielen und es zu genießen, wenn ich gut spiele. Ob ich dann zwei Elo mehr oder weniger habe ... Durch das Turnier in Astana sollte ich aber auf 2801 kommen.

Metz: Wie Viswanathan Anand nach seinem Turniersieg in Mexiko!

Kramnik: Das ist fein. Dann spielen wir zumindest am 1. Juli das erste Match der Kategorie 23 mit zwei Spielern über 2800! Zwischen Vishy und mir geht es schon seit Jahren stets hin und her. Mal liegt er vorne, mal ich. Das Wechselspielchen kann sich noch ein Weilchen fortsetzen, wobei ich auch durchaus Platz eins miteinbeziehe. Im vergangenen Jahrzehnt spielten Vishy, Kasparow und ich das beste Schach. Ich kann mir angesichts unseres Spielniveaus vorstellen, dass wir auch in den nächsten fünf Jahren das Geschehen dominieren.

Metz: Sie peilen demnach das Ziel an, die Nummer eins zu werden?

Kramnik: Sie meinen nach Ratingzahlen?

Metz: Ja, Sie lagen schon vorne.

Kramnik: Um ehrlich zu sein: Es ist weit wichtiger, Weltmeister zu sein (lacht herzhaft)! Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass Garri sofort mit mir tauschen würde (grinst). Das heißt aber nicht, dass ich ihn nicht auch in der Weltrangliste schlagen möchte. Er ist jedoch weiterhin ein exzellenter Spieler, besonders in Turnieren, besonders da. Dank seiner glänzenden Vorbereitung und seinem Stil erreicht er stets hervorragende Performance-Zahlen. Das bedeutet nicht, dass er stärker als ich oder Vishy ist. Die Ratingzahlen werden eben vor allem in Turnieren bestimmt. Es wird nicht leicht, ihn zu überflügeln, ich versuche es aber dennoch.

Metz: In Turnieren macht sich Kasparows bessere Eröffnungsvorbereitung bezahlt?

Kramnik: Ja, exakt. Diese und sein Stil.

Metz: Während Sie und Anand hie und da ein Remis abgeben, erledigt er die Spieler aus der zweiten Reihe mit tödlicher Präzision.

Kramnik: Ja, gegen Spieler mit niedrigerer Elo-Zahl ist er klar besser als jeder andere. Das zeigt sich bei allen Turnieren. Er spielt natürlich auch gut gegen andere Topspieler, allerdings nicht sonderlich besser als ich und Vishy, wenn überhaupt. Die untere Turnierhälfte beschert ihm aber stets den ersten Platz und die Resultate.

Metz: In einem Match sähe das anders aus?

Kramnik: In einem Zweikampf sind andere Qualitäten gefordert. Dabei schlägt sein aggressiver Stil, sein aggressives Eröffnungsrepertoire weniger als in den Turnieren durch. Das sah man in London. Was Turniere anlangt, würde ich aber gerne unser Eröffnungsrepertoire tauschen ...

Metz: Trotzdem erstaunlich, dass Kasparow Sie kein einziges Mal bei der WM bezwingen konnte. Auch sonst schafft er nie mehr als ein Remis. Ihr Erfolgsgeheimnis?

Kramnik: Ich habe keine Angst vor Kasparow. Er war mein Lehrer, und ich kenne ihn als sein früherer Sekundant gut und weiß seine Schwächen auszunutzen.

Metz: Die da wären?

Kramnik: Das behalte ich besser für mich.

Metz: Zurück zum Duell der Weltmeister: Ungeachtet der drei Elo Unterschied gilt Anand als der Favorit. Im Vorjahr trumpfte er bei den Chess Classic auf und gewann ungeschlagen und deutlich das Giants vor Kasparow und Ihnen. 1998 lieferten Sie sich hingegen mit Anand ein begeisterndes Finale, in dem Sie in der Verlängerung bis zum 3:4 mehrfach den Sieg verpassten. Welchen Ausgang tippen Sie im LRP-Duell für 2001?

Kramnik: Ich bin kein Wahrsager, sondern versuche als Spieler mein Bestes zu geben. Was ich aber sagen kann: Vor meinem WM-Match gegen Garri in London galt er auch als Favorit (grinst) ... Mit den 25 Minuten Bedenkzeit und zehn Sekunden pro Zug dazu ist Vishy bestimmt nicht schlechter als Kasparow, wenn nicht gar stärker. Das erschwert die Aufgabe, ich bin jedoch auch kein Waisenknabe und wenn ich gut spiele ... Im Vorjahr war ich bei den Chess Classic mehr mit den Gedanken beim anstehenden Match gegen Kasparow und wollte keine Eröffnungsideen verraten. Es war mehr Training für mich, deshalb gelang mir kein besonderes Ergebnis. Dieses Mal wird es ganz anders sein: Ich nehme den Zweikampf weit ernster und bin der Überzeugung, dass ich Chancen habe zu gewinnen!

Metz: Haben Sie diese Zuversicht aus Ihrem genialen Finalsieg in Zürich über Kasparow gesogen?

Kramnik: Klar (lacht)!

Metz: Bedauern Sie, dass er als "Opfer" diesmal bei den Chess Classic fehlt? Er wird wieder behaupten, Sie fürchteten ihn und er sei deswegen rausgeboxt worden.

Kramnik: Nein. Ich liebe es, gegen ihn anzutreten. Ich mag es, gegen die Besten zu spielen, das ist meine Einstellung. Ich würde es daher begrüßen, wenn auch Kasparow in Mainz dabei gewesen wäre - so aber freue ich mich auf Vishy.