Alle lieben den Tiger

Indische Schach-Journalisten auf Europatournee

Von Hartmut Metz

 

Die indische Schachpresse in Deutschland (sitzend v. l.): Vijay Kumar, Manisha Mohite, V Krishnaswamy; stehend (v. l.): Arvind Aaron, R. R. Vasudevan

 

"Noch führen wir 5:2", ulkte Arvind Aaron, als der zweite deutsche Journalist das Pressezentrum der Chess Classic Mainz betrat. Während die hiesigen Medien erst nach Beginn des "LRP-Duell der Weltmeister" zwischen Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik die Rheingoldhalle bevölkerten, rückten bereits am Samstag fünf Schach-Inder an. Das Quintett interessierte sich nur am Rande für das mit 37 Großmeistern besetzte Ordix Open. Für die Schar vom Subkontinent war der sportlich bedeutungslose Schaukampf Anands am Abend viel, viel wichtiger. Im Zweifelsfall interessiert am Ganges mehr, dass der Weltmeister mit seiner Ehefrau Aruna am Montag fünf Flaschen Vittel-Mineralwasser eingekauft hat.

Seit 1992 verfolgt Aaron den Großmeister zu fast allen Turnieren. "Ja, ich bin sicher öfter mit ihm unterwegs gewesen als seine Frau", sagt der 37-Jährige nicht ohne Stolz. Sein Vater Manuel Aaron war zwei Jahrzehnte der einzige Internationale Schach-Meister Indiens und kassierte 1961 eine Niederlage gegen die Legende Bobby Fischer, die Eingang in dessen Buch "Meine 60 denkwürdigen Partien" fand. Dass das königliche Spiel die Leser interessiert, erkannte zunächst nur "The Hindu". Das zweitgrößte Blatt des Landes mit weit über 20 Millionen Lesern heftete Aaron an die Fersen Anands. Zwischen dem aufsteigenden Stern und dem Reporter entwickelte sich eine Freundschaft. So war es für ihn auch leichter, mal wieder an die alltäglichsten Informationen zu kommen, wenn die Redaktion in der Heimat nach einem Text "mit 3.000 Wörtern" lechzte.

Während die indische Filmindustrie ihre Liebesschnulzen bevorzugt in den Schweizer Alpen anstatt im Himalaya dreht, kennt Vijay Kumar seit drei Jahren fast nur noch ein Thema: Anand. Mit über 4.500 gesendeten TV-Stunden fand der emsige Regisseur Eingang ins "Guinness-Buch der Rekorde". Seinen Weltrekord steigerte der Chefproduzent des Sportkanals Doordarsham in Mainz um weitere vier Stunden für acht unterschiedliche Programme, die etwa 60 Prozent aller Fernsehbesitzer ansprechen werden. 60 bis 70 Millionen hocken gespannt vor dem Bildschirm, wenn die Züge über die Mattscheibe flimmern. Während die knapp 100.000 Vereinsspieler in Deutschland froh wären, würde einmal im Monat über ihr Hobby berichtet, verwöhnte der berühmte Kumar die Fans des "Tigers von Madras" allein im Dezember während der WM des Weltverbandes Fide mit 26 Stunden Sendezeit.

Gebannt verfolgten die Inder auch im Internet den Triumphzug des neuen Weltmeisters in Neu Delhi und Teheran. Chaturangam.com verbuchte pro Tag über eine Million Zugriffe. Kein Wunder, meint deren Berichterstatter R. R. Vasudevan, "Vishy ist wunderbar. Was er alles für Schach in unserem Land tut!" Der immer zu einem Scherz aufgelegte Superstar steht seinen Landsleuten stets bereitwillig Rede und Antwort. Vasudevan sowieso, denn mit ihm spielte er früher im Tal Chess Club von Madras. "Vishy ist ein fantastischer Spieler und denkt unheimlich schnell. Schon als Kind gewann er viele Blitzturniere mit 9:0 Punkten oder konnte stundenlang nicht bei Wettbewerben vom Brett verdrängt werden, bei denen nur der Gewinner sitzen bleibt", erinnert sich der Schachexperte von Chaturangam.com, auf deren Webseiten Anands Partien live zu verfolgen sind.

Schach hat mittlerweile in den Gazetten Tennis und Hockey in der Beliebtheitsskala auf die Plätze drei und vier verdrängt. V. Krishnaswamy konnte so seinen Job als Sportchef des am weitesten verbreiteten Indian Express - früher leitete er das Ressort der größten indischen Zeitung, Times of India, mit rund 30 Millionen Lesern - an den Nagel hängen und schreibt nur noch über Golf und das königliche Spiel. Gestern der gebürtige Inder Vijah Singh (Fidschi-Inseln) und Tiger Woods, heute Anand. Nur an Cricket kommt der eloquente wie charismatische Denkakrobat nicht vorbei. "Trotz aller Skandale bleibt das die Nummer eins. Bei wichtigen Cricket-Spielen steht in Indien alles still", berichtet Manisha Mohinte, die den Deccan Herald (mit 600.000 verkauften Exemplaren Südindiens führendes Blatt) mit allem über den Weltmeister versorgt. Aber inzwischen nicht mehr nur über den. Anand wurde zum Vorbild für viele Talente des Milliarden-Volkes, die manchen Russen bei den Nachwuchs-Weltmeisterschaften von den ersten Plätzen verdrängten. Die potenziellen Nachfolger des Weltmeisters, Sasikiran und der erst 15-jährige Harikrishna, spielen nächsten Monat in der Schweiz. Die Reiseroute des indischen Journalisten-Trosses lautet deshalb Mainz, Dortmund, wo Anand ebenfalls antritt, und Biel. Im Pressezentrum der Chess Classic wird bereits gewitzelt, dass in ein paar Jahren wahrscheinlich "das ganze Hotel während des Turniers durch Schreiber-Inder belegt sein wird".