Das Duell der Weltmeister

 

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Tag 3:

Rationalität besiegt Intuition

Anand kontert Kramniks Wagemut kühl aus und erzwingt Gleichstand

Von Harald Fietz

 

Spannender kann der Spielstand im "LRP-Duell der Weltmeister" vor den Wochenendrunden nicht sein. Mit jeweils einem Sieg und vier Unentschieden haben beide Kontrahenten noch die Chance, dass erste Aufeinandertreffen in einer Matchserie für sich zu entscheiden. Zur Hälfte des Zweikampfs konnte Fide-Weltmeister Viswanathan Anand mit einem Schwarzsieg ausgleichen. Die zweite Partie des dritten Tages mündete rasch in eine Stellung, in der keine Seite ernsthafte Gewinnversuche wagen konnte.

Viswanathan Anand war nach dem dritten Tag froh, den Ausgleich geschafft zu haben. Die Frage eines Journalisten, ob er die ersten vier Partien nochmals Revue passieren lassen könne, ließ der Inder lieber unbeantwortet. "Ich will nicht zurückblicken", gestand der 31-Jährige stattdessen. Kein Wunder, wirkte er doch zum Auftakt des "LRP-Duells der Weltmeister" eher unkonzentriert. Der Tag Pause schien ihm indes gut zu tun; allerdings profitierte er davon, dass sich Wladimir Kramnik nicht mit seinem berühmten Sicherheitsstil versteckte, sondern den offenen Kampf suchte.

Mit einer 2,5:1,5-Führung im Rücken begann die fünfte Partie in der mit 400 Zuschauen gut gefüllten Rheingoldhalle schwungvoll. Mit den weißen Steinen wollte der Braingames-Weltmeister im Angenommenen Damengambit eine Vorentscheidung erzwingen. Es schien, als ob der Inder auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Jedenfalls rätselten die Kommentatoren Artur Jussupow und Christopher Lutz, warum Schwarz in dieser Variante bis Zug 15 bereits neun wertvolle Minuten seiner Bedenkzeit verbraucht hatte. Anno 1994 stand die Eröffnung - insbesondere während der Schach-Olympiade in Moskau - auf der Agenda der Großmeister. Mit dem tollkühnen Läuferopfer folgte Kramnik allerdings einem Pfad, den die Experten bereits zu den Akten gelegt hatten. Doch moderne Technik zerrt Verstaubtes ans Tageslicht: Dank eines Handheld-Computers für die Stellungseingabe, Infrarotschnittstellung und normalem Handy gelang in Windeseile der Zugriff auf Online-Datenbanken. Moderator Eric Lobron konnte so - ausgerüstet mit dem Wissen, welches das zum Pocket-Fritz-Match angereiste ChessBase-Team zusammentrug - dem erstaunten Publikum mitteilen, dass die Kontrolle des Feldes g5 mittels 17...h6 die Neuerung von Anand darstellte. Andere Züge - beispielsweise 17...g6 - wurden auch schon in den 60er Jahren von Altmeister Unzicker ausprobiert. Kramnik jedenfalls hatte keine so bereite Informationsbasis, entsprechend viel Zeit investierte er in die Suche nach Fortsetzungen. Bei Zug 20 blieben ihm noch 8:50 Minuten gegenüber 10:58 Minuten bei Schwarz. Sein 21. Zug kostete weitere drei Minuten und stellte sich in der Analyse als zu langsam heraus, um die verbliebenen Figuren rechtzeitig in Richtung entblößter Majestät zu dirigieren. Mit jedem Figurentausch kam Anand dem Match-Ausgleich einen Schritt näher. Für Hektik sorgte das Endspiel ab Zug 30. Beide Spieler agierten beim Damentausch überstürzt, als Kramnik nur eine Restbedenkzeit von 1:34 Minuten besaß, während sich Anand mit einem komfortablen Zeitvorsprung von 7:39 Minuten eigentlich hätte zurücklehnen: Beide Spieler hoben bei 29...De5 30.Dxe5 gleichzeitig ihre Damen hoch - das Übertragungssystem streikte. Rettung erschien in Person von Jan Eberspach, dem jungen Kameraexperte des Teams von Frankfurt-West, der aus seinem dunklen Kommandostand hinter der Bühne sprintete und eine Videokamera auf die 64 Felder richtete. Dank gebührt auch Großmeister Christopher Lutz, der ohne Zögern die fehlenden Züge herunterbetete - kein Problem für einen erfahrenen Profi.

Spannend war die Stellung allerdings nur im Eifer des Gefechts, kühl betrachtet handelte es sich - wie meist - um eine Sache der Technik. Die Probleme des Endspiels in der fünften Partie beschrieb Anand so: "Ich musste schauen, dass ich die drei Bauern zeitig stoppe." Während man dem "Tiger von Madras" zutrauen darf, dass er mit Läufer und Springer matt setzen kann (nichtsdestoweniger hätte mancher Fan das gerne gesehen), zweifelte er selbst daran, ob das auch mit zwei Springern gegen Bauer gelungen wäre. Kramnik drohte nach seinem Königsmarsch zum Bauern auf b2 und dem Läufer auf c1, den Turm für das Gespann herzugeben. "Die Stellung wäre vielleicht auch mit den zwei Springern gewonnen, aber die Bauern sind wohl eher zu weit vorgestoßen", bemerkte der Fide-Weltmeister. Besitzt eine Partei nur noch zwei Springer gegen den nackten feindlichen König, kann die stärkere Seite kein Matt mehr erzwingen. Verfügt der Unterlegene aber noch über einen Bauern, der mindestens drei Züge vom Umwandlungsfeld entfernt steht (bei manchen Bauern müssen es sogar mehr sein!), hätte in diesem Fall Schwarz trotzdem gewinnen können. Kramniks Aufgabe hätte folglich darin bestanden, seine drei Bauern so rasch wie möglich zu opfern. "Anand hätte das Springer-Endspiel gewonnen", glaubt Großmeister Eric Lobron. Der Moderator bei den Chess Classic Mainz hält das Endspiel für relativ leicht: "König ins Eck abdrängen, dann den zweiten Springer für das Matt heranführen." Mit einem Bauern auf dem Brett gibt es nämlich kein Patt, weil der laufen muss, während dem eigenen Monarchen dadurch alsbald der Garaus gemacht wird. Kramnik spürte, dass es eventuell "Remisstellungen gab, aber mit teilweise nur noch drei Sekunden auf der Uhr" seien diese nicht so leicht zu finden. Die weiteren zehn Sekunden pro Zug verrinnen schließlich auch immer schnell. Bei seinem mutigen Figurenopfer übersah der Braingames-Weltmeister die optimale Verteidigungsmöglichkeit für Schwarz und konnte nach dem Damentausch die drei Leichtfiguren mit Turm und drei Bauern nicht stoppen.

Nach diesem Höhepunkt bildete die erste Partie der zweiten Halbzeit eine blutarme Begegnung. Kramnik war mit dem Stellungstyp aus seinem WM-Kampf gegen Garri Kasparow vertraut, und Anand konnte mit den Zentrumsbauern d4 und e4 nichts ausrichten. Interessant könnte jedoch das psychologische Moment sein. Kramnik verzichtete auf die Berliner Mauer, um mit einer anderen Variante die Spiellaune zu bewahren. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt: Hat der Russe etwa etwas in petto, das er sich für einen finalen Coup de Grace aufsparen möchte? Spätestens am Sonntagabend werden wir wissen, wer die Sektkorken knallen lassen kann.