Das Duell der Weltmeister

 

Landesbanksparkasse Rheinland-Pfalz

  

Tag 4:

Eine Frage der Nerven

Vor dem Abschlusstag Gleichstand im "LRP-Duell der Weltmeister", weil Kramnik zwei Gewinnstellungen verdirbt

Von Harald Fietz

 

Am Ende des vorletzten Spieltags der Chess Classic Mainz erkundigte sich die Presse vorsorglich schon einmal, nach welchem Modus es bei einem Unentschieden nach zehn Partien weitergeht. Die Entscheidung im "LRP-Duell der Weltmeister", welches durch den Hauptsponsor Landesbank Rheinland-Pfalz finanziert wird, ist weiterhin vertagt - es steht 4:4. Wie das gesamte Match waren auch die Partien sieben und acht durch einen nervösen Spielverlauf und eine Vielzahl von Fehlern geprägt. Dies hält zwar den Puls der Hauptakteure und der Zuschauer hoch, fordert allerdings auch Fragen heraus, ob nicht zu viel Erwartung von außen in den Zweikampf hineingetragen wurde.

Zwar ist das traditionelle Schachland Russland nur mit einem Reporterteam präsent, doch insbesondere die indischen Medien sind in Teambesetzung angereist - und das ist sicher gut so. Tägliche halbstündige TV-Sendungen nach den Hauptnachrichten und Tagesberichte in Zeitungen mit Millionenauflage sind paradiesische Rahmenbedingungen, von denen man in Europa nur träumen kann. Will der Schachsport stärker in das Rampenlicht, dann müssen die Protagonisten auch unter erhöhtem Medieninteresse ihr bestes Spielniveau erreichen. Kein Weltklasse-Großmeister sollte sich hinter dem Argument verstecken, dass der Druck von außen ein wichtiger Faktor ist, wenn man nicht das übliche Spielniveau erreicht. Ein Schachprofi der Extraklasse muss "Aufgeregtheiten" bewältigen können: Tiger Woods, Pete Sampras und Air Jordan sind eben wegen dieser Fähigkeiten die coolen, gefeierten Stars ihrer Szene, die die höchsten Saläre einstreichen. So betrachtet kann das "Duell der Weltmeister" unter Umständen sogar eine Lehrstunde für die beiden aktuellen Weltmeister werden. Spannung allein ist kein Kriterium, gutes Schach darf erwartet werden - oder wer würde nicht aufschreien, wenn Tiger Woods an einem Fünfer-Loch seinen Kontrahenten mit 10:11 Schlägen besiegt?

Die Weltmeister, die beide heute die Schallmauer von 2800 Elo-Punkten durchbrochen haben dürften (die Homepage des Weltschachverbandes Fide hinkt mit den offiziellen Zahlen wieder hinterher), scheinen bislang noch wenig sinnfällige Erklärungen gefunden zu haben. "Ich patze in jeder Partie etwas ein, bevor ich anfange, mich gut zu verteidigen. Ich weiß nicht, warum", bilanzierte Viswanathan Anand. Kaum erhellender das Fazit von Wladimir Kramnik: "Meine stets knappe Zeit ist aber nicht der Grund für das niedrige Niveau. Wir sind beide sehr aufgeregt. Würden wir in der Küche allein gegeneinander spielen, wären wir sicher sehr viel besser. Die Medien bringen unheimlichen Druck rein. Solch einen Unfall wie in der siebten Partie habe ich noch nie erlebt. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass mir so etwas in einer Blitzpartie passierte."

Vielleicht sind es aber nicht die äußeren Rahmenbedingungen, sondern die gegensätzlichen Spielkonzeptionen des Fide- und des Braingames-Weltmeisters, welche das Umfeld für das nervenaufreibende Auf und Ab schaffen. Kramnik treibt das "psychologische Spiel" (Jussupow) auf die Spitze; seine Spielanlage strebt nach kleinen Vorteilen, die sich aufsummieren. Anand bevorzugt aggressives Nachvornepreschen, die aktive Aktion, die auf unmittelbaren Schlagabtausch zielt. Beim Aufeinandertreffen dieser Spieltypen kommt es zum ständigen Abwägen, wann jeweils der Hebel zwischen Aktion und Reaktion umzulegen ist. "Der Zweikampf ist ein Spiel der Nerven. Es steht viel auf dem Spiel, obwohl es keiner sagt", äußerte Artur Jussupow unmittelbar nach der siebten Begegnung.

Es spielen sich zwar jede Menge "Strafraumszenen" ab, aber die Fans raufen sich öfter als sonst die Haare. Gesprächsstoff boten beide Samstagspartien im Übermaß. In der siebten Begegnung wich der Russe mit den schwarzen Steinen von den offenen Systemen ab. Eine Überraschung bildete in der siebten Begegnung der frühe Damenausfall nach b6. Niemals zuvor hatte der Russe dieses Eröffnungssystem angewandt, welches in den 90er Jahren von Großmeistern aus den baltischen Staaten popularisiert wurde. Mit 8.f4 trat der Inder sofort mit einem aktiven Zug auf den Plan. Seine Absichten versteckte Anand nicht, die Rochade wurde aufgespart, ein Bauernsturm auf dem Königsflügel sollte die Entscheidung bringen. Doch just als der Aufmarsch mit der weißen kurzen Rochade abgeschlossen werden sollte, patzte der "Tiger aus Madras". Mit dem Springeropfer als Zwischenzug riss Kramnik nicht nur einen Bauern an sich, sondern eine dauerhafte Initiative. Nach diesem Wendepunkt hatten beide Spieler noch 18 Minuten Restbedenkzeit zu Verfügung. Nun verkrampfte der Russe: Zehn Züge später blieben Weiß noch 15:18 Minuten, Schwarz 8:00. Anand überführte seinen Springer nach h5 und träumte von Schwindelchancen. Vier weitere Minuten kostete den Braingames-Weltmeister die Replik 28...Dd6. Anand überreizte erneut, was einen zweiten Bauern einstellte. Nach 29.e5 kassierte Schwarz den Bauern ein, denn 30.Ld4 wäre mit 30...Lc5 gekontert worden. Doch auch dieser zweite Blackout führte nicht zum Knockout. Kramnik ersann einen seltsamen Plan, in dem er seinen Turm zur Verteidigung auf f7 stellte. Die weißen Figuren hatten einen wesentlich größeren Aktionsradius. Nach Zug 39 und mit dem krassen Zeitungleichgewicht (13:13 Minuten für Weiß gegenüber 0:56 Minuten für Schwarz) wirkte Kramnik vollkommend geschockt. Die zusätzlichen 10 Sekunden garantierten zumindest den sicheren Weg zum Remis. Die Kommentatoren fanden keine schlüssige Erklärung. Ihr Blick richtete sich bereits nach vorne: "Wer wird durch diese Partie mehr demoralisiert sein?"

Zunächst keiner, denn - wie in allen Partien mit Anand als Verteidiger - kam ein Angenommenes Damengambit auf die Tagesordnung. Noch im Turniersaal gab die Online-Verbindung von Pocket Fritz Auskunft, dass Anand die Variante auch bereits mit Weiß gespielt hatte bzw. dass 11...Td8 noch nie gezogen wurde. Kramniks Vorgehen erinnert wieder einmal sehr an den Stil seines Landsmannes Anatoli Karpow, der für das Ansammeln kleiner, unscheinbarer Vorteile bekannt ist. Rückblickend verwarf Anand bereits den Turmtausch im 15. Zug als Weg vom Pfad der Tugend - die verbliebenen Leichtfiguren waren besser koordiniert und nahmen die Bauern am Damenflügel unter Beschuss. Doch wiederum konnte Kramnik mit einem Zeitbonus nichts anfangen. Bei Zug 21 hatte er sechs Minuten mehr zur Verfügung, bei Zug 33 waren beide gleichauf und im 40. war der Weißspieler mit fünf Minuten im Hintertreffen (3:02 Minuten gegen 8:24). Genau in dieser letzten Phase fand er keinen Durchbruch; mit jedem Bauernabtausch in einem Springerendspiel verbesserte Anand seine Remischancen. Der weiße Mehrbauer verlor seine Kraft - der König konnte nicht mehr am Königsflügel eingreifen, nachdem 39.f4 die Stellung blockierte. Mit Augenkontakt wurde das Remis vereinbart, der Händedruck war ein moralischer Sieg für den Inder. "In der zweiten habe ich ganz schlecht gespielt. Ich glaubte, das Springerendspiel sei leicht gewonnen. Ein Trugschluss", erklärte der Moskauer. Auf die an Anand gerichtete Journalistenfrage, was wohl die Nummer eins der Weltrangliste, Garri Kasparow, zu diesen Vorstellungen meine, grinste der Inder und ulkte: "Ich bevorzuge es derzeit, nicht auf seine Webseite zu gehen ..." Prosaisch drückte der "Tiger von Madras"seine Darbietungen aus: "Es scheint, als ob ich das Spiel zu leicht nehme, bis jemand mit der Peitsche kommt, dann fange ich an zu galoppieren." Gestern hatte seine Frau Aruna Geburtstag, ob der Fide-Weltmeister wenigstens heute in Fahrt kommt, um ihr ein nachträgliches Geschenk zu bereiten?

Unabhängig von verpassten Chancen sind jetzt beide Spieler in der Pflicht, eine Entscheidung zu finden. Im Falle eines 5:5 gibt es wohl eine Verlängerung mit zwei Blitzpartien mit 5 Minuten Bedenkzeit plus 5 Sekunden. Die endgültige Regelung wird im Bedarfsfall im Einverständnis mit den Spielern getroffen. Zunächst sollten es 10 Minuten plus 5 Sekunden sein, doch Kramnik gab jedoch zu bedenken, dass dies nach zwei weiteren aufreibenden Partien zu anstrengend werden könnte. Sollte es im Tiebreak 6:6 stehen, geht es bis zum nächsten Gewinn weiter. Einen Sieger gibt es auf alle Fälle - auch wenn es wiederum eine Sache der Nerven werden kann.

Anand,V - Kramnik,W [B33]

Chess Classic LRP-Match Mainz (7)

[Analysen von Artur Jussupow]

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Kramnik,W - Anand,V [D27]

Chess Classic LRP-Match Mainz (8)

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