Chess Classic in Mainz häufiger im Fernsehen

Interview mit dem spielstarken Oberbürgermeister Jens Beutel

Jens Beutel ist der beste Politiker - zumindest auf den 64 Schachfeldern. Der 54-jährige Sozialdemokrat, der eine Deutsche Wertungszahl von 2070 aufweist, steht bei den Politiker-Turnieren stets mit an der Spitze. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Mainz wurde im Mai 1997 zum Oberbürgermeister der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt gewählt. Im Vorjahr kam Jens Beutel bei den Frankfurt Chess Classic wieder mit dem "großen" Schach in Berührung. Beim Simultan gegen den Weltranglistenersten Garri Kasparow (Russland) gelang ihm ein Remis. Aber nicht allein deswegen war der Mainzer Oberbürgermeister so von dem Event angetan, dass er die Chess Classic in seine Stadt lockte. Hartmut Metz unterhielt sich mit Jens Beutel über die ungewöhnliche "Rochade", die dem SPD-Politiker mit dem Wechsel von der Bankenmetropole an den ZDF-Standort gelang.

Herr Beutel, was beeindruckte Sie im Vorjahr bei den Frankfurt Chess Classic dermaßen, dass das Turnier bei Ihnen Begierde auslöste?

Es war die Weltklasse am Start, die professionell und zuschauerfreundlich präsentiert wurde. Selbst die Nichtschachspieler wurden dadurch in den Bann gezogen.

Was dazu führte, dass Sie eine ähnliche Veranstaltung mit einer Schachmesse in Mainz ausrichten wollten ...

Jede Veranstaltung benötigt ein Markenzeichen, das sie von anderen abhebt. Dies schien mir eine Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren. Dazu benötigt man aber ein erfahrenes Team, das ich mit Hans-Walter Schmitt und seinen Mitstreitern gefunden habe. Wegen der Kürze der Zeit reichte es heuer noch nicht, zusätzlich um den Event herum eine Schachmesse zu etablieren. Langfristig ist das aber ein Ziel.

Plötzlich sahen Sie die Chance, das weltberühmte Turnier sogar komplett in Ihre Stadt zu holen?

Ich hatte das eigentlich von Anfang an so vorgesehen. Die Messe soll dabei künftig zusätzliche Besucher anlocken.

Wie entwickelten sich die Verhandlungen?

Mit Organisator Hans-Walter Schmitt einfach und angenehm. Nach dem Ausstieg des letztjährigen Hauptsponsors war es allerdings zeitaufwendig, mit unseren Partnern die Kostendeckung zu erreichen. Dies gelang aber letztlich.

Hans-Walter Schmitt sieht in Mainz mehr Entwicklungsmöglichkeiten, vor allem mit Blick auf die sehr repräsentative Rheingoldhalle samt dazugehörigem Hilton-Hotel-Komplex. Inwieweit kann ein Oberbürgermeister solch ein Turnier unterstützen?

Rheingoldhalle und Hilton sind im Besitz einer stadtnahen Gesellschaft. Dies erleichtert es natürlich, günstige Konditionen zu bieten.

Und was das Fernsehen anlangt? In Mainz sitzt das ZDF. Darf Schach hoffen, direkt vor Ort in die Phalanx der Fußball-Übertragungen einzubrechen? Das würde das Sponsoren-Interesse gewaltig steigern.

Erste Kontakte mit dem ZDF und dem Südwestrundfunk bestehen. Die Medienpräsenz von Schach wird meines Erachtens sicher höher sein als allgemein üblich.

Nachdem sich Hauptsponsor Fujitsu Siemens zurückzog, bieten die Chess Classic diesmal nicht die ganze Vielfalt des Vorjahres mit den kompletten Top Ten. Dafür liefern sich die beiden Weltmeister Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik ihren einzigen Wettkampf in diesem Jahr. Wie zufrieden sind Sie mit dem Programm?

Die zahlreichen Programmpunkte bieten jedem Zuschauer etwas. Neben dem herausragenden Match zwischen den Weltmeistern gibt es den ersten Zweikampf im Fischer Random Chess zwischen Michael Adams und Peter Leko zu sehen, dazu Computer-Duelle der beiden, das exzellent besetzte Ordix Open - und nicht zu vergessen die Simultans der Weltmeister. All diese Veranstaltungen versprechen dank des erfahrenen Organisationsteams ein Erfolg zu werden, daran hege ich keinen Zweifel.

Die Simultans sind ein gutes Stichwort: Im Vorjahr knöpften Sie bei den Chess Classic dem Weltranglistenersten Garri Kasparow ein Remis ab. Darauf reagierte der Russe äußerst giftig ...

Ja, zu meiner eigenen Überraschung stand ich nach 23 Zügen mit Schwarz auf Gewinn. Kasparow will immer siegen und reagierte deshalb aggressiv. Das zeigte mir, dass er seine Stellung ebenso negativ einschätzte. Gleichwohl war es noch so kompliziert, dass ich den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorzog. Das von mir angebotene Unentschieden akzeptierte Kasparow sofort.

Eine beachtliche Leistung von Ihnen. Wie kamen Sie zum Schachsport?

Ich habe es mir im Alter von 13 Jahren anhand einer Spielanleitung selbst beigebracht. Danach habe ich viel während der Schulzeit gespielt.

Sie spielten früher in der dritthöchsten Klasse, der Oberliga. Fehlte Ihnen danach aus beruflichen Gründen die Zeit und Sie beschränkten sich auf Siege bei den Politiker-Turnieren in der Hauptstadt?

Ich bin erst mit 20 Jahren einem Verein beigetreten und wurde dann zweimal Rheinhessen-Meister sowie Stadtmeister von Mainz. Außerdem spielte ich für meinen Verein SV Mombach einst in der Oberliga am ersten Brett. Seit 1988 habe ich allerdings kaum noch Turniere gespielt und beschränkte mich auf Mannschaftskämpfen. Ich blitze aber auch heute noch gerne im Schachcafé.

Zeit, um am 23. oder 24. Juni an einem Simultan gegen einen der beiden Weltmeister teilzunehmen, ist aber?

Das auf alle Fälle.

Gegen wen möchten Sie antreten? Oder wollen Sie sich am liebsten Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik zur Brust nehmen?

Anand wird nicht umsonst Speedy Gonzales genannt. Der Inder ist schnell wieder am Brett, weshalb einem wenig Zeit zum Überlegen bleibt. Kramnik spielt bedächtiger, jedoch auch super solide - der Moskauer ist ja kaum "umzuhauen". Also, das überlege ich mir noch ziemlich genau, gegen wen ich mich wage.

Frankfurt haben Sie die spektakulären Chess Classic geraubt. Fürchten Sie keinen innerparteilichen Zwist mit SPD-Genossin Sylvia Schenk, die als bisherige Frankfurter Sportdezernentin das Turnier natürlich nur ungerne verlor?

Ich kenne Sylvia Schenk sehr gut. Sie gönnt Mainz dieses Turnier. Sie hat ja jetzt als Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer einen neuen sportlichen Schwerpunkt.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie langfristig bei den Chess Classic Mainz? Einige hochkarätige Sponsoren sollen wegen der längeren Vorlaufzeit angeblich für 2002 bereitstehen.

Wenn die Präsentation weiter erstklassig bleibt, nicht nur die Printmedien mitziehen und dann auch viele Zuschauer kommen, ist mir um die Zukunft der Chess Classic Mainz nicht bange.