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Ponomarjow 2005 neuer Weltmeister?

Der amtierende FIDE-Champion spielt in Mainz im Chess960 mit /
Duell der Fischer-Nachfolger: Kommt nach Karjakin auch Carlsen?

Von Hartmut Metz

 

Mancher Schachfan zählt bereits die Tage bis zu den Chess Classic Mainz (CCM). Tagsüber selbst am Brett brüten – und abends den Assen über die Schulter schauen. Die attraktive Kombination lockt vom 4. bis 8. August wieder eine vierstellige Besucherzahl in die Rheingoldhalle. Dabei erweist sich das vermeintliche „Rahmenprogramm“ als fast genauso hochwertig wie die Hauptveranstaltungen. Zum einen misst sich Viswanathan Anand ab dem 5. August jeden Abend in zwei Schnellschach-Partien mit Alexej Schirow. Der „Tiger von Madras“ ist der ungekrönte König der Chess Classic. Sechsmal gewann der weltbeste Schnellschachspieler die CCM. Und Weltmeister Wladimir Kramnik (Russland), der selbst schon knapp in Mainz gegen Anand den Kürzeren zog, erkennt den Inder als derzeit besten Denkstrategen auf dem Globus an. Der sonst so bescheidene aktuelle Preisträger des Schach-Oscars hält bei diesem Thema inzwischen nicht mehr mit seiner Meinung hinterm Berg: „Ja, ich bin derzeit der erfolgreichste Turnierspieler der Welt. Garri Kasparow spielt kaum noch und profitiert von der Trägheit des Weltranglistensystems.“ Eine zu klare Favoritenrolle sieht der 34-Jährige im Match über acht Partien gegen Schirow allerdings nicht. Sein Vereinskamerad in Baden-Oos und im französischen Cannes agiere zwar äußerst wechselhaft. Wozu der Ex-Vizeweltmeister, der vor rund vier Jahren im WM-Finale Anand unterlag, aber fähig sei, habe der „Hexer von Riga“ in Sarajevo gezeigt. Bei dem Topturnier spielte Schirow die Konkurrenz mit 7,5:1,5 Punkten in Grund und Boden. In ähnlicher Form muss sich der 31-Jährige jedoch auch in Mainz präsentieren, will der Wahl-Spanier Anands fünften CCM-Erfolg in Serie verhindern.


Ungekrönter König der Chess Classic: Viswanathan Anand.

 


Peter Swidler entthronte im Vorjahr Peter Leko als Chess960-Weltmeister.

Für die Chess960-WM hat Organisator Hans-Walter Schmitt einen namhaften Sponsor begeistern können: die Gerling-Lebensversicherungs AG. Der Konzern fand ebenso Gefallen an dem innovativen Konzept wie der CCM-Chef aus Bad Soden selbst. „Schach für Wenigzeitinhaber im Alter von 30 bis 60“ nennt Schmitt die Schachvariante, bei der die Grundstellung der Figuren vor der Partie ausgelost wird. Die Idee propagierte vor allem die US-Legende Bobby Fischer, um den Wust von Eröffnungstheorie zu den Akten legen zu können. Angesichts der 960 verschiedenen Anfangsstellungen wird die Eröffnungstheorie im Chess960 überflüssig. Bei der Gerling Chess960-WM fordert Levon Aronjan Weltmeister Peter Swidler heraus. Swidler ist aktuell die Nummer sechs der normalen Schach-Weltrangliste, der ehemalige Junioren-Weltmeister Aronjan steht auf Position 51. Zwischenzeitlich führte der Berliner auch die deutsche Rangliste an. Bei seinem Bronzemedaillen-Gewinn bei der Europameisterschaft in der Türkei spielte der 21-Jährige allerdings wieder unter der Flagge seines Mutterlandes Armenien. Der künftige Kreuzberger Bundesligaspieler qualifizierte sich im Vorjahr im FiNet Chess960 Open für das WM-Finale.


Levon Aronjan trumpfte im Vorjahr bei den Open auf.

Ihm will es der Weltmeister gleichtun! Der derzeit noch offizielle Weltmeister des Schach-Weltverbandes FIDE, Ruslan Ponomarjow (20), tritt im FiNet Chess960 Open am 5. und 6. August an! Die Teilnahme des Ukrainers ist sicher auch ein Protest gegen die Machenschaften der FIDE, die ihm im Kampf um den Titel die Pistole auf die Brust gesetzt hatte. Der mit 18 Jahren jüngste Weltmeister aller Zeiten ließ sich jedoch nicht erpressen und verzichtete auf einen Start in Tripolis, wo der marode Verband derzeit gemeinsame WM-Sache mit Libyens Diktator Muammar el Gaddafi macht. Für Ponomarjow ist Chess960 eine Herausforderung und willkommene Ablenkung von den Skandalen. Angesichts seines außerordentlichen Talents ist der schmale Ausnahmekönner, der 2002 im CCM-Hauptevent nach großem Kampf gegen Anand unterlag, Topfavorit im Open. Mit 14 Jahren und 17 Tagen war der Weltmeister einst der jüngste Großmeister aller Zeiten. Inzwischen ist sein Landsmann Sergej Karjakin der Rekordhalter. Der kleine Tischtennis-Fan kommt wie er aus Kramatorsk. Ponomarjow berief das Kind in seinen Sekundantenstab, als er im WM-Finale der FIDE stand und gewann. Kein Witz, denn schon mit zwölf Jahren und sieben Monaten besaß Karjakin Großmeister-Stärke! Die beiden messen sich nun im FiNet Chess960 Open, bei dem der Sieger 2005 den neuen Chess960-Weltmeister herausfordern darf. Angesichts bereits 40 weiterer gemeldeter Großmeister garantiert der elfrundige Wettlauf hochkarätiges Chess960. Schmitt ist optimistisch, dass in Mainz seiner Idee mit der Teilnahme von Ponomarjow endgültig der Durchbruch gelingt.


2002 beim Hauptevent, 2004 im FiNet Chess960-Open:
FIDE-Weltmeister Ruslan Ponomarjow.
Fotos: Metz

Im Ordix Open, in dem am 7. und 8. August in der Rheingoldhalle nach den bekannten „normalen“ Regeln auf den 64 Feldern gespielt wird, geht es um den zweiten Teil der insgesamt 35.000 Euro Preisgeld. Während Ponomarjow auf eine Teilnahme verzichtet, will sich der inzwischen 14-jährige Karjakin nicht die Gelegenheit entgehen lassen, einen Löwenanteil davon zu sichern. Vielleicht kommt ihm dabei der noch kleinere und jüngere Magnus Carlsen in die Quere. Der 13-jährige Norweger, derzeit jüngster Großmeister auf dem Globus, wird ebenfalls zu den CCM eingeladen. „Seine Teilnahme ist aber noch nicht sicher“, betont Schmitt. Ungeachtet dessen, ob Carlsen seinen ersten Auftritt in Deutschland hat oder nicht, dürften rund 100 internationale Titelträger in die Stadt des schachbegeisterten Oberbürgermeisters Jens Beutel pilgern. Zum weltweit größten Schnellschach-Open werden rund 500 Akteure erwartet. Daher empfiehlt sich die Voranmeldung für das Ordix-Turnier.


Altmeister Wolfgang Unzicker ist bei den
Chess Classic immer mit Begeisterung dabei.

Zum erlesenen Open-Feld zählen neben den Kommentatoren des Abends, Artur Jussupow und Eric Lobron, auch zwei deutsche Schach-Legenden: Wolfgang Uhlmann, bester ostdeutscher Großmeister aller Zeiten, der häufig mit Fischer die Klinge kreuzte und den Amerikaner sogar bezwingen konnte. Zudem misst sich Altmeister Wolfgang Unzicker mit der Jugend. Sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Lothar Schmid lässt sich die CCM zumindest nicht als Zuschauer entgehen. Der Karl-May-Verleger war einst Schiedsrichter bei den großen Fischer-WM-Kämpfen.

Bei der Auftaktveranstaltung am 4. August dürfen jedoch nicht nur all die Koryphäen bewundert werden. Mit einigen können Amateure sogar die Klinge kreuzen! Plätze für die Simultans gegen Alexej Schirow, der an 40 Brettern spielt, und Peter Swidler, der gleichzeitig 20 Chess960-Stellungen in Angriff nimmt, können im Internet ersteigert werden. Auf der Webseite der Chesstigers erhalten Fans außerdem die Möglichkeit, für vier Blitzpartien gegen den „schnellsten Brüter“ zu bieten: Anand erhält zwei Minuten plus eine Sekunde pro Zug, der Gegner fünf Minuten plus zwei Sekunden je Zug. Trotz des Zeitvorteils dürfte es schier unmöglich sein, den Inder zu schlagen. Vor diesem Höhepunkt um 18.30 Uhr steigt zwei Stunden früher Aronjan in den Ring: Sein Kontrahent im Chess960 wird das niederländische Amateur-Schachprogramm „The Baron“ sein.

Fünf Tage lang kann Anfang August in Mainz Schach pur aufgesogen werden – und wer Organisator Schmitt kennt, der weiß, dass er bis zum ersten Zug weitere spektakuläre Verpflichtungen präsentieren wird.


Organisator Hans-Walter Schmitt

 

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