
„Bobby Fischer ist an der Welt kaputt gegangen“
Von Dr. René Gralla
Schach macht in diesen Tagen wieder Schlagzeilen.
Aber weniger durch Top-Turniere, obwohl sich in diesen Tagen die Wettbewerbe
häufen: Am Mittwoch hat das „Dortmunder Sparkassen Chess-Meeting
2004“ begonnen, bei dem auch Weltmeister Wladimir Kramnik (Russland)
und Herausforderer Peter Leko (Ungarn) vor ihrem WM-Match Ende September
im Schweizer Brissago noch einmal aufeinander treffen; dazu der laufende
ZMD-Open Grand Prix in Dresden und große Veranstaltungen in Amsterdam
und Biel.
Für richtigen Wirbel hat aber die Verhaftung
von Ex-Weltmeister Bobby Fischer in Japan gesorgt. Die USA verlangen
die Auslieferung des 61-jährigen, weil Fischer 1992 in Jugoslawien
nach seinem spektakulären WM-Sieg 1972 über Boris Spassky
mit dem alten Rivalen ein Revancheduell austrug und damit das seinerzeitige
Embargo gegen Belgrad wegen des Kosovo-Krieges brach. Mit dem Stuttgarter
Autor Harald Keilhack (41, Bild), der gerade im Kania-Verlag ein Buch
über „Schach-Höhepunkte“
veröffentlicht hat, sprach Dr. René Gralla über den
Fall Fischer. Und über die Massierung von Großevents, bei
der nur noch Spezialisten den Überblick behalten.
Neues Deutschland: Herr Keilhack, Ihr aktuelles Buch
heißt „Schach-Höhepunkte“. Einer, der in den
vergangenen drei Jahrzehnten immer wieder für entsprechende Highlights
gesorgt hat - so dass viele Menschen, die ansonsten nicht einmal Schach
spielen können, seinen Namen kennen - ist Bobby Fischer. Der produziert
jetzt noch einmal Spitzenmeldungen in der internationalen Presse, nachdem
er in Japan festgenommen worden ist. Setzt dieser traurige „Höhepunkt“
den finalen Punkt unter die Schach-Karriere des exzentrischen Amerikaners?
Harald Keilhack: Seine Karriere hat er eigentlich ja
schon nach dem WM-Gewinn 1972 gegen Boris Spassky freiwillig beendet,
indem Fischer seinen Titel anschließend nicht mehr verteidigte.
Als er dann 1992 nach dem zweiten Fischer-Spassky-Match abtauchte, ist
seine Karriere endgültig vorbei gewesen. Ob diese Verhaftung nun
der entscheidende Schritt ist? Viele Fans hatten vorher noch auf eine
Wiederkehr Fischers gehofft, aber ich habe daran ohnehin nicht mehr
geglaubt.
ND: Bobby Fischer gilt als eines der
größten Schachgenies der jüngeren Geschichte. Sein Sieg
über Spassky hat damals eine regelrechte Schachwelle ausgelöst.
Dass ein ehemaliger Weltmeister so endet: Ist das nicht auch ein katastrophaler
Schlag für das Schach schlechthin?
Keilhack: Ich glaube, beide Seiten haben sich hoch
geschaukelt: sowohl die amerikanischen Behörden als auch Bobby
Fischer. Und das ist im Grunde schon 1981 losgegangen, als Fischer im
kalifornischen Pasadena irrtümlich verhaftet wurde, wegen Verwechslung
mit einem Bankräuber. Er wurde da wohl brutal behandelt, und es
gab auch, wenn ich richtig informiert bin, kaum eine Entschuldigung
von offizieller Seite. Vorher hasste Fischer die Sowjets, das trieb
ihn am Schachbrett an. Nach dem Zwischenfall in Pasadena scheint sich
Fischer seinerseits in Hass auf Amerika hineingesteigert zu haben. Das
ist sehr traurig, weil ich denke, dass Fischer ein Mensch mit einem
grundsätzlich guten Charakter ist. Er ist absolut ehrlich; er hat
Diplomatie nie gelernt, wie man sich arrangiert und durchlaviert. Vielleicht
ist er deswegen an der Welt kaputt gegangen.
ND: Fischer hat viel für die
USA getan. Während des Kalten Krieges besiegte er symbolisch die
Sowjets, indem er Spassky den WM-Titel abnahm, das wurde in den Medien
ausgiebig gefeiert. Dass die Amerikaner Fischer heute wie einen Schwerverbrecher
jagen: Das ist doch undankbar?!
Keilhack: In Amerika trifft die Härte des Gesetzes
im Zweifelsfall auch Minderjährige, das kennen wir aus zahlreichen
Zeitungsberichten - und dann eben auch einen ehemaligen VIP, der Fischer
mal gewesen ist. Und spätestens seitdem Fischer die Anschläge
vom 11. September 2001 gegen die USA öffentlich befürwortet
hat, darf es niemanden überraschen, dass sein Verhalten in den
USA auf keine Gegenliebe stößt.
ND: Japanische Schachfreunde bitten
in einem dramatischen Appell darum, dass Bobby Fischer in einem Drittland
politisches Asyl findet. Fischer hat in jüngster Zeit zweifellos
zu Recht viele Sympathien verspielt, indem er sich anti-semitisch geäußert
hat. Das ist unentschuldbar, dennoch: Wäre heute nicht ein Wort
des FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow zu Gunsten von Fischer
angebracht?
Keilhack: Ja, wenn der Weltschachverband eine seriöse
Organisation wäre! Aber Iljumschinow und seine FIDE, die sind im
Westen kaum mehr besonders anerkannt. Und das wundert auch nicht, wenn
wir allein an die Veranstaltung der WM 2004 bis Anfang Juli in Libyen
denken. Und andere Personen in der Schachwelt? Ich glaube, die haben
weder Macht noch Mittel, um bei den Japanern zu intervenieren. Da wäre
schon ein Staatsmann gefragt.
ND:
Garri Kasparow hat sich in einem Artikel für das „Wall Street
Journal“ zum Fall Fischer geäußert. Der Beitrag ist
sehr zweischneidig; Kasparow erwähnt Fischers schachliche Verdienste,
ist aber weit davon entfernt, Verständnis für Fischer zu äußern.
Wenn ein Möchtegern-Popstar wie Daniel Kübelbeck eine schwere
Verkehrsstraftat begeht, schlägt sich die Presse für ihn in
die Bresche, fordert Milde. Wenn ein Mann wie Fischer, der erste Pop-Star
im Schach, wegen Verstoßes gegen ein Embargo verhaftet wird -
schweigt die Schachwelt. Warum?
Keilhack (Bild): Die Schachszene schweigt sowieso.
Und das führt uns zu einem grundsätzlichen Problem: der mangelnden
Selbstdarstellung der Schachszene. Die Schachspieler können sich
nicht besonders gut verkaufen. All die Probleme, mit denen wir gegenwärtig
zu kämpfen haben, der Mangel an Geld und an Sponsoren, die sind
zum Teil hausgemacht. Die Schachspieler wollen eigentlich nur ihr Spiel
spielen und von außen nicht gestört werden. Aber wenn man
Geld und Aufmerksamkeit haben will, dann muss man sich auch der Außenwelt
präsentieren.
ND: Hinzu kommt eine unglückliche
Massierung von Spitzenturnieren gerade in diesen Tagen. Große
Wettbewerbe laufen in Amsterdam und Biel, dazu das ZMD-Open in Dresden.
Wie soll das breite Publikum bei diesem Overkill noch mitkommen?
Keilhack: Da sind selbst Insider überfordert.
Als Kolumnist, der einmal in der Woche in der eine Schachspalte verfasst,
werde ich selber erschlagen von den Ereignissen. Und vieles habe ich
einfach unter den Teppich kehren müssen, selbst wenn Weltklassespieler
dabei waren.
ND: Müssten da nicht die Verbände
zentral planen? Und sich vielleicht ein Beispiel am Tennis nehmen? Da
werden die wichtigen Turniere zum Grand Slam vereinigt - um PR und Marketing
zu konzentrieren?
Keilhack: Mitte der 80er Jahren hat es mal ein gutes
Projekt gegeben: den Welt Cup. Aber später sind alle Versuche gescheitert.
Und so kocht jeder Veranstalter sein eigenes Süppchen; und weil
die Spieler, abgesehen von den ersten Fünf, bei einem Turnier nicht
so viel verdienen, müssen sie eben bei möglichst vielen Wettbewerben
starten.
ND: In Ihr Buch „Schach-Höhepunkte“
haben Sie das jüngste Kapitel der Fischer-Story noch nicht aufnehmen
können. Dafür bringen Sie auf 320 Seiten Lehrreiches, Spannendes
und Interessantes, wie verrückte Kurzduelle oder eine Siegpartie
des Gewinners beim Günther Jauch-Fernsehquiz „Wer wird Millionär“,
des Geschichtsprofessors Eckhard Freise gegen eine veritable Großmeisterin.
Wie lange haben Sie an dem Werk geschrieben?
Keilhack: Das hat sich über ein Jahr hingezogen.
Ich möchte damit die jüngere Schachgechichte dokumentieren,
aber gleichzeitig auch ästhetische Ansprüche erfüllen:
indem ich besonders originelle Begegnungen vorstelle ...
ND: ... bis hin zu einer Partie von
Bundesinnenminister Otto Schily gegen Kasparow ...
Keilhack: ... man lacht natürlich über das
Prominentenschach: Elisabeth Pähtz gegen Klitschko im TV-Sportstudio,
das war auch lächerlich. Aber Otto Schily spielt nicht schlecht.
ND: Sie schreiben Bücher, Sie
sind Verleger und Journalist und obendrein erfolgreicher Schachsportler,
mit dem Titel des FIDE-Meisters. Wie lang ist Ihre Arbeitswoche?
Keilhack: Das ist sehr unterschiedlich, wenn man selbständig
ist. Ich komme auf eine durchschnittliche 60-Stunden-Woche.
ND: Haben Sie einen Ausgleichssport?
Keilhack: Früher bin ich Marathon gelaufen, aber
das ist schon länger vorbei. Mal wieder Sport zu betreiben, das
gehört momentan zu meinen guten Vorsätzen für die Zukunft.
|