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Der Herr Schmitt macht Schach modern
Zufallsgenerator bringt Spannung ins Spiel

Von René Gralla

 

Reformunwillig sollen sie ja sein, diese Deutschen. Doch mit etwas Nachdruck geht es offensichtlich doch – wie das Beispiel von Hans-Walter Schmitt aus Bad Soden zeigt. Der 52-jährige Wahl-Hesse gibt sich aber auch nicht mit grausamem Flickwerk wie der »Agenda 2010« ab. Er kümmert sich vielmehr um das Kulturerbe der Menschheit – und entrümpelt kurzer Hand ein ehrwürdiges Spiel, das seit vielen Jahrhunderten auf dem Markt ist: Schach. »Chess960« heißt das Schmitt-Projekt, und schon die Zahl im Namen bringt den Clou auf den Punkt: Vor jeder Partie werden die Anfangspositionen der Offiziere ausgelost, heraus kommen 960 verschiedene Grundstellungen. Hans-Walter Schmitt bittet vom 5. bis 8. August zur WM nach Mainz, wo seit einem Jahr die »World New Chess Association« (WNCA) residiert.

ND: Schach gibt es schon seit rund 1600 Jahren. Insbesondere die Startposition hat sich offenkundig bewährt: Warum wollen Sie, Herr Schmitt, da jetzt ran?
Schmitt: Das Schach hat sich verändert. Als Ergebnis ist die Theorie ausgeufert, und heute sehen sie im Turniersport nur noch Partien, die bis zum x-ten Zug bekannte Varianten abspulen, erst dann folgt vielleicht eine Neuerung. »Chess960« soll auch Amateurspielern eine Chance geben, die nicht so viel Zeit haben wie die Profis, um für ein Turnier zu trainieren.

ND: Der Trick bei Ihrem »Chess960« ist also: Indem erst vor Spielbeginn ein Zufallsgenerator die Ausgangsstellung des Matches ermittelt, wird verhindert, dass sich jemand mit Computeranalysen vorher präpariert?
Schmitt: Unser Ansatz lautet: Das Spezial-Eröffnungswissen soll ersetzt werden durch Basiswissen, weil vor jeder Partie eine neue Stellung kommt. Der Amateur, der sonntags im Ligabetrieb eine Sieben-Stunden-Partie spielt, muss sich darauf mindestens sieben Stunden lang vorbereiten. Aber Menschen, die beruflich erfolgreich sind, haben keine Zeit mehr dafür. So geht dann ihre berufliche Karriere nach oben, während ihre schachliche Karriere nach unten abfällt – weil sie wegen mangelnder Theoriekenntnisse nicht mehr mithalten können. Die Lösung lautet »Chess960«.

ND: Vor drei Jahren haben Sie, Herr Schmitt, Ihr Projekt »Chess960« gestartet. Bobby Fischer hat schon vorher den gleichen Gedanken gehabt als er 1996 Random Chess« präsentierte. Was sagt er denn dazu, dass Sie ihm seine Idee klauen?
Schmitt: Ich klaue nichts, ich realisiere nur Bobby Fischers Idee...

ND: ...indem Sie die schlau umbenennen!
Schmitt: Das musste ich tun. Kein Topspieler tritt heute unter dem Label der Legende »Fischer« an.
ND: Ihr »Chess960«-Weltverband WNCA lädt zur WM nach Mainz ein. Darf dort jeder antreten?
Schmitt: Ja. In einem offenen Turnier kann man versuchen, Herausforderer des Weltmeisters 2005 zu werden. Parallel dazu bestreitet der »Chess960«-Titelträger Peter Swidler aus Russland einen Zweikampf um die Nr. 1 .

ND: Wollen Sie so auch der FIDE Konkurrenz machen, die in Tripolis den eigenen Weltmeister nach den üblichen Regeln ermittelte?
Schmitt: Das war doch gar keine echte WM. Von den Top Ten der FIDE nahmen nur zwei Sportler teil. Vor allem war der bisherige Titelträger Ruslan Ponomarjow nicht dabei. Den hat die FIDE vorher abgesäbelt. Dafür kämpft Ponomarjow bei unserem »Chess960«-Turnier um die Qualifikation für die WM 2005.

ND: Träumen Sie schon davon, dass irgendwann die FIDE-WM vergessen sein wird und jeder nur von der Weltmeisterschaft Ihrer WNCA spricht?
Schmitt: Träumen? Die Entwicklung ist schon so vorgegeben.

ND: Müsste man da nicht auch mal den Vater der Idee nach Mainz einladen?
Schmitt: Einer der nächsten Schritte wird es sicher sein, dass unser Weltmeister, den wir in Mainz küren, im Internet gegen Bobby Fischer spielt. Oder am besten vor Ort. Nachdem er in Japan ungerechtfertigt inhaftiert wurde und an die USA ausgeliefert werden soll, wollen wir helfen, das Schach-Genie frei zu bekommen und im Rhein-Main-Gebiet anzusiedeln.

 

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