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Selbstbewusster Baron sieht Siegchancen gegen Aronian

Interview mit Richard Pijl, Programmierer des Chess960 Programms „The Baron“.

von Eric van Reem

 

Was bewegt einen Programmierer dazu, eine Chess960 Version seines Schachprogramms zu schreiben, es ist schließlich schon schwierig genug eine gut funktionierende normale Schachengine zu programmieren. Die Antwort ist allerdings erstaunlich einfach, sagt Richard Pijl, der niederländische Programmierer der stärksten Chess960 Engine der Welt: „Viele Leute haben mich darum gebeten, eine Chess960 Version meines Programms The Baron zu schreiben, und da hab ich mir gedacht: warum eigentlich nicht? Warum soll ich nicht einige Leute glücklich machen!“

 

Computer in Chess Classic Turnieren

In vielen Chess Classic Turnieren haben Computer eine aktive und wichtige Rolle gespielt. Das niederländische Programm Fritz von Frans Morsch hat bereits mehrere spannende Matches gegen Weltklassespieler wie Alexander Morozevich und Alexei Shirov gespielt und der GM Artur Yusupov spielte zwei innovative Shuffle Schach Partien gegen Fritz im Jahre 2000. Ein Jahr später spielte der kleine Bruder von Fritz, Pocket Fritz von Stefan Meyer-Kahlen, Mini-Matches gegen Peter Leko und Michael Adams. 2002 haben wir interessante Advanced Computer Chess Matches mit Vishy Anand und Peter Svidler gesehen. Dieses Jahr hatten die Chess Tigers erneut eine gute Idee: zum ersten Mal spielt ein Chess960 Schachprogramm zwei Partien gegen einen Spitzengroßmeister. Levon Aronian wird am 4. August gegen The Baron spielen. Da dies eine Weltpremiere ist, ist es sehr schwer vorher zu sagen, wer die besseren Karten hat.

 

Computer Schach und Chess960

Die Anzahl der „Postings“ über Chess 960 stieg im Computer Chess Club (CCC) erheblich, nachdem die ersten Chess960 und Open Turniere in Mainz gespielt wurden. Der CCC (www.talkchess.com) ist die erste Anlaufstelle für Programmierer von Schachprogrammen. In diesem Forum wird lebhaft über alle möglichen Aspekte von Computerschach diskutiert und es werden Ideen ausgetauscht. Eine Frage war besonders interessant: warum gibt es eigentlich noch kein Programm, das in der Lage ist Chess960 zu spielen? Ist es wirklich so schwierig die Chess960 Rochade in ein Schachprogramm zu implementieren? Einige Programmierer nahmen die Herausforderung an und vor etwa zwei Jahren erschienen die ersten Chess960 Programme, Betsy des Amerikaners Landom W. Rabern und Chispa von Federico Andres Corigliano aus Argentinien. Im Moment gibt es sechs Schachengines, die in der Lage sind Chess960 zu spielen. Neben den oben genannten Engines sind das Frenzee von Sune Fischer aus Dänemark, Herrmann von Volker Annuss aus Deutschland, Gothmog von Tord Romstadt aus Norwegen und The Baron von Richard Pijl aus den Niederlanden. Jedermann kann diese Engines kostenlos testen und nutzen, um sich auf das FiNet Open am 5. und 6. August vorzubereiten. Surfen Sie nach www.playwitharena.com, dort können Sie sich gratis die Chess960-fähige Benutzeroberfläche Arena herunterladen und gleich die sechs Chess960 Engines mitnehmen. Die Arena Oberfläche und die verfügbaren Engines beweisen, dass es ohne großen Aufwand möglich ist, ein gut funktionierendes Chess960 Schachprogramm zu entwickeln. Leider haben die Entwickler von Profi-Engines noch Berührungsängste mit Chess960. Nur wenige Benutzeroberflächen unterstützen bis jetzt die von Bobby Fischer entwickelte Variante. Der Deutsche Stefan Pohl wollte trotzdem gerne wissen, wie die stärksten Engines der Welt Chess960 spielen und hat die 15 Anfangsstellungen ausgesucht, in denen der König und die Türme auf den normalen Positionen stehen bleiben und nur die Positionen der Damen, Läufer und Springer ausgelost werden. Da in den 15 Positionen normal rochiert wird, werden die Grundprinzipien von Chess960 eingehalten. In der Tabelle von Pohl führen die Engines Shredder und Hiarcs. Für Experten keine Überraschung, da die Entwickler Stefan-Meyer-Kahlen (Shredder) und Mark Uniacke (Hiarcs) sehr viel Schachwissen in ihre Programme einfließen lassen und somit ihre Programme besseres Schach spielen lassen. Es sind Programme, die auch ohne fein getuntes Eröffnungsbuch hervorragend Schach spielen. Ein interessantes Experiment, das allerdings auf alle 960 Positionen erweitert werden sollte. Da sind die Entwickler professioneller Software gefragt ihre starre und konservative Haltung zu überdenken, um der rasant wachsenden Chess960 Gemeinschaft mit einer Chess960-fähigen Oberfläche entgegen zu kommen.

 

Baron Pijl

Der Hüne Richard Pijl (2.06m) lebt mit seiner Frau Cantia und seinen drei Töchtern, den Zwillingen Tessa und Merel (7) und Renske (6) im niederländischen Teteringen. Pijl studierte Computerwissenschaften in Delft und arbeitet zur Zeit als Netzwerkentwickler für mobile Netzwerke für Ericsson. Der Familienvater spielt auch selber Schach und sein Rating liegt zur Zeit bei 1809. Er arbeitet 20 bis 30 Stunden pro Woche an seinem Hobbyprojekt The Baron. Sein Programm hat mehrere Turniere in Holland und Deutschland gespielt und konnte immer einen respektablen Platz in der Tabelle erreichen. Es ist immer schwierig einen geeigneten Namen für ein Schachprogramm zu finden, und auch Richard Pijl hat sich lange Zeit schwer getan. Da er lange zweiter Vorsitzender seines Schachvereins „De Baronie“ war, schien es ihm angebracht den Namen in seinem Programm zu verwenden. Einige Monate nachdem Pijl sein Programm The Baron getauft hatte, schaute er bei Google nach, wie bekannt sein Programm mittlerweile war und stieß beim googlen auf viele Schachwebseiten mit dem Thema Baron von Kempelen, dem Erfinder des legendären Schachcomputers „Der Türke“ aus dem 18. Jahrhundert. „Das war ein noch besserer Grund mein Programm The Baron zu nennen“, schmunzelt Pijl. Der Hüne aus Teteringen hat bereits einige informative Artikel über sein Programm in der niederländischen Fachzeitschrift „Computerschaak“ veröffentlicht und der nächste Schritt seines Programms ist eine Weltpremiere: The Baron spielt am 4. August zwei Chess960 Partien gegen Levon Aronian. Natürlich lässt es sich Pijl nicht nehmen sein Programm während der Exhibition selbst zu bedienen.
Wie er sich vorbereitet hat und was er von dem Match erwartet, können Sie im nachfolgenden Interview lesen.

 

Interview

E.R: Wann haben Sie sich überlegt ein Programm zu schreiben, dass in der Lage ist Chess960 zu spielen? Haben Sie einen starken Gegner gesucht um selber zu spielen?

R.P.: Ich habe noch nie Chess960 gespielt, dies war also nicht der Grund um ein Chess960-fähiges Programm zu schreiben. Ich war einfach nur neugierig. Kurz bevor ich The Baron die Chess960 Spielregeln gelehrt hatte, war es möglich geworden unter Arena Chess960 zu spielen. Selbstverständlich sorgte dies für Aufregung in den Internetforen und einige Leute haben mich gefragt, ob ich Lust hätte ein Chess960 Programm zu schreiben. Nachdem ich die Spielregeln studiert hatte, schien es mir nicht so schwierig die Rochaderegeln einzubauen und deshalb habe ich mir gedacht, dass dies ein einfacher Weg wäre, einige Leute glücklich zu machen. Übrigens werde ich meine ersten Chess960 Partien im FiNet Open am 5. und 6. August spielen.

E.R: Ihr Gegner, Levon Aronian hat im Vorjahr das Chess960 Open gewonnen. Es was das stärkste Chess960 Turnier aller Zeiten und er hat sich somit das Recht erspielt, WNCA Weltmeister Peter Svidler herauszufordern. Levon könnte sogar der nächste Chess960 Weltmeister werden. Hat The Baron überhaupt eine Chance gegen einen der stärksten Chess960 Spieler der Welt?

R.P.: Das ist wirklich sehr schwer zu sagen da The Baron noch nicht oft gegen Großmeister gespielt hat. Levon ist nicht einfach nur ein Großmeister, er ist ein sehr starker Großmeister. Da es bekannt ist, dass Schachprogramme oft große Probleme haben sich gegen Spitzenspieler zu behaupten, erwarte ich, dass auch The Baron einige Probleme haben wird, da mein Programm noch nicht so stark ist wie Shredder, Fritz oder der neue Weltmeister Junior. Trotzdem sind die Voraussetzungen für dieses Match anders als in konventionellen Mensch gegen Maschine Matches. Sicherlich spielt der Faktor Zeit eine große Rolle und es ist ein Vorteil für den Computer, das Schnellschach gespielt wird. Je schneller, desto besser. Da kein Eröffnungsbuch vorhanden ist, werden Levon und The Baron von Zug 1 an selber nachdenken müssen und werden gezwungen auch in der Eröffnungsphase wertvolle Zeit zu investieren.

E.R: Wie haben Sie sich auf das Match gegen Levon Aronian vorbereitet?

R.P.: Ich habe angefangen einige Matches gegen andere Chess960 Programme zu spielen. Glücklicherweise erschien neulich das sehr starke neue Chess960 Programm Gothmog aus Norwegen, und The Baron musste sehr hart für seine Punkte arbeiten, The Baron verlor sogar einige Matches. Da ich in meinem normalen Programm mit einem Eröffnungsbuch arbeite, hatte ich mich wenig mit einfachen Sachen, wie der Entwicklung der Figuren in der Eröffnung beschäftigt. Es ist zwar praktisch ein Buch zu haben, aber man wird faul. Deshalb habe ich viel Zeit in die Figurenentwicklung in der Eröffnung investiert und dabei viel gelernt. Außerdem habe ich einige Fehler aus dem Programm entfernt und mich hauptsächlich auf die Implementierung von Schachwissen konzentriert. Das hat dazu geführt, dass das Programm wesentlich stärker geworden ist.

R.P.: Vor einigen Tagen habe ich erneut ein Chess960 Match gegen die neueste Gothmog Version gespielt. Diesmal konnte The Baron sehr überzeugend gewinnen. Ich sollte auch noch erwähnen, dass ich vor ein paar Wochen gegen einen Menschen auf dem Internetserver ICC gespielt habe. Der Spieler hatte zwar einige Hundert Elopunkte weniger als The Baron, konnte aber trotzdem viele Partien gewinnen. Nachdem ich mir die Partien angeschaut habe, stellte sich heraus, dass der menschliche Spieler immer eine gewisse, erfolgreiche Trojanertaktik anwandte. Das trojanische Opfer ist sehr schwierig für Computer, aber ich habe etwas gefunden um dies zu verhindern. Nachdem ich mein Programm dann etwas geändert hatte, habe ich keine Partie mehr gegen diesen Gegner verloren.

E.R: The Baron wird ohne Eröffnungsbuch und ohne Endspieldatenbanken gegen Aronian spielen. Das Programm muss selber entscheiden welche Züge gespielt werden. Was sagen Sie dazu?

R.P.: Das ist ja die Idee hinter Chess960. Der Computer muss sofort anfangen zu rechnen. Es macht allerdings keinen Unterschied ohne Tablebases spielen zu müssen. Die meisten Schachengines sind in der Lage Endspiele richtig einzuschätzen und gewinnen in der Regel ein besser stehendes Endspiel. Da ich sehr oft das Endspielwissen meines Programms ohne Tablebases teste, habe ich da keine Bedenken.

E.R: Was ist der Unterschied zwischen Chess960 und klassischem Schach für ein Programm wie The Baron?

R.P.: Da ich mich nicht auf ein Eröffnungsbuch konzentrieren musste, konnte ich mich insbesondere auf das Mittel- und Endspiel konzentrieren. Aber es gibt noch mehr Unterschiede. Im klassischen Schach ist die Entwicklung vollendet, wenn die Rochade ausgeführt wurde und die Türme mobil sind. Das ist im Chess960 nicht unbedingt der Fall. Ich habe einige Partien gesehen, wo die Dame auf a1 stand und diesen Platz nie verlassen hat, da The Baron nicht verstanden hat, dass auch die Dame entwickelt werden muss und besser im Zentrum aufgehoben ist. Wenn die Partie sich weiter entfaltet, werden die Unterschiede weniger, insbesondere nachdem die Rochade ausgeführt wurde.

E.R: Was ist Ihre Prognose für dieses besondere Mensch-Maschine Match?

R.P.: Wenn wir eine längere Zeitkontrolle hätten, würde ich sagen, dass The Baron große Probleme haben wird das Match nicht zu verlieren. Aber im Schnellschach ist alles möglich. Bereits vor Jahren war klar, dass Computer Menschen überlegen sind, wenn Blitz- oder Schnellschach gespielt wird. Das konnte man sehr gut in dem Match Rebel - Anand beobachten, in dem der Computer in den Partien mit kurzer Bedenkzeit haushoch überlegen war. Computer sind außerdem erheblich schneller geworden und deshalb denke ich, dass The Baron eine realistische Chance hat das Match zu gewinnen oder mindestens Remis zu spielen. Ich denke, dass The Baron 1.5 - 0,5 gewinnen wird.

E.R: Chess 960 wird ohne Eröffnungstheorie gespielt. Wer hat da die größere Vorteile, der Mensch oder die Maschine?

R.P.: Ich vermute, dass der Computer mehr Vorteile hat als der Mensch. Beide Seiten müssen ab dem ersten Zug nachdenken und die Partie kann schon im zweiten Zug sehr spannend und taktisch sein. Da sehe ich den Vorteil für den Computer.

E.R: Wie geht es nach der Chess Classic mit The Baron weiter?

R.P.: Ich habe erst vor drei Jahren mit The Baron angefangen und habe mir im Grunde genommen alles selber beigebracht. Ich habe sehr viele Fehler gemacht, habe dadurch aber enorm viel gelernt. Trotzdem sind einige Dinge in The Baron noch fehlerhaft, und die müssen dringend ausgemerzt werden. Ich habe vor, große Teile des Programms im kommenden Winter zu ändern. Die Bewertungsfunktion des Programms, das eigentliche Kernstück, ist zu schwach und muss geändert werden. Ich hoffe, dass die neue, verbesserte Version von The Baron dann in Februar 2005 beim Computer Schach Turnier in Paderborn (IPCCC) mitspielen wird.

E.R: Wird die „Aronian-Engine“ nach dem Turnier in Mainz für die Chess960 Spieler erneut kostenlos zur Verfügung stehen?

R.P.: Ich liebe es an The Baron zu arbeiten und das Programm zu verbessern. Außerdem mag ich es, wenn auch andere Schachspieler mit der Engine Spaß haben. Deshalb ist es schon Tradition, dass nach jedem Turnier eine neue Baron Version für alle Schachspieler frei zur Verfügung steht. Selbstverständlich wird dies nach der Chess Classic, auf die ich mich sehr freue, nicht anders sein.

Die neueste Version von The Baron kann auf der Website von Richard Pijl herunter geladen werden: http://home.wanadoo.nl/richardpijl/.

 

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