
Wiederholungstäter Grischuk
Rekordbeteiligung im 11. ORDIX Open
542 Teilnehmer - 156 Titelträger
Von Eric van Reem
Mehr, mehr, mehr…..
Mehr Spieler, mehr Großmeister, mehr von allem
… Das diesjährige 11. ORDIX Open brach alle Rekorde. Die
Rheingoldhalle platzte aus allen Nähten. Genau 542 Spieler meldeten
sich pünktlich an, darunter nicht weniger als 156 FIDE-Titelträger:
69 GM (inklusive 5 Frauen-Großmeister), 44 IM und 43 IM. Von den
Top 100 weilten 31 Großmeister in Mainz. „Dass die Rheingoldhalle
erweitert wird, entspricht auch der Notwendigkeit des Schachturniers“,
erklärte Oberbürgermeister Jens Beutel verschmitzt mit Blick
auf die anstehenden baulichen Veränderungen.
Um die Spieler rechtzeitig ans Brett zu bekommen, bedienen
sich die Organisatoren eines genialen Tricks: Sie spielen Musik zwischen
den Runden. Sobald die Musik erschallt, können die Teilnehmer zu
den Monitoren strömen, um zu sehen, wer der nächste Gegner
ist. Natürlich spielen sie nicht die Langfassung von „Stairway
to heaven“ von Led Zeppelin (12 Minuten) oder „Child in
time“ von Deep Purple (15 Minuten), denn das würde zu lange
dauern. Aber alle Hits von Abba oder Queen mit 4 bis 5 Minuten Länge
erzeugen eine gute Stimmung bei allen Beteiligten.
Runden 1 bis 3: Auf der Suche nach Überraschungen
In dem Haifischbecken ORDIX Open mit der Vielzahl
an GM und IM haben Amateure eine realistische Chance, in den ersten
Runden auf einen Titelträger zu treffen. Es macht für die
Reporter einen Heidenspaß, nach einem Ausrutscher eines Großmeisters
Ausschau zu halten. Kein Geringerer als Ruslan Ponomarjow war der Erste.
Mit einem Remis gegen Henning Silber (Elo 2307) war Ponomarjow noch
gut bedient. Ursprünglich wollte der Ukrainer, der seinen ersten
WM-Titel bereits mit 11 (U12-Weltmeister) errungen hat, nur im FiNet
Open mitspielen, hat sich dann aber doch entschieden, zwei Tage länger
zu bleiben und das ORDIX Open mitzuspielen.
Alexander Morosewitsch musste nacheinander gegen drei Frauen antreten:
WFM Bergit Brendel, WGM Elvira Berend und WGM Natalia Schukowa. Er gewann
die ersten beiden Partien und remisierte gegen Schukowa. Weitere starke
Frauen spielen in dem Open mit: Elisabeth Pähtz, Viktorija Cmilyte
und nicht zuletzt Antoaneta Stefanowa. Die Weltmeisterin gab einen halben
Punkt gegen Ferdinand Niebling ab, den Seniorenmeister des SC Frankfurt-West.
IM Boris Margolin schlug GM Peter Heine Nielsen, GM Luke McShane verlor
gegen Berthold Bartsch.
Runden 4 und 5: Natürliche Selektion
Nach drei Runden findet die natürliche Auswahl
statt, die Großmeister müssen nun noch härter um ihre
Punkte kämpfen. Weil viele Spieler aus dem FiNet Chess960 Open
erneut antreten, treffen einige Akteure im ORDIX Open schon wieder aufeinander.
Etienne Bacrot setzte sich erneut gegen Artur Jussupow durch. Titelverteidiger
Alexander Grischuk hat nach seinem Sieg über Igor Glek noch immer
100 Prozent. Besonders interessant für die deutschen Zuschauer
sind Duelle zwischen einheimischen Spielern wie Eric Lobron und Rustem
Dautov. Der Wiesbadener spielt immer sehr gut im ORDIX Open, im vergangenen
Jahr wurde er sogar geteilter Zweiter. In der vierten Runde unterlag
er jedoch Dautov. Überraschend: Alexander Rustemow zog in der vierten
Runde gegen FM Gerd Euler, der ein hervorragendes Turnier hinlegen sollte!
Nach fünf Runden hat ein Sextett weiter die volle
Punktzahl auf dem Konto: Grischuk, Bacrot, der 14-jährige Sergej
Karjakin, der Este Jaan Ehlwest, der Bulgare Kiril Georgiew und Dautov.
Ein knappes Dutzend weiterer Haie, pardon Großmeister, folgen
am Ende des ersten Tages einen halben Punkt zurück. Asse wie Rafael
Waganjan, Sergej Rublewski und Wadim Swagintsew. Weltmeisterin Stefanowa
trumpfte am ersten Tag auf und heimste für ihren Sieg über
Wladimir Epischin viel Applaus der Zuschauer ein – sehr zum Verdruss
des Russen. Ponomarjow remisierte ein zweites Mal in Runde 5 gegen den
Ungarn Joszef Pinter. Morosewitsch verlor gar einen ganzen kostbaren
Punkt gegen Bogdan Lalic.
Runden 6 bis 8: Kaffee, bitte!
Sonntagmorgen 10 Uhr: Nicht alle Schachspieler spielen
gerne schon so früh. Auf die Schnelle noch einen Kaffee auf der
Terrasse des Hotel Hilton - und auf geht’s in die Schlacht! Die
vielen Jungstars in Mainz waren anscheinend gut ausgeschlafen: Grischuk,
Karjakin und Bacrot gewannen erneut ihre Partien. Der junge Franzose
war bereits im FiNet Open mit 7/7 gestartet. Kann der 21-Jährige
dieses Kunststück im ORDIX Open wiederholen?! Rublewski sah fit
und ausgeschlafen aus und gewann eine brillante Partie gegen die Weltmeisterin.
Damit katapultierte sich der Aeroflot-Open-Sieger somit wieder nach
oben, genauso wie Swagintsew und Waganjan. Ruslan Ponomarjow war noch
nicht richtig wach und büßte gegen IM Karsten Volke fast
alle Chancen auf den Turniersieg ein!
In der siebten Runde kämpften Grischuk und Bacrot
um die Führung. Der Gewinner des Vorjahres demonstrierte dabei
eindrucksvoll, dass er erneut den begehrten ORDIX-Titel gewinnen wollte.
Der Weltranglisten-16. gewann eine sehr gute Partie gegen den zwei Plätze
besser postierten Franzosen. Karjakin konnte dem mörderischen Tempo
nicht mehr folgen: Er verlor mit Weiß gegen Rublewski. Die große
deutsche Delegation konnte bis jetzt überzeugen: Arkadij Naiditsch
und Alexander Graf setzten sich in der siebten Runden durch und stehen
bei sechs Zählern. Auch Ches960-Open-Gewinner Zoltan Almasi ist
auf der Höhe bei der Chess960-Position Nummer 518, der klassischen
Startaufstellung: Mit 6/7 hat der 27-Jährige noch alle Chancen,
der erste Doppelsieger der Chess Classic zu werden!
In der achten Runden beweisen die Ergebnisse an den
Spitzenbrettern, wie ausgeglichen und hart umkämpft das Turnier
ist: Acht der ersten zehn Partien endeten - oft nach langer Kampf –
mit einem Remis. Das Duell Viorel Bologan kontra Yannick Pelletier ist
ein Höhepunkt des Turniers: Die Großmeister hackten wie im
Rausch auf die Uhr ein. Aber irgendwann endete das Endspiel mit einem
halben Punkt für jeden, nachdem beide Uhren 0:00 anzeigten! Im
Duell der Weltmeister besiegte Ponomarjow die Damen-Weltmeisterin Stefanowa.
Alexander Morosewitsch konnte von den vielen Remispartien profitieren
und rückte durch einen Sieg über den zehnmaligen ORDIX-Open-Teilnehmer
Klaus Bischoff wieder näher an die Spitze heran.
Runden 9 und 10: Money, Money, Money
Nerven aus Stahl sind wichtig in den letzten Runden
im ORDIX Open! Jetzt sind die wahren Schachspieler gefragt, die Nerven-
mit Spielstärke verbinden können. Spieler wie Grischuk und
Morosewitsch, die am Ende ein echtes Finale um den 11. ORDIX Open Titel
spielen. Aber zuerst schauen wir noch auf die Runden 9 und 10: Grischuk
hatte zunächst sehr viel Glück gegen Darmen Sadwakasow. Der
Kasache geriet erneut zur tragischen Figur. In einem Endspiel mit ungleichfarbigen
Läufern, aber vier verbundenen Bauern gegen einen weißen
Bauern, stellte er einen ein – und die Stellung war danach nicht
mehr zu gewinnen. Zielsicher strebte Grischuk eine Position an, in der
sein König stets auf f1 patt steht, sobald Schwarz die Bauern in
Richtung Umwandlungsfeld schiebt und ein Läuferopfer ermöglicht.
Aufgeregt mehrfach die Faust in die andere Hand schlagend rannte Sadwakasow
von der Bühne. Waganjan nahm ein bisschen Revanche für den
beim Aeroflot Open hauchdünn entgangenen Sieg an Rublewski. In
der vorletzten Runde hatte der Armenier allerdings trotz zwischenzeitlicher
Gewinnstellung gegen Grischuk das Nachsehen – die Uhr! Interessant
war die Partie um die „ukrainische Meisterschaft“: Sekundant
Karjakin schlug seinen Herrn, Ponomarjow! Vor der letzten Runde führte
so Alexander Grischuk alleine mit 9/10 vor Morosewitsch, der am zweiten
Tag von Sieg zu Sieg geeilt war. Der Russe hatte 8,5 Punkte, auch Alon
Greenfeld und Rustem Dautov kamen auf diese Zahl.
Die letzte Runde: Grischuk reicht Remis
Stellen Sie sich diese Situation vor: Sie haben die
einmalige Chance, das stärkste Schnellschach Open der Welt zu gewinnen,
entweder alleine oder zumindest geteilt. Sie sitzen auf der Bühne,
Zuschauer, Veranstalter, Sponsoren schauen gespannt zu, im Internet
wird die Partie live übertragen: Endlich, nach 10 Partien in 2
Tagen sehen Sie die Zielflagge. Aber was passiert: Greenfeld und Dautov
schütteln nach 31 Sekunden und sechs Zügen die Hände.
Schnell verschwinden die Spieler aus der Halle. Was sagen die Akteure
zu dieser „Partie“? Greenfeld fühlte sich zu müde,
um gegen Dautov nochmals anzugreifen - und Dautov sah mit Schwarz keine
Chance, mit Schwarz noch einmal knallhart auf Gewinn zu spielen. An
den anderen 40 ersten Brettern geht es blutrünstiger zu. Lediglich
sieben endeten friedlich. Das galt zwar auch für das Spitzenbrett,
aber Morosewitsch versuchte seinen Landsmann in Verlegenheit zu stürzen.
Als sich die Waage langsam zu Gunsten Grischuks zu senken drohte, fügte
sich der Weltranglistenvierte in sein Schicksal. Er bot mit der Remisofferte
den Turniersieg auf dem Präsentierteller, sein russischer Landsmann
griff natürlich sofort zu. In beiden Jahren blieb Grischuk damit
im ORDIX Open ungeschlagen und gab insgesamt lediglich sechs Remis ab!
Gleich neun Großmeister folgten mit einem halben Zähler Rückstand,
nur getrennt durch die Buchholz-Wertung: Rafael Waganjan, Sergej Rublewski,
Rustem Dautov, Wadim Swagintsew, Yasser Seirawan, Alexander Morosewitsch
und Alon Greenfeld. Artur Kogan spielte ein starkes Turnier. „Mit
meiner Performance hätte ich bei jedem anderen Turnier einen Haufen
Geld gewonnen – hier weiß ich nicht einmal, ob acht Punkte
zu zehn Euro reichen“, scherzte der auf Platz 26 einkommende Emsdettener
Großmeister und tröstete sich, „das ORDIX Open ist
unglaublich stark.“ Weltmeisterin Stefanowa schlug in dieselbe
Kerbe: „Das ist ein großartiges Turnier, bei dem man auf
so viele starke Spieler trifft! Ich traf auf Ponomarjow, Rublewski,
Bologan und Epischin“, nannte die 25-jährige Bulgarin vier
Super-GM und zeigte sich mit ihren 7,5 Zählern zufrieden, „obwohl
mich heute einige meiner Partien an Chess960 erinnerten …“
Almasi in Kombinationswertung vorne
Die Kombinationswertung beider Open gewann Chess960-Sieger
Zoltan Almasi (18 Punkte) vor Grischuk, Rublewski und Morosewitsch (alle
17,5). Bei den Senioren lag Vlastimil Hort (7,5 im ORDIX Open wie im
Chess960) in allen Wertungen vorne. Bei den Damen setzte sich Alexej
Schirows Ehefrau Viktorija Cmilyte (8,5 Punkte im ORDIX Open und insgesamt
15) vor Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa (7,5/14,5) und Inna Gaponenko
(7,5/14) durch. Die Jugendwertung ging an Sergej Karjakin (8/15,5) vor
dem Deutschen David Baramidse (7/13,5), der ein gutes Turnier spielte.
Die Baden-Ooser Damen-Bundesligaspielerin Elisabeth Pähtz belegte
im ORDIX Open mit 8 Punkten in der Frauenwertung einen hervorragenden
zweiten Platz. Cmilyte, die während der Chess Classic 21 Jahre
alt wurde, freute sich ganz besonders über ihr exzellentes Abschneiden.
„Ich dachte niemals, dass ich so weit nach vorne kommen kann!
Die letzten drei Runden gewann ich alle Partien. Vor allem gegen Jewgeni
Agrest spielte ich in der letzten Runde toll. Die Partie muss ich mir
zu Hause unbedingt aufschreiben und kommentieren“, sprudelte es
aus der „sehr glücklichen“ Schirow-Gattin heraus. Cmilyte
zeigte nicht nur einen sehenswerten Opferreigen gegen den starken Schweden
Agrest, sondern traf auch noch auf weitere nominell deutlich überlegene
Großmeister wie Jussupow, Vadim Milov, Ulf Andersson, Pawel Tregubow
und Wladimir Potkin.
|
|

|