Exzentriker, Erfinder, Eremit:
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Bobby
Fischer ging wieder ins Exil und verschwand einfach von der Bildfläche.
Einige Zeit lebte er in Budapest ganz in der Nähe des berühmten St. Lukac Badehaus im alten Stadtteil Buda.
Während dieser Zeit entwickelte sich auch eine Beziehung zwischen Bobby Fischer und der damals 18-jährigen Zita Rajcsanyi (Bild), die zunächst als Brieffreundschaft begann.
Als diese Romanze nach weniger als einem Jahr in die Brüche ging, war Bobby Fischer Hausgast bei den Polgar-Schwestern in Budapest.
Susan
(Bild rechts im Privatspiel) und Judit Polgar waren Schach-Stars in
Ungarn und dominierten das Frauen-Schach.
Judit war so gut, daß sie auf Wettkämpfe gegen andere Frauen verzichtete und sich dem eher ebenbürtigen Kampf mit Männern stellte.
Dort stieß sie sogar unter die TOP-10 der Weltrangliste vor. Doch wo war Bobby Fischer?
Im
Jahre 1990 verbrachte er fast ein ganzes Jahr in Seeheim an der Bergstrasse,
nahe Darmstadt.
Petra Stadler hatte 1988 einen Brief an Bobby Fischer geschrieben, Bobby Fischer griff impulsiv zum Telefon und sie verabredeten sich zu einem Besuch in Los Angeles - kurz darauf zog Bobby Fischer dann nach Deutschland.
Später schrieb Petra Stadler (Bild), die 1992 den russischen Schachgroßmeister Rustem Dautov geheiratet hatte, das Buch "Bobby Fischer - wie er wirklich ist. Ein Jahr mit dem Schachgenie".
GM Rustom Dautov, gebürtig in Ufa (Rußland) wiederum war während seines Militärdienst in Ostdeutschland mit der deutschen Sprache in Berührung gekommen.
Nach der Wende quittierte er seinen Militärdienst, siedelte 1991 nach Deutschland (Seeheim an der Bergstraße) um, heiratete 1992 Petra Stadler und erhielt 1996 die deutsche Staatsangehörigkeit.
Als
Sekundant betreute er GM Vishy Anand (Bild: Links Dautov, rechts Anand)
beim Dortmunder Sparkassenturnier 2003, spielt beim SC Baden-Oos mit
GM Anand in der Schachbundesliga.
Die Vorbereitung auf die anstehenden Turniere in Dortmund und den Chess
Classic Mainz führen GM Anand und GM Dautov nach Bad Soden, wo
sie mit Chess Classic Präsident und Excecutive Director der
World New Chess Association Hans-Walter Schmitt gelegentlich auch mal
über Chess960 fachsimpeln und über den Mythos der Zahlen zu
diskutieren.
Der Zufall wollte es, daß das erste Spessart-Turnier am 09.06.96 gespielt wurde, ein Datum, welches die Ziffern 960 enthält und das gar zweimal, wie sie auch in Chess960 oder/und Schach960 vorkommt. Und wenn die Sprache auf die Ausgangsposition 518, der Ausgangsposition im "klassischen" Schach kommt, behaupten böswillige Bekenner bisweilen, es wäre ja so routinemässig langweilig wie 08/15, die umgekehrte Ziffernfolge von 518.
So schliesst sich der Kreis. Doch wo war Bobby Fischer?
Fischer zog im Januar 2000 nach Japan und lebte dort für weitere drei Jahre, später auf den Philippinen. Fischer war süchtig nach Anonymität - im fernen Japan fand er sie und blieb in der japanischen Öffentlichkeit weitgehend unerkannt.
Doch schon 1992, zum Zeitpunkt seines WM-Revanche-Kampf gegen Boris Spassky in Jugoslawien zeigte sich, daß Eremit und Exzentriker Bobby Fischer einen veritablen Gegenspieler bekam, der ihm zwar nicht am Brett gegenüber saß, aber durch seine allgegenwärtige Präsenz das Leben zur Hölle machte.
Hinter der OFAC (Office of Foreign Asset Control) verbarg sich der verlängerte Arm der US-Regierung, die mit Regelwerk und Gesetzen ein globales Spinnen-Netz zur Überwachung und Konfiszierung unliebsamer Personen, Organisationen und deren Finanztransaktionen aufgebaut hat.
Der Eröffnungszug im Paranoia-Gambit zwischen Bobby Fischer und
der US-Regierung begann schon zu Beginn des "Kalten Kriegs"
in den 1950er Jahren, als Bobby Fischers Mutter vom FBI beobachtet wurde.
Regina Fischer - so wurde vermutet - könnte eine Sowjet-Spionin
sein: Sie beherrschte 8 Sprachen, lebte von 1933 bis 1938 in Moskau,
später in Chicago und New York und war mit dem deutschen Wissenschaftler
Hans-Gerhardt Fischer verheiratet.
Sie scheute sich nicht, die schachlichen Interessen ihres Sohnes Bobbys auch mit ungewöhnlichen Mitteln zu vertreten. So berichtete die New York Times am 6. Oktober 1960 vom Hungerstreik Regina Fischers, um die American Chess Federation die Finanzierung und damit Teilnahme des US-Schach-Teams an der Schach-Olympiade 1960 zu ermöglichen. Es ging um die Summe von 6.818 US-Dollar.
Bobby Fischers weitere Züge im Paranoia-Gambit konzentrierten sich auf die Auseinandersetzung im Zusammenhang mit dem Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik - diese Details sind Thema des gerade veröffentlichten Buchs "Bobby Fischer Goes to War".
Im Zusammenhang mit dem WM-Rematch 1992 in Jugoslawien kam dann von der US-Regierung die bisher schärfste Widerlegung des Paranoia-Gambit: Bobby Fischer wurden Verhaftung, Gefängnis und Geldstrafen angedroht, weil er mit dem Schach-Showdown gegen das Jugoslawien-Embargo verstoßen hatte.

Bobby Fischer mußte in diesem Gambit mehr Opfer bringen, als ihm lieb war. Er verlor jegliche Zugriffsmöglichkeiten auf die Verlags-Kontrakte für seine US-Schachbücher und damit auf Tantiemen aus den Buchverkäufen, war quasi bankrott und ohne Wohnsitz (Radio-Interview mit Rene Chun, Bobby-Fischer-Biograf und Melissa Block bei NPR). Als seine Mutter in Jahre 1997 an Krebs starb, mußte er auf seine Teilnahme an der Beerdigung verzichten - es drohte ihm die Verhaftung, sobald er US-Territorium betreten würde.
Es folgte ein Leben in der ausländischen Anonymität mit Stationen in Europa, Japan und den Philippinen. Seine Anti-US-Paranoia verstärkte sich und manifestierte sich in einigen berühmt-berüchtigten Radio-Interviews und kritischen Äußerungen zu Antisemitismus und den Terror-Anschlägen auf das New Yorker World-Trade-Center vom 11. September 2001.
Nun
trat am 15. Juli 2004 am Narita-Flughafen in Tokio das Paranoia-Gambit
in seine kritische Phase. Unter dem Vorwand, daß Bobby Fischers
US-Reisepaß von der Regierung eingezogen und ungültig erklärt
wurde, konstruierten die Behörden einen Verstoß gegen die
Einreisebestimmungen.
Bobby Fischer wurde verhaftet, als er einen Flug nach den Philippinen besteigen wollte und sitzt nun im Flughafen-Gefängnis in Tokio. Miyoko Watai von der Japan Chess Association (Bild) und eine Vertraute von Fischer sprach mit ihm unmittelbar nach seiner Verhaftung und deutete an, daß gegen die Verhaftung und drohende Auslieferung in die USA Beschwerde eingelegt würde.
Im Umgang mit unliebsamen Schachspielern oder ausländischen Regierungen waren die US-Behörden auch schon in der Vergangenheit nicht ganz frei von - nun ja, man könnte es diplomatisch mit "Gelassenheit" umschreiben.
Als in 1965 in Havanna das Capablanca Memorial Turnier stattfand, durfte Bobby Fischer aufgrund des Cuba-Embargos nicht persönlich anreisen. Er spielte seine Partien im Marshall Chess Club in New York, welcher über Telex mit dem Spiel-Lokal in Havanna verbunden war. Jede der Partien dauerte bis zu sieben Stunden, und am Ende des Turniers präsentierten die USA eine Rechnung von über US-$ 10'000.- für angefallene Telex-Kosten.
Mehr als ein Jahrzehnt später belegte Guillermo Garcia, dreifacher kubanischer Meister, beim 1988 New York Open Turnier den zweiten Platz und erhielt ein Preisgeld von US-$ 10'000.- Doch er konnte sich nicht lange darüber freuen: Das US-Schatzamt konfiszierte den Gewinn auf der Grundlage eines Kriegshandelsgesetz von 1917 (Trading with the Enemy Act), weil Garcia kubanischer Staatsbürger war.
Boris Spassky, Bobby Fischers Kontrahent im bedeutungsvollen 1992-Embargo-Match lebt in der Nähe von Paris in Frankreich und mußte sich bisher über keinerlei Maßnahmen der US-Behörden oder der französischen Regierung beunruhigen.
Die weitere Entwicklung nach der Verhaftung von Bobby Fischer ist noch
nicht abzuschätzen, doch schon jetzt sind die Zeichen klar: Der
Umgang mit unbequemen Sporthelden der US-Nation gestaltete sich schon
immer als schwierig.
Als
Muhammed Ali, Olympia-Sieger und Box-Weltmeister aller Klassen (Bild)
sein Gewissen und Haltung in der Anti-Vietnam-Kriegsbewegung äußerte
und konsequent die Einberufung zum Militärdienst ablehnte, war
der Konflikt vorgegeben.
Ali erhielt einen Vorschlag, wie ein solcher "Kriegsdienst" denn aussehen könnte: er könne Schaukämpfe führen, genau wie es Joe Louis während des Zweiten Weltkriegs zum Amüsement der Soldaten getan hatte.
Als dann Alis Name während der Einführungszeremonie in Houston ('Texas) aufgerufen wurde, weigerte er sich nach vorne zu treten und demonstrierte seine moralische Haltung. Innerhalb einer Stunde wurde ihm der Box-Titel aberkannt und seine Box-Lizenz entzogen, später wurde er zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe und einer Geldstrafe in Höhe von 10.000 Dollar verurteilt. Es sollte der Beginn eines dreijährigen Exils vom Boxring werden. Ali mußte sieben Jahre warten um sich seinen Titel zurück zu holen.
Ungeachtet
der weltweiten Publizität um Bobby Fischers Verhaftung in Tokio
wird Fischers Erfindung weiter propagiert.
Die World New Chess Association (WNCA) wurde gegründet, um Chess960 unabhängig von bestehenden Verbänden und Organisationen zu fördern.
Hans-Walter
Schmitt beglückwünscht Levan Aronian als neuen Herausforderer
von Weltmeister Peter Svidler im Chess960.
Und Hans-Walter Schmitt, vor 8 Jahren als Geburtshelfer von Chess960
im Spessart dabei, hat dieser Schachvariante bei den Chess Classic Mainz
einen würdigen Rahmen verliehen.
Im Jahre 2003 kam es zum Duell der Chess960-Spitzenspieler Peter Swidler und Peter Leko, nach harten Kämpfen konnte sich Peter Svidler über den Weltmeistertitel in Chess960 freuen.
Im Qualifikations-Turnier setzte sich GM Levan Aronian (Im Bild links mit Hans-Walter Schmitt (rechts) bei der Siegerehrung) durch und ist daher Herausforderer Nummer eins von Peter Swidler um die Krone im Chess960.
Bei der Wahl des Veranstaltungsorts in Mainz hat Schmitt einmal mehr ein glückliches Händchen gehabt: In unmittelbarer Nähe der Spielsäle liegt das Gutenberg-Museum mit der historischen Buchdrucker-Presse, die im Mittelalter eine Revolution für die Weiterverbreitung des geschriebenen Worts bedeutete. Ob mit der WM-Runde Chess960 ein ähnlicher Impuls für diese Schach-Revolution ausgeht, bleibt abzuwarten. Die Weichen sind gestellt.
Philadelphia Inquirer: Das
FBI-Dossier über Regina Fischer.
Rene Chun: Bobby Fischer's Pathetic Endgame - The
Atlantic Monthly, December 2002.
Der Verstoss gegen das Jugoslawien-Embargo: A
threatening letter to Bobby Fischer.
Petra Dautov: Bobby Fischer - wie er wirklich ist. Ein
Jahr mit dem Schachgenie.
Die Schachpartien von Robert James Fischer bei Chessgames.com.
Die Vereins-Chronik von SC Frankfurt-West: Berichte
aus dem Wirtshaus im Spessart 1996.
Video (WMV-Format für Windows Media Player): Radio-Interview
von Melissa Block (NPR) mit Rene Chun, Bobby-Fischer-Biograf vom
16. Juli 2004: "All things considered".
Bobby Fischer Video
Fragmente: das Jugoslawien-Embargo, Sofia Polgar über Bobby
Fischer, Bobby Fischer beim Simultan, ein Interview mit Bobby Fischer
im Park, Szenen aus dem WM-Match 1972.
Bad Soden, 20. Juli 2004
Gerhard Kenk