Exzentriker, Erfinder, Eremit:
Bobby Fischers Leben zwischen Schwarz und Weiß

 

Die Geburtsstunde

Mit allen möglichen Besuchern hatte Kurt Haas, Wirt des Spessart-Restaurants "Zur Sonne" in dem gottverlassenen Flecken Schollbrunn (Bild) - irgendwo auf dem Weg zwischen Aschaffenburg und Würzburg gelegen - gerechnet. Mit Wanderern, mit Dorfbewohnern, mit gelegentlichem Besuch der bayerisch-fränkischen Blasmusik, ja sogar der Besuch des Zirkelschmieds und des Goldarbeiters aus Christian Hauff's Märchen "Das Wirtshaus im Spessart" hätten ihn nicht sonderlich überrascht. All seinen bodenständigen Gästen serviert er dann bodenständige Kost, fränkische Zipfel, Kraut und Bier, oder gar einen Frankenwein, wenn's denn was besseres sein soll.

Doch als am 9. Juni 1996 eine sonderbare Gruppe von Großstädtern aus dem fernen Frankfurt am Main sich in die Gaststube zwängte, angeführt von einem bärtigen, untersetzen Mitt-Vierziger mit Schalk in den Augen, war es um die Contenance des Wirts geschehen. Als diese dann auch noch Schachbretter aufstellten und eine richtige Geheimniskrämerei um die Aufstellung der Figuren machten, war es mit der Ruhe endgültig vorbei.

 

Das Wikinger-Syndrom

Was der Wirt im tiefsten Spessart erlebte - ohne den historischen Moment so richtig würdigen zu können - , war die eigentliche öffentliche Geburtsstunde des Fischer-Random-Chess oder auch Chess960 genannt. (Die Chronik: Berichte aus dem Wirtshaus im Spessart). Doch wie schon der sagenumwobene Entdecker Nordamerikas, der Wikinger Leif Eriksen, wurden auch die Frankfurter Schachspieler um Hans-Walter Schmitt ein Opfer des Wikinger-Syndroms: Columbus und später Bobby Fischer bedienten sich einfach einer besseren Public-Relations-Maschinerie. Doch wo war Bobby Fischer?

Wenige Wochen später kam Bobby Fischer jedoch wie ein Columbus der Schachwelt daher. Als leibhaftiger ex-US-Weltmeister hatte er 1972 im Schach-Match des Jahrhunderts der Phalanx des sowjetrussischen Schachs Paroli geboten - und sich dann aus dem aktiven Turnierschach zurückgezogen. Jetzt im Jahre 1996 wollte er seine Erfindung gebührend mit einem prestigeträchtigen Eröffnungs-Match in Buenos Aires zwischen dem zweifachen Argentinien-Schach-Meister Pablo Ricardi und dem ersten asiatischen Großmeister, Eugene Torre aus den Philippinen, propagieren. Doch die offiziell geplante Geburtsstunde des Fischer-Random-Chess geriet zur Fehlgeburt: Bobby Fischer überwarf sich mit den Organisatoren des Matches, und das war das Ende der Geburt bevor sie überhaupt begonnen hatte.

 

Die Erfindung

Als Bobby Fischer zur Vorbereitung seines WM-Rematch gegen Boris Spassky in Jugoslawien nach 20 Jahren Abwesenheit vom Welt- und Turnierschach sich auf diesen Zweikampf vorbereitete, wurde er von seinen Sekundanten mit Kilogramm schweren Neuerungen in der Eröffnungstheorie konfrontiert.

Spätestens da erkannte der Ex-Weltmeister, daß sich Schach in immer feineren Verästelungen der Theorie weiter entwickelt hat, das ursprüngliche Spiel drohte verloren zu gehen.

Bevorteilt wurden nicht nur das schachliche Talent eines Spielers, sondern Trainingsfleiß, Gedächtnis, nahezu unbegrenzte Zeit für Theorie- und Eröffnungsstudien. Computerschach, Datenbanken und Internet ließen später den weltweiten Wissensstand explodieren.

Aus dieser Erkenntnis heraus schuf Bobby Fischer das Konzept Fischer-Random-Chess: Die Ausgangsposition der Figuren sind nicht wie beim klassischen Schach in immer der gleichen Aufstellung, sondern werden kurz vor Beginn der Partie ausgelost, so daß der Zufall im Rahmen gewisser Einschränkungen die Anfangsstellung bestimmt.

Bei dieser Auslosung können insgesamt 960 verschiedene Startpositionen entstehen, deshalb wird dieses Konzept auch Chess960 genannt. Die allseits bekannte "klassische" Ausgangsposition ist übrigens in Chess960 die Startposition 518. Es wäre wichtig, so Fischers Überzeugung, zu den Wurzeln des schachlichen Denkens zurückzukehren und ausgetretene Pfade der Eröffnungstheorie zu verlassen.


 

 

 

 

Die Biografie

Bobby Fischers Leben ist eine Achterbahn zwischen Weiß und Schwarz: Wunderkind, Weltmeister, Alptraum der Sowjet-Allmacht im Welt-Schach. US-Hero im Kalten Krieg, Enfant Terrible für Veranstalter und Verbandsfunktionäre, Vorkämpfer für besser dotierte Turnierteilnahmen, Erfinder, Eremit, Embargo-Ignorant.

  • Robert (Bobby) James Fischer wird am 9. März 1943 in Chicago, Illinois geboren.
  • Seine Mutter Regina Wender (Bild), eine Krankenschwester, trennte sich von Bobbys Vater, dem aus Berlin stammenden Gerhardt Fischer, als Bobby zwei Jahre alt war.
  • Seine Mutter zog mit Bobby und seiner älteren Schwester Joan nach New York, um dort ein Studium an der New York University aufzunehmen.
  • Für die allein erziehende Mutter fehlte das Geld vorne und hinten - Bobbys ältere Schwester Joan mußte auf ihn aufpassen, während die Mutter jobbte.
  • Im zarten Alter von sechs Jahren lernte Bobby das Schachspiel, und es dauerte nur ein Jahr, bis Bobby von dem Spiel so fasziniert war, daß er diesem alles unterordnete.
  • Am 17. Januar 1951 spielte er in einem Simultan-Match gegen Max Pavey, verlor in 15 Minuten und wurde kurz danach Mitglied im Brooklyn Chess Club in New York.
  • 1953, gerade mal 10 Jahre alt, spielte er in seinem ersten Schachturnier, den Brooklyn Chess Club Champions und erreichte Rang 5. Es folgte eine Bilderbuch-Karriere des Schach-Wunderkindes: jüngster US-Meister, jüngster Großmeister und Gewinner des Weltmeister-Kandidaten-Turniers.
  • Während seines unaufhaltsamen Aufstiegs in der Schachwelt verlies er er schon früh die Schule, um sich vollzeitig dem Schach zu widmen. Nach formalen Schulbildungskriterien war Bobby (Foto) nur ein mittelmäßiger Schüler, doch er besaß einen IQ von 180 und ein ungewöhnliches Gedächtnis.
  • Als er 1970 in Herci Novi im damaligen Jugoslawien die inoffizielle Weltmeisterschaft im 5-Minuten-Schach gewann, gab er nach dem Turnier eine Kostprobe seines Gedächtnisses ab: Auswendig demonstrierte er alle Züge seiner gespielten 22 Partien, die insgesamt mehr als 1000 Züge umfaßten.
  • Seit 1962 begann Bobby Fischer, FIDE Turniere zu boykottieren, weil er damit gegen die russische Pläne, Turnier- und Spielergebnisse vorher abzusprechen, protestierte.
  • Am 1. September 1972 gewann Bobby Fischer den Weltmeistertitel in einem sensationellen Match gegen Boris Spassky (Sowjetunion).

Mit dem Sieg in Reykjavik (Island) in diesem als "Schach-Match des Jahrhunderts" bezeichnet, war Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Sein Bild zitierte die Titelseite von LIFE Magazin, er wurde vom New Yorker Bürgermeister Lindsay empfangen - und er symbolisierte wie wenige vor ihm, daß eine einzelne Person quasi wie ein IQ-Rambo im Kalten Krieg die Phalanx der Sowjet-Schach-Maschine besiegen konnte.

 
 
 
   

 

  • Es zeigten sich jedoch schon damals die Anzeichen einer als Monomanie bezeichneten Verhaltensweise, die absolute Konzentration auf eine einzige Idee oder Sache. Zunächst war es in jungen Jahren Schach, später wurde es zu einer paranoiden Sowjetphobie, wie die BBC-Reporter David Edmonds und John Eidinow in ihrem Buch "Bobby Fischer goes to War" enthüllten (Spiegel-Online).
  • Am 3. April 1975 verlor er seinen Weltmeisterschaftstitel kampflos gegen Anatoly Karpov, weil er sich mit den FIDE-Organisatoren überworfen hatte.
  • 1977 spielte Bobby Fischer 3 Spiele gegen ein Computer Programm von MIT. Er lehnte ein $ 250.000 Angebot für ein Match in Las Vegas ab und verzichtete auf $ 3 Millionen, um in einem Turnier auf den Philippinen zu spielen.
  • 1978 verklagte er ein US-Magazin auf $ 3.2 Millionen unter dem Vorwurf, seine Unterhaltungen ohne Einwilligung aufgezeichnet zu haben.
  • Im Mai 1981 wurde Bobby Fischer in Pasadena (California) verhaftet, weil ein Polizist geglaubt hatte, daß er mit der Personenbeschreibung eines Bankräubers übereinstimmt.
  • 1988 ließ Bobby Fischer eine Digitale Schachuhr patentieren, die jeweils zwei Minuten pro Zug hinzuaddieren konnte.
  • Am 1. September 1992 beendete er seine freiwillige Abstinenz vom Weltschach und gab eine Pressekonferenz in Jugoslawien. Dort präsentierte er auch ein Schriftstück des amerikanischen Schatzamts (U.S. Treasury) mit einer Warnung, daß er gegen U.S. Sanktionen verstoßen würde, falls er in Jugoslawien ein Schach-Match bestreiten würde. Voll Verachtung spuckte er auf diese Anweisung. Als Embargo-Brecher wurde ein Haftbefehl gegen Bobby Fischer ausgestellt, ihm drohen bis zu 10 Jahren Gefängnis und 250.000 Dollar Geldstrafe, falls er je in die USA zurück kehren sollten. (Video)
  • Am 30. September 1992 begann er sein WM-Rematch gegen Boris Spassky in Sveti Stefan, Jugoslawien. Er gewann das Match und kassierte dafür 3.65 Millionen Dollar, Boris Spassky erhielt 1.5 Millionen Dollar.
  • 1996 besuchte Bobby Fischer Argentinien, um dort seine Erfindung "Fischer Random Chess" oder Chess960 zu promoten.

 

Das Phänomen

Bobby Fischer ging wieder ins Exil und verschwand einfach von der Bildfläche.

Einige Zeit lebte er in Budapest ganz in der Nähe des berühmten St. Lukac Badehaus im alten Stadtteil Buda.

Während dieser Zeit entwickelte sich auch eine Beziehung zwischen Bobby Fischer und der damals 18-jährigen Zita Rajcsanyi (Bild), die zunächst als Brieffreundschaft begann.

Als diese Romanze nach weniger als einem Jahr in die Brüche ging, war Bobby Fischer Hausgast bei den Polgar-Schwestern in Budapest.

Susan (Bild rechts im Privatspiel) und Judit Polgar waren Schach-Stars in Ungarn und dominierten das Frauen-Schach.

Judit war so gut, daß sie auf Wettkämpfe gegen andere Frauen verzichtete und sich dem eher ebenbürtigen Kampf mit Männern stellte.

Dort stieß sie sogar unter die TOP-10 der Weltrangliste vor. Doch wo war Bobby Fischer?

Im Jahre 1990 verbrachte er fast ein ganzes Jahr in Seeheim an der Bergstrasse, nahe Darmstadt.

Petra Stadler hatte 1988 einen Brief an Bobby Fischer geschrieben, Bobby Fischer griff impulsiv zum Telefon und sie verabredeten sich zu einem Besuch in Los Angeles - kurz darauf zog Bobby Fischer dann nach Deutschland.

Später schrieb Petra Stadler (Bild), die 1992 den russischen Schachgroßmeister Rustem Dautov geheiratet hatte, das Buch "Bobby Fischer - wie er wirklich ist. Ein Jahr mit dem Schachgenie".

GM Rustom Dautov, gebürtig in Ufa (Rußland) wiederum war während seines Militärdienst in Ostdeutschland mit der deutschen Sprache in Berührung gekommen.

Nach der Wende quittierte er seinen Militärdienst, siedelte 1991 nach Deutschland (Seeheim an der Bergstraße) um, heiratete 1992 Petra Stadler und erhielt 1996 die deutsche Staatsangehörigkeit.

Als Sekundant betreute er GM Vishy Anand (Bild: Links Dautov, rechts Anand) beim Dortmunder Sparkassenturnier 2003, spielt beim SC Baden-Oos mit GM Anand in der Schachbundesliga.

Die Vorbereitung auf die anstehenden Turniere in Dortmund und den Chess Classic Mainz führen GM Anand und GM Dautov nach Bad Soden, wo sie mit Chess Classic Präsident und Excecutive Director der
World New Chess Association Hans-Walter Schmitt gelegentlich auch mal über Chess960 fachsimpeln und über den Mythos der Zahlen zu diskutieren.

Der Zufall wollte es, daß das erste Spessart-Turnier am 09.06.96 gespielt wurde, ein Datum, welches die Ziffern 960 enthält und das gar zweimal, wie sie auch in Chess960 oder/und Schach960 vorkommt. Und wenn die Sprache auf die Ausgangsposition 518, der Ausgangsposition im "klassischen" Schach kommt, behaupten böswillige Bekenner bisweilen, es wäre ja so routinemässig langweilig wie 08/15, die umgekehrte Ziffernfolge von 518.

So schliesst sich der Kreis. Doch wo war Bobby Fischer?

 

Das Paranoia-Gambit

Fischer zog im Januar 2000 nach Japan und lebte dort für weitere drei Jahre, später auf den Philippinen. Fischer war süchtig nach Anonymität - im fernen Japan fand er sie und blieb in der japanischen Öffentlichkeit weitgehend unerkannt.

Doch schon 1992, zum Zeitpunkt seines WM-Revanche-Kampf gegen Boris Spassky in Jugoslawien zeigte sich, daß Eremit und Exzentriker Bobby Fischer einen veritablen Gegenspieler bekam, der ihm zwar nicht am Brett gegenüber saß, aber durch seine allgegenwärtige Präsenz das Leben zur Hölle machte.

Hinter der OFAC (Office of Foreign Asset Control) verbarg sich der verlängerte Arm der US-Regierung, die mit Regelwerk und Gesetzen ein globales Spinnen-Netz zur Überwachung und Konfiszierung unliebsamer Personen, Organisationen und deren Finanztransaktionen aufgebaut hat.

Der Eröffnungszug im Paranoia-Gambit zwischen Bobby Fischer und der US-Regierung begann schon zu Beginn des "Kalten Kriegs" in den 1950er Jahren, als Bobby Fischers Mutter vom FBI beobachtet wurde. Regina Fischer - so wurde vermutet - könnte eine Sowjet-Spionin sein: Sie beherrschte 8 Sprachen, lebte von 1933 bis 1938 in Moskau, später in Chicago und New York und war mit dem deutschen Wissenschaftler Hans-Gerhardt Fischer verheiratet.

Sie scheute sich nicht, die schachlichen Interessen ihres Sohnes Bobbys auch mit ungewöhnlichen Mitteln zu vertreten. So berichtete die New York Times am 6. Oktober 1960 vom Hungerstreik Regina Fischers, um die American Chess Federation die Finanzierung und damit Teilnahme des US-Schach-Teams an der Schach-Olympiade 1960 zu ermöglichen. Es ging um die Summe von 6.818 US-Dollar.

Bobby Fischers weitere Züge im Paranoia-Gambit konzentrierten sich auf die Auseinandersetzung im Zusammenhang mit dem Weltmeisterschaftskampf 1972 in Reykjavik - diese Details sind Thema des gerade veröffentlichten Buchs "Bobby Fischer Goes to War".

Im Zusammenhang mit dem WM-Rematch 1992 in Jugoslawien kam dann von der US-Regierung die bisher schärfste Widerlegung des Paranoia-Gambit: Bobby Fischer wurden Verhaftung, Gefängnis und Geldstrafen angedroht, weil er mit dem Schach-Showdown gegen das Jugoslawien-Embargo verstoßen hatte.

Bobby Fischer mußte in diesem Gambit mehr Opfer bringen, als ihm lieb war. Er verlor jegliche Zugriffsmöglichkeiten auf die Verlags-Kontrakte für seine US-Schachbücher und damit auf Tantiemen aus den Buchverkäufen, war quasi bankrott und ohne Wohnsitz (Radio-Interview mit Rene Chun, Bobby-Fischer-Biograf und Melissa Block bei NPR). Als seine Mutter in Jahre 1997 an Krebs starb, mußte er auf seine Teilnahme an der Beerdigung verzichten - es drohte ihm die Verhaftung, sobald er US-Territorium betreten würde.

Es folgte ein Leben in der ausländischen Anonymität mit Stationen in Europa, Japan und den Philippinen. Seine Anti-US-Paranoia verstärkte sich und manifestierte sich in einigen berühmt-berüchtigten Radio-Interviews und kritischen Äußerungen zu Antisemitismus und den Terror-Anschlägen auf das New Yorker World-Trade-Center vom 11. September 2001.

Nun trat am 15. Juli 2004 am Narita-Flughafen in Tokio das Paranoia-Gambit in seine kritische Phase. Unter dem Vorwand, daß Bobby Fischers US-Reisepaß von der Regierung eingezogen und ungültig erklärt wurde, konstruierten die Behörden einen Verstoß gegen die Einreisebestimmungen.

Bobby Fischer wurde verhaftet, als er einen Flug nach den Philippinen besteigen wollte und sitzt nun im Flughafen-Gefängnis in Tokio. Miyoko Watai von der Japan Chess Association (Bild) und eine Vertraute von Fischer sprach mit ihm unmittelbar nach seiner Verhaftung und deutete an, daß gegen die Verhaftung und drohende Auslieferung in die USA Beschwerde eingelegt würde.

Im Umgang mit unliebsamen Schachspielern oder ausländischen Regierungen waren die US-Behörden auch schon in der Vergangenheit nicht ganz frei von - nun ja, man könnte es diplomatisch mit "Gelassenheit" umschreiben.

Als in 1965 in Havanna das Capablanca Memorial Turnier stattfand, durfte Bobby Fischer aufgrund des Cuba-Embargos nicht persönlich anreisen. Er spielte seine Partien im Marshall Chess Club in New York, welcher über Telex mit dem Spiel-Lokal in Havanna verbunden war. Jede der Partien dauerte bis zu sieben Stunden, und am Ende des Turniers präsentierten die USA eine Rechnung von über US-$ 10'000.- für angefallene Telex-Kosten.

Mehr als ein Jahrzehnt später belegte Guillermo Garcia, dreifacher kubanischer Meister, beim 1988 New York Open Turnier den zweiten Platz und erhielt ein Preisgeld von US-$ 10'000.- Doch er konnte sich nicht lange darüber freuen: Das US-Schatzamt konfiszierte den Gewinn auf der Grundlage eines Kriegshandelsgesetz von 1917 (Trading with the Enemy Act), weil Garcia kubanischer Staatsbürger war.

Boris Spassky, Bobby Fischers Kontrahent im bedeutungsvollen 1992-Embargo-Match lebt in der Nähe von Paris in Frankreich und mußte sich bisher über keinerlei Maßnahmen der US-Behörden oder der französischen Regierung beunruhigen.

Die weitere Entwicklung nach der Verhaftung von Bobby Fischer ist noch nicht abzuschätzen, doch schon jetzt sind die Zeichen klar: Der Umgang mit unbequemen Sporthelden der US-Nation gestaltete sich schon immer als schwierig.

Als Muhammed Ali, Olympia-Sieger und Box-Weltmeister aller Klassen (Bild) sein Gewissen und Haltung in der Anti-Vietnam-Kriegsbewegung äußerte und konsequent die Einberufung zum Militärdienst ablehnte, war der Konflikt vorgegeben.

Ali erhielt einen Vorschlag, wie ein solcher "Kriegsdienst" denn aussehen könnte: er könne Schaukämpfe führen, genau wie es Joe Louis während des Zweiten Weltkriegs zum Amüsement der Soldaten getan hatte.

Als dann Alis Name während der Einführungszeremonie in Houston ('Texas) aufgerufen wurde, weigerte er sich nach vorne zu treten und demonstrierte seine moralische Haltung. Innerhalb einer Stunde wurde ihm der Box-Titel aberkannt und seine Box-Lizenz entzogen, später wurde er zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe und einer Geldstrafe in Höhe von 10.000 Dollar verurteilt. Es sollte der Beginn eines dreijährigen Exils vom Boxring werden. Ali mußte sieben Jahre warten um sich seinen Titel zurück zu holen.

 

Déja-Vu

Ungeachtet der weltweiten Publizität um Bobby Fischers Verhaftung in Tokio wird Fischers Erfindung weiter propagiert.

Die World New Chess Association (WNCA) wurde gegründet, um Chess960 unabhängig von bestehenden Verbänden und Organisationen zu fördern.

Hans-Walter Schmitt beglückwünscht Levan Aronian als neuen Herausforderer von Weltmeister Peter Svidler im Chess960.

Und Hans-Walter Schmitt, vor 8 Jahren als Geburtshelfer von Chess960 im Spessart dabei, hat dieser Schachvariante bei den Chess Classic Mainz einen würdigen Rahmen verliehen.

Im Jahre 2003 kam es zum Duell der Chess960-Spitzenspieler Peter Swidler und Peter Leko, nach harten Kämpfen konnte sich Peter Svidler über den Weltmeistertitel in Chess960 freuen.

Im Qualifikations-Turnier setzte sich GM Levan Aronian (Im Bild links mit Hans-Walter Schmitt (rechts) bei der Siegerehrung) durch und ist daher Herausforderer Nummer eins von Peter Swidler um die Krone im Chess960.

Bei der Wahl des Veranstaltungsorts in Mainz hat Schmitt einmal mehr ein glückliches Händchen gehabt: In unmittelbarer Nähe der Spielsäle liegt das Gutenberg-Museum mit der historischen Buchdrucker-Presse, die im Mittelalter eine Revolution für die Weiterverbreitung des geschriebenen Worts bedeutete. Ob mit der WM-Runde Chess960 ein ähnlicher Impuls für diese Schach-Revolution ausgeht, bleibt abzuwarten. Die Weichen sind gestellt.

 

Weiterführende Links

Philadelphia Inquirer: Das FBI-Dossier über Regina Fischer.
Rene Chun: Bobby Fischer's Pathetic Endgame - The Atlantic Monthly, December 2002.
Der Verstoss gegen das Jugoslawien-Embargo: A threatening letter to Bobby Fischer.
Petra Dautov: Bobby Fischer - wie er wirklich ist. Ein Jahr mit dem Schachgenie.
Die Schachpartien von Robert James Fischer bei Chessgames.com.
Die Vereins-Chronik von SC Frankfurt-West: Berichte aus dem Wirtshaus im Spessart 1996.
Video (WMV-Format für Windows Media Player): Radio-Interview von Melissa Block (NPR) mit Rene Chun, Bobby-Fischer-Biograf vom 16. Juli 2004: "All things considered".
Bobby Fischer Video Fragmente: das Jugoslawien-Embargo, Sofia Polgar über Bobby Fischer, Bobby Fischer beim Simultan, ein Interview mit Bobby Fischer im Park, Szenen aus dem WM-Match 1972.

Bad Soden, 20. Juli 2004
Gerhard Kenk